Warum es in Lippe zu wenig Bewerber für Lehrstellen gibt

Astrid Sewing

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Beruf mit Zukunft: Bekir Duran, der bei Elektro-Lampe in Detmold lernt, holt sich Tipps beim Gesellen Marcel Fröhlich. - © Archiv: Bernhard Preuß
Beruf mit Zukunft: Bekir Duran, der bei Elektro-Lampe in Detmold lernt, holt sich Tipps beim Gesellen Marcel Fröhlich. (© Archiv: Bernhard Preuß)

Kreis Lippe. Ein Einser-Abitur, ein Bachelorabschluss mit einer Eins vor dem Komma, 27 Jahre alt – das klingt nach Karriere. Ist aber chancenlos, denn die Absolventin hat ein sogenanntes Orchideenfach gewählt und sich auf das Mittelalter konzentriert. 

„Ich habe noch nie so viele solcher Fälle gehabt, wie in diesem Jahr. Die jungen Leute studieren quasi am Arbeitsmarkt vorbei. Auf der anderen Seite aber können Lehrstellen nicht besetzt werden", sagt der Bildungsgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Lippe zu Detmold (IHK), Michael Wennemann.

Als der Bildungsbericht des Kreis Lippe vorgestellt wurde, hat auch Wennemann im Publikum gesessen und gehört, dass sich wieder mehr Jugendliche für eine duale Ausbildung interessieren. Eine Umfrage 2016 unter 1326 Abiturienten ergab, dass sich ein Fünftel durchaus mit dem Gedanken trägt, eine klassische Lehre zu absolvieren.

Doch die IHK hat andere Erfahrungen gemacht. „Ich erlebe, dass das Abitur und das Studium nach wie vor auf der Wunschliste ganz oben stehen", sagt Michael Wennemann. Bei der Auswahl des Studiums werde allerdings zu oft falsch entschieden. „Die Abbrecherquote liegt bei 30 Prozent, aber es werden auch immer mehr, die zwar erfolgreich zum Abschluss kommen, aber dann gar keine Jobs finden und umschulen müssen."

Aus Sicht des Bildungsgeschäftsführers hakt es an mehreren Stellen. „Ein akademischer Abschluss wird immer noch mit einem hohen Verdienst gleichgesetzt. Da kommt es aber sehr darauf an, was man macht. Vergleicht man einen Absolventen der Geisteswissenschaften mit einem Industriemechaniker, dann liegt letzterer beim Verdienst vorne."

Bei den Realschülern sei die klassische Lehre auch wenig beliebt. „Ganze Klassen bewerben sich erst gar nicht, sondern suchen einen alternativen Weg zur Hochschulreife", hat Wennemann festgestellt. Zudem sinke die Zahl der Hauptschüler, in Lippe liege der Anteil bei 16,5 Prozent. „Das alles führt dazu, dass es an Bewerbern mangelt – nicht in allen Ausbildungsgängen gleich", sagt Wennemann.

Im Kreis Lippe verzeichnete die IHK die höchsten Eintragungszahlen bei den Industriekaufleuten (105), den Kaufleuten im Einzelhandel (91) sowie bei den Verkäuferinnen und Verkäufern (74). In anderen der rund 150 angebotenen Ausbildungsberufen – etwa in den Bereichen Gastronomie, Lebensmittelverkauf und metallverarbeitende Industrie – herrsche dagegen ein Mangel an Interessenten.

Ein Problem bei der Besetzung offener Stellen ist die mangelnde Mobilität. „Für junge Berufsanfänger aus dem lippischen Südosten ist es nahezu unmöglich, morgens pünktlich bei einem Ausbildungsunternehmen in Bad Salzuflen zu erscheinen. Wir setzen uns daher dafür ein, dass das Land eine Mobilitätsförderung für Azubis auf den Weg bringt", erklärt Wennemann.

Denkbar wäre, einen Shuttlebus einzusetzen, der die Azubis zu ihren Ausbildungsstellen bringt und sie abholt. „Da, wo der ÖPNV überhaupt nicht funktioniert, wäre das eine sinnvolle Ergänzung und gut investiertes Geld."

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