Flexible Arbeitszeiten und Elternzeit sollen berufstätigen Müttern und Vätern helfen

Für die Betroffenen bleibt die Rolle jedoch ein Spagat - Schwierig, alles unter einen Hut zu bringen

Marlen Grote

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Wichtige Unterstützung: Wenn das Notfalltelefon klingelt, ist Daniela Albrink (rechts) froh, dass Großmutter Marion Albrink (links) und Urgroßmutter Getrud Bröker sich um Tochter Luisa kümmern. - © Marlen Grote
Wichtige Unterstützung: Wenn das Notfalltelefon klingelt, ist Daniela Albrink (rechts) froh, dass Großmutter Marion Albrink (links) und Urgroßmutter Getrud Bröker sich um Tochter Luisa kümmern. (© Marlen Grote)

Kreis Lippe. „Man muss sich sehr gut organisieren", fasst Daniela Albrink ihre ganz alltägliche Herausforderung zusammen. Die zweifache Mutter ist berufstätig, neben viereinhalb Arbeitstagen mit Bereitschaftsdiensten kümmert sie sich um Kinder und Haushalt.

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf empfindet die Diplom-Pädagogin und systemische Therapeutin immer noch als schwierig. Ihren früheren Job in der sozialpädagogischen Familienhilfe in Bielefeld hat sie aufgegeben: „Da musste ich viele Termine am Nachmittag machen, oft nach 16 Uhr – das ging nicht." Jetzt arbeitet sie im Herforder Frauenhaus. Ihre Arbeitszeit kann sie flexibel gestalten, dabei richtet sie alles an den Betreuungszeiten der Kinder aus.

Außerhalb der Zeiten, in denen sie an ihrem Arbeitsplatz ist, hat sie tageweise Rufbereitschaft. Dann kann jederzeit das Telefon klingeln. Im Notfall springt ein ganzes Netzwerk fleißiger Helfer ein: Oma, Uroma, ihre Tante, Opa und auch ihre Schwester kann sie anrufen, wenn es nötig ist. „Sonst ginge das gar nicht."

Das eigene Einkommen ist für Daniela Albrink wichtig. Sie wünscht sich aber, dass sich Eltern die familiären Pflichten noch besser aufteilen können. „Perfekt wäre, wenn beide Elternteile 30 Stunden arbeiten", sagt sie. Längere Betreuungszeiten für die Kinder seien ihrer Meinung nach keine gute Lösung: „Ist ja die Frage, wofür man ein Kind hat, wenn man es für mehr als 45 Stunden abgibt." Ihr Sohn könnte zwar bis 16.30 Uhr in der OGS betreut werden, aber wenn sie ihn um 15 Uhr abhole, sei er immer schon müde. „Er kann dann nicht mehr", sagt die Mutter.

Bernd Hanke arbeitet bei Phoenix Contact im Messebau. Der dreifache Vater hat für sein zweites Kind eineinhalb Jahre Elternzeit genommen. Auch er findet es wichtig, Zeit mit den Kindern zu haben. „Im Nachhinein hätte ich das gerne auch bei meinem ersten Kind schon gemacht." Anfangs habe er sich schon Sorgen um seinen Job gemacht. Schließlich wurde für die Zeit seiner Abwesenheit ein Stellvertreter eingesetzt. Er habe sich gefragt: „Was ist, wenn er das besser macht?" Aber das sei unbegründet gewesen: „Ich habe den gleichen Job wie vorher." Aus seiner Elternzeit habe er auch etwas gelernt. Er nehme den Stress bei der Arbeit nicht so stark an, bleibe gelassener.

„Ich habe Glück, dass ich verständnisvolle Vorgesetzte habe", lobt Bernd Hanke. Dank Gleitzeit kann er seine Arbeitszeiten an die Familie anpassen. Auch die Elternzeit sei kein Problem gewesen. Aber der dreifache Vater würde sich von anderer Seite mehr Hilfe wünschen: „Ein bisschen bin ich vom Staat enttäuscht." Denn die drei Kinder und das Haus unterhalten zu müssen, sei eine hohe Belastung. Gerade Familien mit mehreren Kindern könnten noch mehr Unterstützung gebrauchen.

