Vorsorge für Kinder wird erweitert

Astrid Sewing

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Frühuntersuchung (© dpa)
Erst kommt der Storch, dann folgt die Vorsorge: Michael Fleischer ist Oberarzt an der Familienklinik in Detmold. Das neue Untersuchungsheft für Kinder wird an die frischgebackenen Eltern ausgegeben. - © Astrid Sewing
Erst kommt der Storch, dann folgt die Vorsorge: Michael Fleischer ist Oberarzt an der Familienklinik in Detmold. Das neue Untersuchungsheft für Kinder wird an die frischgebackenen Eltern ausgegeben. (© Astrid Sewing)

Kreis Lippe. Frischgebackene Eltern kennen es – das gelbe Heft, in dem die Vorsorgeuntersuchungen für das Baby dokumentiert werden. Seit September gibt es neue Vorgaben, umfangreichere Untersuchungen sollen den Werdegang eines Kindes besser dokumentieren. Im Klinikum Lippe werden die neuen Untersuchungshefte ausgegeben, aber die Kinder- und Jugendärzte haben ein Problem: Es ist noch nicht klar, wie die Leistungen der Ärzte vergütet werden.

Michael Fleischer ist Oberarzt der Familienklinik Detmold. Dass es Probleme mit der Umsetzung der neuen Vorgaben gibt, weiß auch er. „Im Gemeinsamen Bundesausschuss sitzen Ärzte und auch Vertreter der Kassen. Da hätte man die Frage der Vergütung gleich klären können", sagt er.

Jetzt gibt es eine Übergangsfrist, denn der Bewertungsausschuss muss innerhalb eines halben Jahres entscheiden, wie die Leistungen abgerechnet werden. Im Klinikum Lippe werden die U1 und die U2-Untersuchung gemacht. „Da stellt sich die Frage der Abrechnung gar nicht", sagt Fleischer. Inhaltlich, so betont er, gebe es viele Verbesserungen für die Eltern.

Qualitätssicherung: Für die Untersuchungen U1 bis U9 müssen künftig festgelegte Standards eingehalten werden, insbesondere auch bei der Beurteilung der Entwicklung. „Die Ärzte bekommen so ein umfassenderes Bild von dem Kind, seinen Fähigkeiten und seinem Umfeld. Und die Eltern finden in dem Heft auch Vorgaben, was ihr Kind können sollte", erklärt Fleischer.

Mehr Beratung: Darüber hinaus müssen Ärzte im neuen Heft dokumentieren, wenn das Kind die vorgegebenen Kriterien hinsichtlich Grob- und Feinmotorik oder der emotionalen Kompetenz nicht erfüllt. „Wird ein erweiterter Beratungsbedarf etwa zu Themen wie Stillen und Ernährung, auffälligem Schreien oder Hilfen in Belastungssituationen festgestellt, kann das ebenfalls vermerkt werden", sagt der Detmolder Oberarzt. Früher habe die körperliche Entwicklung im Vordergrund gestanden, im neuen Heft werde die geistige zusätzlich erfasst. Außerdem werde intensiver über den Impfschutz beraten.

Datenschutz: Die Vorsorgeuntersuchungen werden nicht nur im Heft, sondern auch auf einer herausnehmbaren „Teilnahmekarte" dokumentiert, die zum Beispiel im Kindergarten vorgelegt werden kann. „Die vertraulichen Informationen im Untersuchungsheft müssen die Eltern nicht mehr preisgeben. Das war früher anders und ist immer wieder auch von Eltern kritisiert worden."

Das alte Heft: Kinder, die bereits ein (altes) Untersuchungsheft haben, erhalten bis zur U6 (10.-12. Lebensmonat) zusätzlich ein neues Heft. Für alle Kinder, die zur U7 (21.-24. Lebensmonat) oder späteren Untersuchungen kommen, wird der Arzt die Ergebnisse auf Einlegeblättern dokumentieren, die in das bisherige Heft eingeklebt werden.

Mukoviszidose-Test: Die Krankheit wird vererbt, die Lunge bildet einen zähen Schleim in den Bronchien, der das Atmen erschwert. Neu ist, dass in den ersten vier Lebenswochen Wochen ein Mukoviszidose-Screening stattfinden kann. Eltern müssen dem dreistufigen Test mit ihrer Unterschrift zustimmen. „Das ist ein sehr sicheres Ausschlussverfahren. Man bekommt eine eindeutige Diagnose", sagt Fleischer. Der Vorteil liege auf der Hand, denn die Kinder könnten früher und gezielter behandelt werden.

