Das müssen Sie über den Auschwitz-Prozess wissen

Prozess gegen 94-Jährigen aus Lage beginnt am Donnerstag

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ARCHIV - Das Gebäude der Industrie- und Handelskammer (IHK), aufgenommen am 18.01.2016 in Detmold (Nordrhein-Westfalen). Die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Detmold verhandelt ab dem 11.2.2016 in den Räumen der IHK gegen einen Mann wegen dessen mutmaßlichen Morden im Konzentrationslager Auschwitz. - © dpa
ARCHIV - Das Gebäude der Industrie- und Handelskammer (IHK), aufgenommen am 18.01.2016 in Detmold (Nordrhein-Westfalen). Die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Detmold verhandelt ab dem 11.2.2016 in den Räumen der IHK gegen einen Mann wegen dessen mutmaßlichen Morden im Konzentrationslager Auschwitz. (© dpa)

Mit Anfang 20 war er Wachmann in Auschwitz, mit 94 Jahren muss er sich vor Gericht für Beihilfe zum 170.000-fachen Mord im Konzentrationslager verantworten. Fragen und Antworten zum Prozess gegen einen Ex-SS-Mann, der am Donnerstag in Detmold beginnt.

Weshalb sitzt der Mann auf der Anklagebank?

Ihm wird vorgeworfen, als Wachmann in Auschwitz zwischen 1943 und 1944 geholfen zu haben, mindestens 170 000 Menschen zu töten. In diesem Zeitraum kamen etwa 92 Transporte mit jüdischen Deportationsopfern aus Ungarn an. Wer nicht arbeitsfähig war, wurde in die Gaskammern getrieben. Als Teil des SS-Totenkopfsturmbanns war es der zuständigen Dortmunder Staatsanwaltschaft zufolge Aufgabe des Angeklagten, das Lager und die ankommenden Transporte zu bewachen. Die Ermittler gehen davon aus, dass er die Tötungsmethoden des KZs kannte. Ihm sei bewusst gewesen, das dieses System mit so vielen Toten nur funktionieren konnte, wenn die Opfer durch Gehilfen wie ihn bewacht wurden. Der Angeklagte habe eingeräumt, in Auschwitz eingesetzt worden zu sein, er bestreite aber eine Beteiligung an den Tötungen.

Warum wird immer noch ermittelt?

Mord verjährt nicht – auch wer beim Morden geholfen oder dazu angestiftet hat, muss sich bis zum Tode dafür verantworten. Das gelte in besonderer Weise für die Mordtaten des NS-Regimes, sagt Jens Rommel, der Leiter der Zentralen Stelle zur Aufklärung von NS-Verbrechen in Ludwigsburg. «Deswegen haben alle Strafverfolgungsbehörden den Auftrag weiter zu ermitteln – trotz der geringer werdenden Aussichten, lebendige Tatverdächtige benennen zu können», sagt er. Das betonten zuletzt auch die Justizminister der Länder im Sommer 2015.

Welche Bedeutung hat das Verfahren für die Überlebenden des Holocaust und ihre Nachfahren?

Überlebendenverbände sprechen von später Gerechtigkeit gegenüber den Ermordeten und ihren Familienmitgliedern. Sie betonen, wie wichtig Aufarbeitung und Erinnerung sind. «Es sind Prozesse wie diese, die unserem Land auch ein Stück Würde zurückgeben», sagt Christoph Heubner, der Vize-Präsident des Internationalen Auschwitz Komitees. «Zu einer wehrhaften Demokratie gehört eben auch eine Gerichtsbarkeit, die sich ehrlich machen muss», sagt Heubner. Dass viele Nebenkläger den Prozess verfolgen werden, mache deutlich, wie wichtig es für sie sei, gehört zu werden.

Warum werden die mutmaßlichen Gehilfen des Massenmordes erst jetzt vor Gericht gebracht?

In ersten Jahrzehnten nach dem Krieg habe man sich stärker auf die Täter und nicht auf die Gehilfen konzentriert, erklärt Ermittler Rommel. «Belangt wurden insbesondere solche Personen, die selbst geschossen haben, die das Gas in die Gaskammern gefüllt oder denen nachgewiesen werden konnte, dass sie Tötungsbefehle erteilt hatten.» Zwar hatte es in den 1960er Jahren bereits Urteile gegen Mordgehilfen der Vernichtungslager gegeben. Die Ansätze dieser Rechtspraxis wurden aber im Keim erstickt: 1969 entschied der Bundesgerichtshof, nicht jeder, der in das Vernichtungsprogramm des Konzentrationslagers eingegliedert war, sei für alles verantwortlich, was dort geschehen sei.

Wann hat sich das geändert?

Als im neuen Jahrtausend die Anzeigen gegen mutmaßliche Mörder und Befehlshaber immer seltener wurden, setzte in der NS-Zentralstelle ein Umdenken ein. Der geglückte Versuch, John Demjanjuk als Vernichtungslager-Wachmann zur Verantwortung zu ziehen, brachte schließlich die Wende: Das Landgericht München verurteilte ihn 2011 wegen Beihilfe zum Mord an 28 000 Juden im Lager Sobibor zu fünf Jahren Haft. «Das Gericht machte damit deutlich: Ohne die einzelnen Räder in der Maschine hätte das Vernichtungssystem nicht funktioniert. Dieser Grundgedanke veranlasste auch die Zentralstelle zu neuen Ermittlungen», sagt Rommel.

Folgen jetzt weitere Prozesse?

Mehr als 70 Jahre nach dem Krieg arbeiten die Ermittler gegen die Zeit – wer gegen Kriegsende erwachsen war, ist mindestens 90 Jahre alt. Die allermeisten sind längst gestorben. Einige hochbetagte mutmaßliche Mordgehilfen könnten jedoch noch vor Gericht gestellt werden. Einer von ihnen war der als «Buchhalter von Auschwitz» bezeichnete Oskar Gröning, 2015 zu vier Jahren Haft wegen Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen verurteilt. Neben dem Detmolder Fall sind zur Zeit drei weitere ehemalige SS-Leute aus Auschwitz in Kiel, Neubrandenburg und Hanau angeklagt.

Was bedeutet das Verfahren für das Landgericht in Detmold?

«Ein Verfahren ähnlichen Ausmaßes oder ähnlichen Inhalts hat es in der Geschichte des Landgerichts noch nicht gegeben», sagt die Sprecherin des Detmolder Landgerichts. Weil das Gericht von internationalem Interesse bei Opferverbänden, Medien und Zuhörern ausgeht, hat es die Verhandlung in ein anderes Gebäude verlegt. Statt im Gerichtssaal wird der Prozess in den Räumen der Industrie- und Handelskammer stattfinden. Zwölf Verhandlungstage sind angesetzt - auch deshalb so viele, weil ein Gutachter die Verhandlungsfähigkeit des 94-Jährigen auf zwei Stunden täglich beschränkt hat. Damit soll seinem Alter Rechnung getragen werden.

Im Videobericht haben sich Holocaust-Überlebende im Vorfeld des Prozesses in Detmold geäußert.

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