LZ überprüft Gerücht „Flüchtlinge nehmen Einheimischen günstige Wohnungen weg“

In den Städten ist günstiger Wohnraum rar und nun brauchen auch die Hilfesuchenden aus aller Welt eine neue Bleibe

Erol Kamisli

Akribische Suche: Wer eine günstige Wohnung mieten möchte, braucht derzeit viel Zeit und gute Nerven. - © Vera Gerstendorf-Welle
Akribische Suche: Wer eine günstige Wohnung mieten möchte, braucht derzeit viel Zeit und gute Nerven. (© Vera Gerstendorf-Welle)

Kreis Lippe. Die Flüchtlinge kommen in großer Zahl nach Lippe und „nehmen Einheimischen dann günstigen Wohnraum weg" – diese Behauptung haben wir im LZ-Faktenscheck überprüft. Immobilienexperten und Vertreter von Mietern, Vermietern, Sozialverbänden und Städten haben uns geantwortet.

Ralf Brodda, Geschäftsführer Mieterbund Ostwestfalen-Lippe und Umgebung: „In dieser Pauschalität stimmt es nicht." Aber es sei zu beobachten, dass Vermieter in Einzelfällen Einkommensschwache gegen Flüchtlinge ausspielten. Natürlich steige die Nachfrage nach Wohnraum mit jedem Flüchtling, der nach OWL komme. „Die Konkurrenz steigt, doch die Mieten müssen bezahlbar bleiben."

Dieter Brinker, Paritätischer Wohlfahrtsverband Kreis Lippe: Seit Jahren sei „bezahlbarer Wohnraum" eine Thema für soziale Einrichtungen und Wohlfahrtsverbände. Vor allem Menschen, die an der Armutsgrenze lebten oder von Armut betroffen seien, Alleinerziehende, Senioren und Menschen mit Handicaps seien die „Verlierer" auf dem Wohnungsmarkt. „Durch die Zuwanderer hat sich die Lage noch einmal verschärft", so Brinker. Doch jetzt würden Maßnahmen ergriffen, um schneller und günstiger bezahlbaren Wohnraum zu realisieren. Auch die Vernetzung von Wohnungswirtschaft und sozialen Trägern schaffe „bezahlbaren Wohnraum für alle" – den Flüchtlingen sei Dank.

Uwe Petrat, Vorstand Wohnbau Detmold – Eigentümer von 1.350 Wohnungen: Erstens müsse unterschieden werden, ob es sich um Flüchtlinge oder „asylberechtigte, anerkannte Flüchtlinge" handele. „Ohne Anerkennung erhalten Flüchtlinge keine Wohnberechtigungsscheine und damit keinen Zugang zu einer öffentlich geförderten Sozialwohnung", sagt Petrat. Damit entstehe auf diesem Gebiet erst einmal keine Konkurrenz. „Sobald die Zahl der Anerkennungen steigt, wird dies jedoch durchaus der Fall sein", sagt Petrat. Und da der Anteil der öffentlich geförderten Wohnungen seit Jahren rückläufig sei, werde es auch hier zu Problemen kommen.

In unserer Reihe „LZ-Check" überprüfen wir regelmäßig Gerüchte auf ihren Wahrheitsgehalt. Wenn Sie dazu etwas beitragen möchten, kontaktieren Sie uns über fragen@lz.de oder per Post an Lippische Landes-Zeitung, Ohmstraße 7, 32758 Detmold. - © LZ
In unserer Reihe „LZ-Check" überprüfen wir regelmäßig Gerüchte auf ihren Wahrheitsgehalt. Wenn Sie dazu etwas beitragen möchten, kontaktieren Sie uns über fragen@lz.de oder per Post an Lippische Landes-Zeitung, Ohmstraße 7, 32758 Detmold. (© LZ)

Doch auch alle nicht anerkannten Flüchtlinge, die täglich den Städten und Gemeinden zugewiesen würden, verknappten das vorhandene Angebot am freien Markt. Den Gesetzen der freien Marktwirtschaft folgend, führe dies ganz automatisch zu höheren Mieten. „Der Wohnungsmarkt wird in den nächsten zwei bis drei Jahren angespannt bleiben, weil Neubaumaßnahmen nicht so schnell greifen", sagt Petrat. Die Konkurrenz um bezahlbaren Wohnraum werde in jedem Fall weiter steigen.

Rüdiger Dorn, Vorsitzender von „Haus&Grund" in Detmold: „Es gibt immer noch Leerstände in Detmold, die vermietet werden können." Derzeit herrsche eine große Hysterie beim Thema Wohnen und Flüchtlinge, die völlig überflüssig sei. Und von Szenarien, wie Enteignung oder Zwangsbelegung durch Flüchtlinge, sei Lippe ganz weit weg. „Es sind Gerüchte, die Ängste und Vorurteile schüren", betont Dorn.

Andreas Riepe, Wohnbau Lemgo, die im gesamten Kreisgebiet 2.300 Wohnungen besitzt: Ein gewisser Engpass sei zwar zu verzeichnen, doch eine durch die Zuwanderung entstehende Wohnungsnot für einheimische Mieter gebe es auf keinen Fall. „Da Kommunen, Wohnungswirtschaft und private Bauherren aktuell viele Häuser bauen, dürfte das Angebot bald entsprechend nachziehen."

Carolin Ott, Sprecherin LEG-Immobilien, der 7500 Wohnungen in OWL gehören: In Ostwestfalen-Lippe habe die Landesentwicklungsgesellschaft 60 Wohnungen an Geflüchtete vermietet. Dem gegenüber stehe ein Gesamtwohnungsbestand der LEG von 7500 Wohnungen in der Region. „Wir arbeiten eng mit den Städten und Kommunen zusammen und achten auch stets darauf, gut funktionierende Nachbarschaften durch den Zuzug neuer Mieter nicht zu überfordern." Der LEG sei es wichtig, die Flüchtlinge möglichst behutsam in bestehende und gefestigte Nachbarschaften zu integrieren.

Petra Schröder-Heidrich, Sprecherin der Stadt Detmold: Die Stadt sei sich der Sorge der Bürger um knapper werdenden und für alle bezahlbaren Wohnraum bewusst. „Grundsätzlich hat der soziale Frieden oberste Priorität", betont Schröder-Heidrich. Man sei in der Pflicht, Obdachlosigkeit zu vermeiden und Wohnraum für die zugewiesenen geflüchteten Menschen zu besorgen. In der Vergangenheit sei kurzfristig leerstehender Wohnraum durch die Stadt angemietet worden. „Dabei gelten die Regelungen und Preise des Detmolder Mietsspiegels – über die ortsübliche Miete hinaus werden keine Mietverträge abgeschlossen", betont Petra Schröder-Heidrich. In den kommenden beiden Jahren würden rund 7,8 Millionen Euro in den sozialen Wohnungsbau in Detmold investiert, der allerdings nicht vor 2017 allen Bürgern zur Verfügung stehen werde.

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