Seit Juni 2014 arbeitet Bernd Hanke wieder. Der 50-Jährige hätte auch jetzt nach der Elternzeit gerne mehr Zeit für seine Kinder. Ein Teilzeitjob sei aber aus finanziellen Gründen keine Alternative. Allerdings hat Bernd Hanke schon nach der Geburt des ersten Kindes andere Aufgaben in seinem Bereich übernommen, so dass er jetzt nicht mehr selbst zu den Messen fahren muss. Da wären ihm viele gemeinsame Wochenenden verloren gegangen, dafür bekommt er für seine jetzige Tätigkeit weniger Geld. Das sei es ihm aber wert: „Diese Zeit geht so schnell vorbei." Daher würde Bernd Hanke auch jedem Vater raten, Elternzeit zu nehmen, wenn es finanziell möglich ist.

Nur wenige Väter nehmen die Elternzeit voll in Anspruch

Flexible Arbeitszeiten und Teilzeit für beide Elternteile – der Wunsch sei in den Unternehmen durchaus angekommen, sagt IHK-Geschäftsführerin Maria Klaas. „Seitdem Männer ebenfalls in die Elternzeit gehen, wird auch Teilzeit für sie immer mehr Thema", ist sie sicher. Familien- und auch Pflegezeiten seien nicht mehr reine Frauensache.

Wieder im Job: Bernd Hanke hat eineinhalb Jahre Elternzeit genommen. Phoenix Contact hat es ermöglicht. - © Marlen Grote
Wieder im Job: Bernd Hanke hat eineinhalb Jahre Elternzeit genommen. Phoenix Contact hat es ermöglicht. (© Marlen Grote)

Eine nicht repräsentative Stichprobe im Rahmen des Konjunkturlageberichts für Lippe vom September 2014 ergab, dass in 24 von 65 teilnehmenden Unternehmen Mitarbeiter zu dem Zeitpunkt in Elternzeit waren – und zwar insgesamt 80 Frauen und 67 Männer. Auf die Frage, wie lange diese in Elternzeit bleiben wollten, gaben die Unternehmen an, dass nur eine Frau höchstens zwei Monate angemeldet hatte, hier lagen mit 50 die Männer vorne. 56 Mütter hatten mehr als zwölf Monate beantragt, in dieser Gruppe fanden sich nur zwei Väter.

Nach dem Wiedereinstieg in den Beruf reduzieren Mütter weiterhin deutlich öfter ihre Arbeitszeit als Väter. So arbeiteten laut einer Auswertung des Mikrozensus des statistischen Bundesamtes im Jahr 2013 in Deutschland insgesamt 70 Prozent der erwerbstätigen Mütter im Alter von 15 bis 64 Jahren auf Teilzeitbasis, bei den Vätern waren es sechs Prozent.

Wie es laufen könnte, zeigt Phoenix Contact. Ines Ludwig, Leiterin Corporate Human Resources, bezeichnet Familienfreundlichkeit als eine Strategie, Mitarbeiter an das Unternehmen zu binden. In dem Blomberger Unternehmen werde immer versucht, Teilzeit und flexible Arbeitszeiten für Mütter und Väter, die das wünschen, zu ermöglichen. Auch eine längere Elternzeit für Väter soll keine Nachteile für den Angestellten bringen. Am Ende habe auch der Arbeitgeber etwas davon: „Zufriedene Mitarbeiter sind auch bereit, sich im Betrieb intensiv einzubringen."

Kommentar: Familienzeit ist Eltern wichtig

von Marlen Grote

Wenn es um Beruf und Familie geht, steht schnell die Kinderbetreuung im Mittelpunkt. Aber Eltern geht es auch um die gemeinsame Zeit.

Natürlich sind ausreichende OGS- und Kitaplätze mit langen, verlässlichen Öffnungszeiten wichtig. Dann können beide Elternteile auch in Vollzeit arbeiten gehen. Aber ist es das, was sie wirklich wollen? Müttern und Vätern ist nichts so wichtig wie ihre Kinder. Viele verbringen den größten Teil ihrer Zeit allerdings mit dem Beruf. Als vereinbar empfinden viele die Anforderungen des Berufs und ihre Bedürfnisse als Eltern nicht.

Oft ist es die Sorge um die Existenz, die verhindert, dass Eltern sich so viel mit ihren Kindern beschäftigen, wie sie möchten. Fair wäre es, wenn diese Sorge wenigstens aufgeteilt würde: Teilzeit für beide. Aber nach wie vor klammert sich der, der einen festen Job hat, an seine Stelle. Und das ist meistens der Vater.

Längere Kita-Öffnungszeiten sind ein Kompromiss, keine Lösung. Die gesamte Arbeitswelt muss die Familie als wichtigsten Teil im Leben der Mitarbeiter begreifen und flexible Modelle anbieten. Nur dann sind Beruf und Familie auch emotional vereinbar.

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