Verbraucherzentrale und Ärztekammer warnen vor Selbstdiagnose im Internet

Das Internet sei keine Alternative zum Hausarztbesuch

Erol Kamisli

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Sprechstunde im Internet: Experten betonen, dass Laien bei der Diagnosesuche im Internet vorsichtig sein sollten. Der Austausch in Gesundheitsportalen könne allenfalls eine Ergänzung sein, jedoch keinen Besuch beim Mediziner ersetzen. - © Montage: Bernhard Preuß
Sprechstunde im Internet: Experten betonen, dass Laien bei der Diagnosesuche im Internet vorsichtig sein sollten. Der Austausch in Gesundheitsportalen könne allenfalls eine Ergänzung sein, jedoch keinen Besuch beim Mediziner ersetzen. (© Montage: Bernhard Preuß)

Kreis Lippe. Ob Krankheiten, Behandlungen oder Medikamente - immer häufiger wird Rat auch im Internet gesucht. Gretje Stelzmüller von der Verbraucherzentrale NRW und Dr. Alexander Graudenz von der Ärztekammer Westfalen Lippe warnen vor Risiken und Nebenwirkungen der Gesundheitsseiten im weltweiten Netz.

"Für die Verbraucher birgt vor allem das Internet große Möglichkeiten, sich bei bestimmten Symptomen und Erkrankungen schnelle Hilfe zu holen", sagt Gretje Stelzenmüller, die bei der Verbraucherzentrale NRW zuständig für den Bereich Gesundheit ist. Zahlreiche medizinische Foren lockten mit der Hoffnung, nach wenigen Mausklicks bereits eine Diagnose zu liefern. "Doch die Verbraucher bekommen wenige Anhaltspunkte zur Qualität dieser Internetseiten", sagt Expertin Stelzenmüller.

Kritische Expertin: Gretje Stelzenmüller. 
- © Privat
Kritische Expertin: Gretje Stelzenmüller. (© Privat)

Daher habe die Verbraucherzentrale eine Studie zu den medizinischen Beratungsforen erstellt und dabei die Anbieter und vor allem die Antworten auf die Anfragen der Nutzer analysiert. "Entstanden ist eine Checkliste, die den Nutzern zur Orientierung dienen soll", erklärt Stelzenmüller. Darin wird unter anderem empfohlen, immer den Autor einer fachlichen Information klar zu identifizieren. "Je spezieller die Information ist, desto kritischer sollten Sie nach dem Autor oder fachlich Verantwortlichen suchen", empfiehlt die Verbraucherzentrale.

Auch Dr. Alexander Graudenz, Vorsitzender des Verwaltungsbezirks Detmold der Ärztekammer Westfalen-Lippe, warnt davor, sich ausschließlich auf die allgemeinen ärztlichen Ratschläge im Internet zu verlassen. "Das Internet sollte als Informationsmedium genutzt werden, doch die Tipps und die empfohlen Behandlungsmethoden aus dem Internet können einen persönlichen Arzt-Patienten-Kontakt nur ergänzen, keinesfalls ersetzen", meint Dr. Alexander Graudenz.

Zudem betonen beide Experten, dass bei digitalen Gesundheitsangeboten das Thema Datenschutz wenig oder gar keine Beachtung findet. "Bei gesundheitlichen Problemen handelt es sich schließlich um sehr sensible Daten, die besonders geschützt werden müssen", erinnert Dr. Graudenz. In Online-Foren rät Verbraucherschützerin Stelzenmüller daher zur Datensparsamkeit: "Wir empfehlen eine gesonderte Mailadresse ohne den eigenen Namen zur Nutzung solcher Foren."

Auch die Beratungsstelle der NRW-Verbraucherzentrale in Detmold steht bei Gesundheitsthemen mit Informationen und Kontakten zur Seite. "Wir helfen und informieren die Verbraucher gerne", sagt Dorothea Nolting, Leiterin der Beratungsstelle in Detmold. Bislang habe die sich Beratungsstelle vor allem auf den Schwerpunkt Energie, Markt und Recht konzentriert.

