Eigene Kinderanästhesie am Klinikum Lippe

Vor 170 Jahren fand der erste dokumentierte chirurgische Eingriff unter Äther statt. 
Mittlerweile ist die Vorbereitung der Operation ein spezielles Fachgebiet

Marianne Schwarzer

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Keine Schmerzen: Die Anästhesie erspart auch Kindern manches. Am Klinikum Lippe hat sich Dr. Lutz Müller-Lobeck besonders auf die Bedürfnisse der jüngsten Patienten eingestellt. - © Privat
Keine Schmerzen: Die Anästhesie erspart auch Kindern manches. Am Klinikum Lippe hat sich Dr. Lutz Müller-Lobeck besonders auf die Bedürfnisse der jüngsten Patienten eingestellt. (© Privat)

Kreis Lippe. Er sollte die Geschichte der Medizin revolutionieren: Es war ein Zahnarzt, der zum ersten Mal auf die Idee kam, einen Patienten zu betäuben, um ihm die Schmerzen zu ersparen. Das war vor 170 Jahren. Heute hat die Narkose ein ganz anderes Gesicht und ist viel spezieller geworden. Am Klinikum Lippe gibt es seit zwei Jahren eine eigene Kinderanästhesie.

Dr. Lutz Müller-Lobeck kümmert sich hier um die jüngsten Patienten. „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen", sagt er. „Sie unterscheiden sich durch ihren Körperbau, die Größe und die Stoffwechselfunktionen. Ihr psychisches Erleben und das Verarbeiten einer Krankheit und eines Krankenhausaufenthaltes sind anders als bei Erwachsenen und natürlich auch die Möglichkeit, sich mit ihnen zu verständigen."

Kinder haben auch Ängste, die er ihnen zu nehmen versucht, sagt der Mediziner: „Das hängt natürlich vom Alter ab, aber manche haben tatsächlich Angst, nicht wieder wach zu werden."

Damit sie einigermaßen beruhigt in den OP-Saal gefahren werden können, bekommen die kleinen Patienten vorab einen speziellen Saft, der sie nahezu in Schlaf versetzt. „Gerade bei den ganz Ängstlichen ginge das auch gar nicht anders, denn Kinder können nicht wie Erwachsene ihre eigenen Ängste rational bekämpfen", erläutert der Mediziner im Gespräch mit der LZ.

Den Kindern wird zuvor reiner Wein eingeschenkt, was mit ihnen passiert. „Wir sagen nie: ,Das tut nicht weh’, sondern wir sagen: ,Das könnte jetzt pieksen’ oder ,das könnte jetzt ein bisschen unangenehm werden’."

Seit zehn Jahren beschäftigt sich Dr. Müller-Lobeck mit den speziellen Bedürfnissen von Kindern, die operiert werden müssen – und er gibt sein spezielles Wissen an die anderen Mediziner und Pflegekräfte im Team weiter. Davon profitieren die 1200 Kinder und Jugendlichen, die jedes Jahr am Klinikum Lippe operiert werden. Was sie im Operationssaal erleben, ist weit entfernt von dem, was Patienten vor dem 16. Oktober 1846 erdulden mussten.

Die moderne Chirurgie wäre ohne diesen Durchbruch gar undenkbar. „Ohne Narkose konnte keine OP vorgenommen werden, die länger als zwei Minuten dauerte. Denn länger kann ein Mensch die Schmerzen einer OP zumeist nicht aushalten", erklärt Dr. Müller-Lobeck.

Die Vorbereitung auf eine Narkose und die Narkose selbst, erfolgt in mehreren Schritten. Dr. Lutz Müller-Lobeck erklärt hier, wie das funktioniert.

Information
Der Durchbruch zur modernen Chirurgie
Wer vor 1846 operiert wurde, war arm dran: Musste beispielsweise einem Patienten das Bein amputiert werden, bekam er ein bisschen Brandwein, wurde fixiert und erhielt einen Beißkeil zwischen die Zähne, damit er sich nicht vor Schmerzen die Zunge abbiss. Die Chirurgie war auf Amputationen und andere Kriegs- und Traumachirurgie und auf die Behandlung von Grützbeuteln oder Hauttumoren sowie wenige andere Eingriffe beschränkt. Operationen im Bauchraum waren fast unmöglich.

Der Zahnarzt William Morton behauptete, er könne einen Patienten mit Hilfe von Äther so für eine OP vorbereiten, dass dieser keine Schmerzen empfinde. Mitte des 19. Jahrhunderts versuchte er, genau das in einem Hörsaal in Boston/Massachusetts zu beweisen. Der Chirurg Collins Warren nahm an dem Patienten Gilbert Abbot eine Tumoroperation am Hals vor. „Weil es dem Zahnarzt gelungen war, den Patienten mit dem Äther zumindest so weit schmerzfrei zu machen, dass er bewusstlos wurde, wurde das als erste, erfolgreiche Narkose gewertet. Nach dem Aufwachen sagte der Patient, er könne sich nicht erinnern, was mit ihm passiert sei. Deswegen gilt der 16. Oktober 1846 als Geburtsstunde der modernen Anästhesie", erzählt Dr. Lutz Müller-Lobeck, Leiter der Kinderanästhesie am Klinikum Lippe.

Lange war die Narkose die Domäne der Chirurgen. Erst in den 1950-er Jahren entwickelte sich die eigene medizinische Fachrichtung Anästhesie – zunächst geprägt von Chirurgen, die sich auf Narkosen spezialisiert hatten.

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