Breites Bündnis wirbt für Willkommenskultur

Wirtschaft, Hochschule, Wohlfahrtsverbände, Sportbund, Kirche, Arbeitsagentur und der Kreis Lippe setzen gemeinsam ein Zeichen gegen Fremdenfeindlichkeit

Astrid Sewing

Alle wollen an einem Strang ziehen: Institutionen aus ganz Lippe haben sich die Willkommenskultur auf die Fahnen geschrieben. - © Gerstendorf-Welle
Alle wollen an einem Strang ziehen: Institutionen aus ganz Lippe haben sich die Willkommenskultur auf die Fahnen geschrieben. (© Gerstendorf-Welle)

Kreis Lippe. Das Wahlergebnis, das starke Abschneiden der AfD, zeigt, dass die Stimmung in Bezug auf die Flüchtlingspolitik der Bevölkerung kippt. 16 Institutionen, darunter die Lippische Landeskirche, die Wohlfahrtsverbände, die Musikhochschule und der Kreissportbund, haben sich zusammengeschlossen. Sie wollen unter dem Motto "Ankommen in Lippe" ein Zeichen setzen.

Die Werbeagentur Sagner & Heinze hat das Logo entworfen, das in den Briefköpfen, Plakaten und Flyern auftauchen soll. Die 16 Gründungsmitglieder und auch die Unterstützer finden ihre Logos darunter. Alle wollen den Stammtischparolen begegnen und mit Argumenten überzeugen. "Wir sehen die Flüchtlinge nicht ausschließlich als Nehmende, sondern sehen auch, dass wir von ihnen profitieren werden", sagte Landrat Dr. Axel Lehmann, der die Schirmherrschaft übernommen hat.

Die Gründungsmitglieder kommen aus allen Teilen des öffentlichen Lebens, jeder hat einen anderen Blick auf die Lage. So sprach der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes, Marc-Henning Galperin, die Probleme an, mit denen sich Unternehmen konfrontiert sehen, wenn sie einen Asylsuchenden beschäftigen möchten. "Das geht nur, wenn der Status geklärt ist, wenn klar ist, ob es ein Bleiberecht gibt." Eine selbstfinanzierte Existenz, Erfolg im Job und die Integration am Arbeitsplatz seien außerordentlich wichtig - und für die Gesellschaft auch.

Thomas Jeckel, Geschäftsführer des Netzwerks Lippe, schilderte seine Erfahrungen bei der Betreuung von Langzeitarbeitslosen. "Wenn die Menschen im Sozialsystem festsitzen, dann richten sie sich dort ein - und es wird immer schwieriger, sie in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Deshalb müssen wir Beschäftigung anbieten." Wichtig sei zudem, dass nicht der Eindruck entstehe, dass sich alles nur auf Flüchtlinge konzentriere. "Dadurch entsteht ein schiefes Bild, denn wir sind gefordert, allen Langzeitarbeitslosen Angebote zu machen", erklärte Jeckel.

In der Kommunikation sei anfangs einiges schief gelaufen. "Man ist da sehr euphorisch gewesen, was die Abschlüsse der Flüchtlinge angeht. Mittlerweile weiß man, dass da sehr viel mehr Qualifizierung, zum Beispiel durch berufsbezogene Sprachkurse, angeboten werden muss, um die Menschen in den Arbeitsmarkt integrieren zu können. Das führt übrigens auch zur Ernüchterung auf der anderen Seite, denn Flüchtlinge, die glauben, hier sofort einen Job zu finden, sehen schnell, dass das nicht klappen kann", stellte Jeckel fest. Fördern und fordern - das gelte für alle, die staatliche Leistungen beziehen, so Ulrike Grabow vom Jobcenter.

In einem sind sich die Bündnispartner einig: Es gibt keinen Alternative dazu, den Menschen in ihrer Not zu helfen, und die Chancen für die Gesellschaft sind groß. "Das sind vielleicht nicht die Facharbeiter von morgen, aber von übermorgen. Das ist ein längerer Prozess", sagte Lehmann.

Die Aktion soll auch nicht mit einem Logo enden, sondern weiter wachsen. Detlef Stall, Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt, der die Idee für das Netzwerk hatte, verwies auf die Internetseite www.ankommen-in-lippe.de , die in diesen Tagen freigeschaltet wird. Auf ihr wird es eine Karte geben, die zeigt, wo Flüchtlingen geholfen wird und welche Organisationen dahinter stehen. "Die Marke wächst positiv durch alles, was sie einbringen und durch die, die gerne noch dazu kommen dürfen", sagte Stall.

Kommentar: Reden allein hilft nicht

Von Astrid Sewing

Der Kreis Lippe hat den Zahlen nach sicher kein Flüchtlingsproblem. 4.700 Menschen sind es nach Auskunft des Landrates, die derzeit im Kreis Lippe Zuflucht gefunden haben. Ein verschwindend kleiner Teil bei einer Bevölkerungszahl um die 350.000.

Doch die Zahlen sind nur die eine Seite. Die Flüchtlinge brauchen Wohnungen, Sprachkurse, Plätze in Kitas und Schulen, und sie wollen arbeiten, medizinisch versorgt werden. Die Ablehnung, die zunehmend spürbar wird, hat auch etwas mit der Angst zu tun, dass wir etwas von dem verlieren, was wir als selbstverständlich betrachten. Wir wollen nicht, dass unsere Kinder auf eine Warteliste kommen, wollen nicht, dass die Konkurrenz um Wohnungen oder Arbeitsplätze wächst oder die Förderung in Schulen sich nur auf Kinder konzentriert, die nicht hier geboren sind. Teilen, das zeigen die Wahlergebnisse der AfD, ist bei vielen offensichtlich eher eine "Verbal-Tugend".

Deshalb ist es richtig, im Kreis Lippe in die Offensive zu gehen, ein Zeichen zu setzen und die Chancen ins Bewusstsein zu rücken. Es wird viel für die Flüchtlinge getan, das dicke Brett der Integration wird an vielen Stellen gebohrt, von ganz unterschiedlichen Institutionen. Das Reden allein hilft allerdings nicht - und ein Logo auch nicht. Das Bündnis ist gefordert, Probleme offen zu benennen und Strategien umzusetzen. Es darf nicht bei dem Bekenntnis bleiben, sondern es müssen Aktionen folgen. Ergebnisse, die man sieht, sind das wirksamste Mittel gegen dumpfe Parolen und Vorurteile.

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