Hören: Zwischen dem 46 und 48 Lebensmonat ist ein apparativer Hörtest Pflicht. „Da reicht es nicht, links und rechts am Ohr mit den Fingern zu schnippen. Die Hörschwelle muss mit fünf Prüffrequenzen festgestellt werden", sagt Fleischer.

Sehen: Der Test in der Altersgruppe der Vierjährigen ist ebenfalls sehr viel umfangreicher. Zu den Standards gehören Formenwiedererkennungs-Tests, Schielen oder Risikofaktoren in der Entwicklung des kindlichen Sehens werden mittels Visioscreener festgestellt.

Kinderärzte sehen Reform kritisch

Michael Achenbach, Pressesprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, findet klare Worte für das Verfahren rund um das neue Untersuchungsheft. „Als Tiger gesprungen und als Bettvorleger gelandet."

Achenbach praktiziert als Kinderarzt in Plettenberg und hat bislang eines der neuen Untersuchungshefte in die Hand bekommen. „Ich soll es den Kollegen vorstellen, aber ausführen können wir die Vorgaben nicht, denn wir wissen gar nicht, ob das auch von den Kassen übernommen wird."

Hintergrund ist, dass der Anforderungskatalog und das Startdatum 1. September zwar durch den Gemeinsamen Bundesausschuss festgelegt wurden, allerdings wurde der Bewertungsausschuss noch nicht gehört. „Der aber legt fest, wie abgerechnet wird, und er hat jetzt ein halbes Jahr Zeit, Stellung zu beziehen. So lange das nicht passiert ist, werden die Ärzte die neuen Anforderungen kaum umsetzen können", sagt Achenbach.

Inhaltlich begrüße der Verband die Neuerungen. „Dass die geistige Entwicklung der Kinder, die Interaktion zwischen Eltern und Kind dokumentiert werden und die Eltern stärker dazu ermuntert werden, nachzufragen – das alles ist positiv."

Der Mehraufwand müsse aber auch für die Ärzte honoriert werden. Davon allerdings sei bislang nicht die Rede. „Kein Kinderarzt wird das privat in Rechnung stellen wollen, so lange es keine klare Regelung gibt. Deshalb ist es wichtig, dass der Bewertungsausschuss schnell reagiert. Davon gehen wir auch aus", sagt Achenbach.

Die Reform gehe auch nicht weit genug. „Die Kassen sind nicht bereit, auch die psychosoziale Entwicklung und die Früherkennung von Verhaltensauffälligkeiten in das Heft zu übernehmen. Das ist kurzsichtig, denn diese Probleme müssen ebenfalls möglichst früh behandelt werden."

Kommentar: "Kassen müssen nachbessern"

von Astrid Sewing

Da kann man sich eigentlich nur wundern. Stellen Sie sich vor, die Bus-Fahrpreise werden gesenkt, aber weil es keine Automaten gibt, die entsprechende Fahrkarten drucken können, können Sie nicht einsteigen. So ungefähr ist es mit dem neuen Untersuchungsheft und der Frage, wer die Leistungen bezahlt.

Und das, obwohl im Gemeinsamen Bundesausschuss, der die Reform auf den Weg gebracht hat, auch die Krankenkassen ein Wörtchen mitgeredet haben. Also muss schnellstmöglich nachgebessert werden, denn klar ist, dass die Eltern in den Genuss der zusätzlichen Leistungen kommen und die Ärzte ihren Mehraufwand auch bezahlt haben wollen.

Davon abgesehen ist es sehr gut, dass die Vorsorgeuntersuchungen inhaltlich verbessert worden sind. Eltern können mit den Ergebnissen der Untersuchungen einfach vielmehr anfangen, weil sie aussagekräftiger sind. Die Kinder profitieren, weil sie gezielter und früher behandelt werden können. Gerade bei Mukoviszidose ist dies ein Fortschritt, denn diese Krankheit ist selten und verursacht anfangs kaum Beschwerden.

Rund 40 Prozent der betroffenen Kinder in Deutschland haben an ihrem ersten Geburtstag noch keine Diagnose. Bei manchen Patienten wird Mukoviszidose sogar erst im Schulalter erkannt. Das ist verschenkte Zeit, die die Kinder nicht haben. Steht die Diagnose früh fest, sind ihre Chancen auf eine optimale Therapie sehr viel besser.

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