"In Gesundheitsfragen immer eine zweite Meinung einholen"

Um die Informationssuche zu Gesundheitsthemen im Internet zu erleichtern, haben Verbraucherschützer eine Checkliste erstellt. Hier die wichtigsten Tipps.

Ermittlung des Betreibers

Nutzer sollten auf der Homepage schauen, wer fürs Forum verantwortlich ist. Gesundheitsforen von Krankenkassen oder Selbsthilfegruppen böten meistens seriöse Informationen. Verberge sich hinter dem Forum eine Privatperson oder eine Firma, bestehe das Risiko, dass der Inhalt von wirtschaftlichen Interessen beeinflusst werde.

Angaben prüfen

Moderatoren und Nutzer müssen sich im Forum registrieren. Ein Teil der Angaben muss für alle im Netz einsehbar sein. "Nutzer sollten anhand des Namens und der Qualifikation wissen, von wem die Infos stammen", erklärt Stelzenmüller.

Im Zweifel nachfragen

"Wem die Angaben in einem Gesundheitsforum nicht geheuer sind, der sollte beim Moderator nachfragen", rät die Expertin. Wer keine oder nur eine unzureichende Antwort erhalte, könne das Forum getrost wieder vom Bildschirm verbannen.

Zweitmeinung einholen

"Ganz gleich, von wem die Infos aus dem Internet stammen und wie überzeugend sie sind - Surfer sollten sich bei Gesundheitsfragen immer eine zweite Meinung einholen", rät Stelzenmüller. Dafür eigneten sich der Apotheker oder Hausarzt.

Weitergabe eigener Daten

Bei der Anmeldung zum Forum sollten Nutzer so wenig Daten wie möglich angeben und auch im Forum selbst keine realen Namen oder Infos von sich preisgeben, die Rückschluss auf die Person zulassen, empfiehlt Stelzenmüller. Denn die Beiträge seien danach meist über Suchmaschinen verknüpft und auffindbar.

Gesonderte E-Mail-Adresse

Viele Firmen seien auf E-Mail-Adressen erpicht, um Werbung an Forumnutzer zu versenden. Surfer sollten deshalb gut überlegen, welchen Anbietern sie ihre persönliche E-Mail-Adresse angeben. "Bei unbekannten Gesundheitsforen sicherheitshalber mit einer zweiten E-Mail anmelden", sagt Stelzenmüller.

Weitere Infos im Internet unter www.verbraucherzentrale.nrw

Kommentar: "Dr. Google" birgt Risiken

von Erol Kamisli

Die Haut juckt, nachts vor allem und nach dem Duschen. Sie ist rot und irgendwie rau. Was tun? Die meisten machen erst mal eins: Sie googeln. Sie tippen vielleicht „Haut" und „jucken" oder „Haut" und „trocken" ein, scrollen über die ekligen Bilder von Ekzemen und Pickeln hinweg und landen auf einer Seite, die das Thema behandelt.

Während der Recherche meldet sich das schlechte Gewissen des Ratsuchenden. Denn obwohl es wirklich alle tun, haben alle auch schon hundertmal gehört, dass man Krankheiten nicht googeln sollte. Und: Diese Warnungen vor „Dr. Google" sind völlig berechtigt. Denn die Fülle an Portalen und Foren fördert zumeist ein diffuses Bild über mögliche Ursachen und die Bekämpfung der Beschwerden zutage. Mit der Folge, dass sich die Nutzer meist mit einer unüberschaubaren und unbewerteten Informationsflut allein gelassen fühlen.

Experten warnen bereits: Je mehr man über seine Symptome und die damit möglicherweise in Verbindung stehenden Erkrankungen liest, desto kränker fühlt man sich und desto größer wird die Angst. Mediziner haben bereits eine Bezeichnung für diesen Typus erfunden und reden vom „Cyberchonder", der sich aufgrund einer Online-Selbstdiagnose für schwer krank hält, in Wahrheit aber nur ein Zipperlein hat.

Diese Angst lindert nur der persönliche Termin in der Praxis – denn Diagnose und Behandlung einer Krankheit ist Vertrauenssache zwischen Arzt und Patient – dieses Gefühl kann kein Onlineportal ersetzen.

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