Auschwitz-Überlebende schreibt berührenden Brief

Auschwitz-Überlebende Esther Bejarano findet deutliche Worte zum Prozess und den Ereignissen der vergangenen Monate

Marianne Schwarzer

Für das Leben: Am Samstag, 13. Februar, tritt Esther Bejarano in Lage auf. - © AP/Heribert Proepper
Für das Leben: Am Samstag, 13. Februar, tritt Esther Bejarano in Lage auf. (© AP/Heribert Proepper)

Detmold. Sie treten an, damit niemand aufhört, sich zu erinnern: Das Aktionsbündnis "Gegen das Vergessen", in dem sich verschiedene ostwestfälische Initiativen zusammengeschlossen haben, um rund um den Auschwitzprozess in Detmold Flagge zu zeigen, wollte eigentlich bei der Mahnwache am ersten Prozesstag einen Brief der Auschwitz-Überlebenden Esther Bejarano verlesen.

Dazu sollte es nicht kommen: Die Demonstration war lediglich auf der anderen Straßenseite gegenüber dem IHK-Komplex gegehmigt worden, fernab der Schlange der Wartenden. Dies ist Esther Bejaranos Text, den sie der Lippischen Landes-Zeitung zur Verfügung gestellt hat.

Wer sie live erleben will, kann das am Samstag, 13. Februar, ab 17 Uhr im Schulzentrum Lage am Werreanger tun. Hier tritt sie mit dem Programm "Per la vita - für das Leben" auf.

Dies ist der Brief von Esther Bejarano im Wortlaut

Für das Leben: Am Samstag, 13. Februar, tritt Esther Bejarano in Lage auf. - © Privat
Für das Leben: Am Samstag, 13. Februar, tritt Esther Bejarano in Lage auf. (© Privat)

"Liebe Freundinnen und Freunde,

die Ereignisse der letzten Tage und Wochen lassen mir keine Ruhe. Ich kann nicht anders: Ich muss laut aufschreien. Es ist Zeit für einen Aufschrei von uns allen, einen unüberhörbaren, lauten Aufschrei, der bis in den letzten Winkel unseres Landes und der ganzen Welt widerhallt. Es ist unvorstellbar, dass wir 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Faschismus wieder so viele Opfer beklagen müssen. Opfer der Barbarei, der menschenverachtenden Ideologie durch Terror, Faschismus, Antisemitismus, Ausländerhass.

Ich trauere um die Opfer in unserem Land, verursacht durch die NSU und Neonazis, meine Trauer gilt den Opfern der Anschläge von Paris, Ankara, von Beirut, den Opfern des Anschlags auf das russische Flugzeug. Ich trauere um die Toten der Kriege im Nahen Osten. Ich trauere um die Menschen, die auf der gefährlichen Flucht vor den Kriegen in ihrer Heimat starben, weil ein Teil Europas sich abschottet.

Nie wieder soll die Menschheit durch Kriege bedroht werden.

Ich kann mir nichts Schlimmeres vorstellen, als dass die Erfahrung meiner Generation in Vergessenheit gerät. Dann wären alle Opfer des Faschismus und des Krieges, alles, was wir erlitten haben, umsonst gewesen. Und es gibt noch ein Thema, das ich hier ansprechen möchte:

Verzeihen und vergeben!

Ich möchte euch dafür das Buch „Die Sonnenblume" von Simon Wiesenthal empfehlen, in dem er geschildert hat, wie er als Häftling in Lemberg an das Krankenbett eines sterbenden SS-Mannes gerufen, bzw. befohlen wurde, der vor seinem Tode von einem Juden eine Art von Absolution für seine begangenen Verbrechen suchte. Wiesenthal verließt nach dessen langer Beichte wortlos den Raum. Er hatte seiner Meinung nach nicht die Macht, ihm im Namen der Opfer zu verzeihen. Die menschenverachtenden Verbrechen der nationalsozialistischen Täter können wir, und da spreche ich für alle damals Verfolgten, niemals verzeihen oder vergeben.

Liebe Freundinnen und Freunde, wir müssen alle wachsam sein und die Menschen, ganz besonders aber die Jugend, über die furchtbare Vergangenheit aufklären, damit nie wieder geschehe, was damals geschah.

Denkt an die Worte von Bertolt Brecht: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch."

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde über den Holocaust geschwiegen. Nazis wurden, weil es keine Entnazifizierung gab, wieder Richter, Rechtsanwälte, Lehrer, ja sogar von Adenauer in die Regierung geholt. Die größten Naziverbrecher, hier will ich nur Mengele nennen, Beteiligte des fabrikmäßigen Massenmordes, konnten mit umfassender Hilfe ins Ausland fliehen, damit sie nicht für ihre Verbrechen belangt werden konnten. Nahtlos setzte sich der Ungeist fort.

Darum geht unser Kampf immer weiter, bis es, so wie ich hoffe, keine Nazis auf der ganzen Erde mehr geben wird. Darum sage ich: der Satz „Wehret den Anfängen", ist längst überholt! Wir sind mittendrin!

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