Im Auftrag der ermordeten Mutter: Nebenklägerin Erna de Vries im Gespräch

Die 92-Jährige erklärt, warum
 sie jungen Leuten heute immer wieder von der Mordmaschinerie der Nazis berichtet

Silke Buhrmester

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Will junge Menschen über die Gräueltaten der Nazis aufklären: Erna de Vries. - © Bernhard Preuß
Will junge Menschen über die Gräueltaten der Nazis aufklären: Erna de Vries. (© Bernhard Preuß)

Detmold. Erna de Vries (92) hat den Holocaust überlebt. Ihr Vater, ein Spediteur in Kaiserslautern, starb bereits 1931. Als die Mutter im Juli 1943 ins KZ Auschwitz deportiert werden sollte, ging Erna de Vries aus freien Stücken mit – dem Krematorium entkam sie nur knapp.

Sie gründete eine Familie, heiratete 1947 den Juden Josef de Vries, gebar drei Kinder und hat heute sechs Enkel. Ihre Tochter Ruth (64) hat sie nach Detmold begleitet, wo sie als eine von 40 Nebenklägern gestern im Auschwitz-Prozess ausgesagt hat.

„Es ist eine Genugtuung, dass sie es nicht geschafft haben, uns alle umzubringen", sagt Erna de Vries und strahlt dabei. Als „Halbjüdin", der Vater Christ, die Mutter Jüdin, verbrachte sie nur zwei Monate im KZ Auschwitz, bevor sie zur Arbeit in der Siemens-Rüstungsindustrie nach Ravensbrück überstellt wurde. „Ich habe meine Mutter in dem Wissen verabschiedet, dass ich sie nie wieder sehen würde", sagt Erna de Vries mit zitternder Stimme. „Das war wohl der schlimmste Tag meines Lebens."

Erna de Vries hat es sich zur Aufgabe gemacht, vor allem Jugendliche über den Holocaust aufzuklären. In der Heimat ihres Mannes, der Samtgemeinde Lathen im Emsland, wo sie seit ihrer Hochzeit 1947 lebt, wurde ihr die Ehrenbürgerwürde verliehen, sie erhielt unter anderem den Verdienstorden und das Bundesverdienstkreuz am Bande. Im November 2015 benannte sich eine Realschule in Münster nach ihr.

Doch lange schwieg Erna de Vries über ihre Vergangenheit, auch gegenüber ihren Kindern. „Mein Mann war sechs Jahre in Konzentrationslagern, die letzten zwei in Auschwitz. Wir haben sehr viel untereinander darüber gesprochen, aber die Kinder wollten wir schonen", erzählt sie beim Gespräch mit dieser Zeitung im „Detmolder Hof" am Rande des Auschwitz-Prozesses.

Doch die Kinder wussten schon bald von der Vergangenheit der Eltern. „Mit dem Schonen ist das so eine Sache, wenn die Mutter am Geburtstag weint und sagt, sie wünschte, ihre Mutter könnte das noch erleben. Oder wenn es bei jedem Stück Brot, das du nicht mehr essen willst, heißt: Wir wären froh gewesen, wenn wir das gehabt hätten", erinnert sich die jüngste Tochter Ruth. Sie und ihre drei und vier Jahre älteren Geschwister wussten eben doch viele Verhaltensweisen und Äußerungen der Eltern zu deuten. Bekamen die Eltern Besuch von Freunden, die häufig auch unter den Nazis verfolgt worden waren, sei es fünf Minuten um Alltägliches gegangen – dann kamen die alten Zeiten auf den Tisch. „Und wir Kinder haben das natürlich alles mitbekommen", sagt Ruth de Vries.

