"Ich gebe 6 Millionen ermordeten Juden eine Stimme"

Silke Buhrmester

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Auschwitz-Prozess (© Bernhard Preuß)

Detmold. Zwei Zeugen aus Nordamerika haben am fünften Prozesstag im Verfahren gegen den ehemaligen SS-Wachmann Reinhold Hanning ausgesagt. Der 94-Jährige steht wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 170.000 Fällen vor dem Landgericht in Detmold.

Angela Orosz Richt-Bein, die kurz vor Weihnachten 1944 in Auschwitz geboren wurde und als eines von nur zwei Babys das Vernichtungslager überlebte, wandte sich direkt an den 94-jährigen Angeklagten: "Herr Hanning, Sie wissen, was in Auschwitz passiert ist, erzählen Sie uns davon", sagte die heute 72-Jährige, "Sie haben die Ermordungen möglich gemacht." Zuvor hatte sie geschildert, wie ihre Mutter, im zweiten Monat schwanger, gemeinsam mit ihrem Mann aus Ungarn nach Auschwitz deportiert worden war.

Ihr Vater sei vermutlich kurz nach der Ankunft ermordet worden. Die Mutter habe zunächst Schwerstarbeit im Straßenbau und auf dem Feld leisten müssen, später habe der berüchtigte Lagerarzt Dr. Josef Mengele Sterilisierungs-Experimente an ihr vollzogen und ihr ätzende Flüssigkeiten in den Gebärmutterhals injiziert. Angela Orosz Richt-Bein überlebte, ihre Mutter fand sogar die Kraft, noch einen weiteres Neugeborenes zu stillen. Doch die Erlebnisse von Auschwitz verfolgten die Mutter ihr Leben lang: "Sie konnte nicht duschen, weil sie nicht glauben konnte, dass Wasser und kein Gas aus den Duschköpfen kam."

Benjamin Lesser (87) war zehneinhalb Jahre alt, als seine Welt zusammenbrach: "Im September 1939 marschierten die Nazis in Polen ein, von da an mussten wir den Judenstern tragen und ich durfte nicht mehr zur Schule gehen." Von seiner siebenköpfigen Familie überlebten nur seine älteste Schwester und er selbst. Der in Krakau geborene Lesser, der heute in den USA lebt, wurde mit seiner Familie in einem Ghetto interniert, aus dem ihm die Flucht gelang. Seine Eltern hingegen wurden entdeckt und sofort erschossen. Lesser flüchtete mit zwei Geschwistern nach Ungarn, wurde später nach Auschwitz deportiert.

Er überlebte einen Todesmarsch nach Buchenwald und eine spätere Deportation in Viehwaggons nach Dachau: "Ich war der einzige von 3000 Deportierten, der das überlebte." Oft habe er sich gefragt, warum. "Wohl, weil ich sechs Millionen ermordeten Juden eine Stimme geben muss." Er betonte, dass der Prozess eine der letzten Möglichkeiten biete, die Wahrheit über den Holocaust aus erster Hand von den Überlebenden zu hören: "Und wir müssen aktiv den Ursachen eines neuen Holocausts entgegen treten."

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