Neues Zertifikat: Azubis bewerten die Qualität ihrer Betriebe

Drei lippische Hotels und ein Restaurant bekommen als Erste ein Siegel

Astrid Sewing

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Siegel drauf: Julia Suttmann vom Maritim-Hotel in Bad Salzuflen, Lea Laegel vom Lippischen Hof in Detmold und Celine Melchert (vorn, von links) von der Windmühle Fissenknick finden ihre Ausbildung super und haben ihre Lehrherren (im Hintergrund) entsprechend bewertet. - © Bernhard Preuß
Siegel drauf: Julia Suttmann vom Maritim-Hotel in Bad Salzuflen, Lea Laegel vom Lippischen Hof in Detmold und Celine Melchert (vorn, von links) von der Windmühle Fissenknick finden ihre Ausbildung super und haben ihre Lehrherren (im Hintergrund) entsprechend bewertet. (© Bernhard Preuß)

Kreis Lippe. „Ausbeutung à la carte" – diese Überschrift in Verbindung mit der Ausbildung bringt vier lippische Gastronomen in Harnisch. Sie haben es schwarz auf weiß: Ihre Azubis bewerten sie mit sehr guten Noten.

Seit August können sich Betriebe um ein ganz spezielles Zertifikat bewerben, das es nur gibt, wenn die Azubis zufrieden sind. So will der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) in Lippe mit dem Schmuddel-Image aufräumen. Dass die Arbeitszeiten in der Gastronomie überzogen werden, der Arbeitsschutz ignoriert wird, in den Küchen ein rauer Ton herrscht – Kai Buhrke, Geschäftsführer des Dehoga Lippe, leugnet nicht, dass es das in Gastronomie-Betrieben gibt.

„Aber wir sind sicher, dass es eben diese Betriebe künftig schwerer haben werden, denn die künftigen Azubis können sehen, welche Betriebe gut bewertet werden." Die Bewertungen werden anonym erfasst und dem Betrieb zugeordnet. Die Auswertung übernimmt eine unabhängige Stelle mit Sitz in Berlin. Die Betriebsinhaber wiederum können anhand der Kritikpunkte sehen, wo sie sich verbessern müssen.

Für Holger Lemke, Inhaber der Windmühle Fissenknick, ist das Zertifikat ein Mittel, um das Image zu verbessern. „Es wird oft vergessen, dass es nicht nur in der Gastronomie unbequeme Arbeitszeiten gibt. Aber in der Abfrage wird eben auch deutlich, dass die Mehrarbeit kompensiert wird." Die Windmühle bildet vier Jugendliche aus. Eine von ihnen ist Celine Melchert, die im dritten Lehrjahr ist und große Pläne hat. Die angehende Restaurantfachfrau nimmt an einem internationalen Austauschprogramm teil und wird in Kürze nach Atlanta reisen.

„Die Ausbildung in der Gastronomie eröffnet unheimlich viele Möglichkeiten. Man kann sich spezialisieren, in meinem Betrieb werde ich dazu ermuntert, meinen Horizont zu erweitern. Das sehen viele Jugendliche nicht, dass es eben auch eine große Chance ist."

Lea Laegel hat im Lippischen Hof in Bad Salzuflen ebenfalls ihren Traumjob gefunden. Eine Lehre als Industriekauffrau habe sie abgebrochen. „Ich habe mehr Spaß daran, mit Menschen zu arbeiten. Und ja, dann ist es auch kein Problem, im Schichtbetrieb zu arbeiten." Außerdem habe man viele Möglichkeiten, die Karriere auszubauen.

Ein Beispiel dafür ist Julia Suttmann, die im Maritim ausgebildet wird und sich auf die Jugendmeisterschaften im Gastgewerbe vorbereitet. „Ich bin ehrgeizig und möchte ins Hotelmanagement. Da gibt es viele Möglichkeiten und Wege, das ist ein absoluter Vorteil."

Kommentar: Die Branche verändert sich

von Astrid Sewing

Die Gastronomie-Branche hat in puncto Ausbildung keinen guten Ruf. Das liegt an den schwarzen Schafen, und diese werden sich sicher nicht darum reißen, von ihren Azubis bewertet zu werden.

Aber in Zeiten des Internets und der vielen Kontaktmöglichkeiten werden es die schwarzen Schafe schwerer haben, Lehrlinge zu finden. Das ist sicher, und da wird das Siegel auch helfen. Insofern ist es richtig, die positiven Betriebe in den Fokus zu rücken.

Gerade im Gastgewerbe ist es so, dass die Fachkräfte gerne ins Ausland entschwinden. Auch das ist ein Argument dafür, möglichst intensiv um die Jugend zu werben. Langfristig wird sich die Zertifizierung deshalb bezahlt machen. Es wäre aber wünschenswert, dass auch die schwarzen Schafe weißer würden. Betriebe, die die Auszubildenden ausbeuten, haben am Markt nichts verloren. Da muss es mehr Kontrollen geben, und wer mehrfach auffällt, der zahlt entsprechende Strafen. So reguliert sich das von selbst, und das funktioniert, wie Beispiele aus der Schweiz zeigen.

Gute Qualität hat ihren Preis, letztendlich zahlen den die Kunden. Und ihnen muss auch bewusst sein, dass es etwas wert ist, wenn sie ein gutes Essen von freundlichem Personal serviert bekommen oder in einem Hotel zuvorkommend behandelt werden. Dazu muss das Betriebsklima stimmen. Und die Betriebe, die das Zertifikat haben, haben eines ganz sicher: Azubis, die zufrieden und motiviert sind, ihr Arbeitsumfeld mitzugestalten.

Information

Zertifizierte Betriebe vernetzen sich

Um das Siegel „Ausbildung mit Qualität" müssen sich die Betriebe alle zwei Jahre bewerben. DEHOGA-Mitglieder zahlen 100 Euro und werden dann von ihren Azubis bewertet.

Kriterien sind die Einhaltung der gesetzlichen Bestimmungen, der Umgangston, die Möglichkeit zur Fortbildung, die Einhaltung der Arbeitszeiten, das Engagement der Ausbilder und vieles mehr. Die Azubis bewerten ihren Betrieb anonym, die Betriebsinhaber werden mit der Kritik konfrontiert und entsprechende Handlungsempfehlungen werden den Gastronomen an die Hand gegeben.

Der Lippische Hof in Bad Salzuflen, die Windmühle Fissenknick, der Lippische Hof in Detmold und das Maritim Bad Salzuflen sind die ersten vier Betriebe in Lippe, die das Siegel bekommen haben. Sie stellen 20 Prozent aller Azubis in der lippischen Gastronomie.

50 Betriebe im Kreis Lippe bilden aus, viele allerdings jeweils nur einen Jugendlichen und das nicht in jedem Jahr. Holger Lemke, Dehoga-Vizepräsident und Mitglied im Köcheclub, ermuntert die Jugendlichen, sich auch nach dem Ausbildungsstart zu bewerben.

„Gehen Sie in die zertifizierten Betriebe und fragen Sie nach. Wir sind vernetzt und kümmern uns um Ihre Bewerbung."

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