„Mein Sohn hat mal gesagt: Unser Zuhause ist Klein Auschwitz", erinnert sich Erna de Vries. Dabei hätten sie es schön gehabt, hätten ein hübsches Haus mit Pool gehabt, die Kinder seien wohlbehütet aufgewachsen. Die Eltern hatten mit einer Viehhandlung ein gutgehendes Geschäft, betont Ruth de Vries. „Doch wir haben eben auch mitbekommen, dass unsere Eltern oft niedergeschlagen waren." Später, als Jugendliche, hätten sie und ihre Geschwister eher weggehört. „Es war in dem Alter sicher richtig, dass wir uns abgegrenzt haben, um gesund zu bleiben", erklärt Ruth de Vries. Und als ihre eigene Tochter geboren wurde – sie ist mittlerweile 32 –, habe sie ihre Mutter inständig gebeten, von Auschwitz nur zu erzählen, wenn diese Fragen stellte, und dann kindgerecht.

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Zeitzeugin Erna de Vries erinnert sich an das KZ Auschwitz

Copyright: Dirk-Ulrich Brüggemann

1997, ihr Mann war bereits 16 Jahre tot, begann Erna de Vries öffentlich über ihr Schicksal zu sprechen. Warum so spät? Sie schmunzelt: „Vorher hat mich ja keiner gefragt." Dann aber interessierte sich ein Historiker aus ihrer Geburtsstadt Kaiserslautern für ihre Geschichte, sie sprach in der Volkshochschule. Und danach sei es wie eine Lawine gewesen. Viele Schulen und Bildungsträger fragten bei der Holocaust-Überlebenden an. Ruth de Vries glaubt, dass ihr selbst wohl erst dann „das ganze Ausmaß und der Zusammenhang" der Verfolgung ihrer Mutter durch die Nazis klar geworden seien.

„Jüdin zu sein habe ich nie als Belastung empfunden", sagt Ruth de Vries, Antisemitismus habe sie nie erlebt. Und auch Erna de Vries betont, dass sie als „einzige Jüdin in Lathen" glücklich lebe.

Ihr Leben und das der Familie habe die Geschichte der Eltern deutlich geprägt. Die Tochter, die in Israel Nahost-Wissenschaften und Migration studierte, ist inzwischen wieder in Deutschland – und kümmert sich hier um Flüchtlinge, hat sogar einen jungen Syrer bei sich aufgenommen. Ruth de Vries’ Bruder hat den Traumberuf der Mutter ergriffen. Er ist Arzt – in Israel. „In der Schule hat der Sportlehrer mal zu ihm gesagt: Dich haben sie wohl vergessen zu vergasen", erinnert sich Erna de Vries.
Vielleicht war das der Moment, in dem er beschloss, Deutschland den Rücken zu kehren.

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Von Auschwitz nach Ravensbrück

Zwei Monate war Erna de Vries in Auschwitz interniert. Sie arbeitete mit ihrer Mutter im Außenlager Harmense in der Fischzucht. „Wir mussten bis unter die Arme im Wasser stehen und Schilf herausholen", erinnert sie sich. Die 20-Jährige erkrankte an Phlegmone, an ihren Beinen bildeten sich eitrige Wunden. Am 15. September 1943 wurde sie deswegen in den Todesblock 25 verlegt. Am nächsten Tag sollten alle Insassinnen zu einem Lastwagen getrieben werden: „Es gab Panik, alle wussten, es geht ins Gas. Ich wollte nur noch einmal die Sonne sehen, bevor ich sterbe. Und dann sah ich sie – und war ganz versunken bei dem Anblick. Da hörte ich einen SS-Mann die Nummer rufen, die ich hier auf dem Arm trage." Erna de Vries stand auf einer Liste mit 85 „Halbjuden", die von Auschwitz nach Ravensbrück gebracht werden sollten, wo sie in der Rüstungsindustrie für Siemens arbeiten mussten. „Bevor ich gegangen bin, bin ich durchs ganze Lager gelaufen, um meine Mutter noch einmal zu sehen. Zum Abschied sagte sie: Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat." Ihre Mutter Jeanette Korn wurde am 8. November 1943 ermordet.


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