Bilanz: Sanitäter und Feuerwehrleute häufiger beschimpft und angegriffen

Erol Kamisli

  • 0
Ziehen Bilanz der Arbeit 2017: (von links) Joachim Klinik, Achim Reineke, Daniel Fischer, Karl-Heinz Brakemeier, Jörg Düning-Gast und Dr. Axel Lehmann. - © Vera Gerstendorf-Welle
Ziehen Bilanz der Arbeit 2017: (von links) Joachim Klinik, Achim Reineke, Daniel Fischer, Karl-Heinz Brakemeier, Jörg Düning-Gast und Dr. Axel Lehmann. (© Vera Gerstendorf-Welle)

Kreis Lippe. Immer mehr Einsätze im gesamtem Kreisgebiet – die Leitstelle der Feuerwehr Lippe hat im vergangenen Jahr 68.557 Mal den Rettungsdienst oder die Feuerwehr in Marsch gesetzt – das sind 187 Hilferufe pro Tag. 2016 waren es 66.583 – eine Steigerung um knapp vier Prozent.

Doch gestiegen sind nicht nur die Einsatzzahlen, sondern auch die Angriffe gegen Feuerwehrleute und Rettungssanitäter. „Es sind nicht nur verbale, sondern auch tätliche Angriffe", bedauert Landrat Dr. Axel Lehmann. „Wir haben zwar keine Großstadtverhältnisse, aber diese unbegreiflichen Angriffe haben wir leider auch hier vor Ort", so der Landrat weiter. Konkrete Zahlen seien noch nicht erhoben worden. „Aber hier muss eventuell der Gesetzgeber eingreifen", sagt Dr. Lehmann. Die Gewalt gegen Rettungskräfte sei nicht hinnehmbar.

Auch Kreisbrandmeister Karl-Heinz Brakemeier kann einiges über Angriffe auf Feuerwehrleute erzählen: „Die Menschen werden leider immer rücksichtsloser und behindern uns teilweise in unserer Arbeit." In internen Feuerwehr-Lehrgängen würden dieses Übergriffe immer wieder angesprochen. Das Risiko, bei den Einsätzen beschimpft oder geschlagen zu werden, wachse zusehends. „Wir halten unsere Kollegen dazu an, jeden Konflikt zu melden", sagt Brakemeier. Aber die Realität sehe oft anders aus. Die Feuerwehrleute seien im Einsatz-Stress, hätten keine Zeit und Nerven, sich mit zusätzlichem Papierkram zu belasten.

Übergriffe auf Rettungskräfte und Polizisten hätten in den vergangenen Jahr zugenommen, bestätigt Polizeisprecher Uwe Bauer . „Wir haben hier keine gezielten Angriffe. Doch Respektlosigkeiten und Tätlichkeiten, in welcher Form auch immer, kommen immer wieder vor", sagt Bauer.

Es gibt aber auch gute Nachrichten beim Blick auf die Bilanz des vergangenen Jahres – so sei die neue Rettungswache in Oerlinghausen eröffnet worden, und auch der Startschuss für den Bau einer Wache in Blomberg sei gefallen. Darüber hinaus seien zusätzliche Rettungswagen in Blomberg und am Standort Detmold besetzt.

Zudem sei ein Grundstück für den Bau der Rettungswache in Augustdorf gekauft worden. „Die Bauarbeiten sollen bis Ende dieses Jahres beendet sein", hofft Jörg Düning-Gast, als Verwaltungsvorstand zuständig für Bereich Bevölkerungsschutz. Auch die Vernetzung der Leitstellen Lippe, Paderborn und Höxter sei im vergangenen Jahr vorangetrieben worden. „Wenn unsere Leitstelle ausfallen würde, könnten die Kollegen ganz problemlos unsere Arbeit übernehmen. Es entsteht keine Sicherheitslücke", erläutert Sascha Medina Azuaga, der Teamleiter Feuerschutz- und Rettungsleitstelle des Kreises.

Doch damit die Lipper auch künftig optimal versorgt werden, müsse qualifiziertes Personal gebunden und angeworben werden, betonten alle Beteiligten. „Wir haben jetzt keinen Masterplan entwickelt, doch wir wollen die jungen Menschen durch attraktive Angebote für uns gewinnen", sagt Düning-Gast. Dazu gehörten neben finanziellen Anreizen auch bessere Kinderbetreuungsmöglichkeiten und transparente Aufstiegschancen.


"Rettergesetz bringt nichts"

Ein Kommentar von Erol Kamisli

Auch bei uns auf dem Land gibt es Beleidigungen und Angriffe gegen Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienste – die Forderungen nach neuen Gesetzen werden immer lauter. Wenn alle ignorant mit den Schultern zucken, soll der Gesetzgeber endlich mal Härte zeigen – es wird nichts bringen!

Wir haben uns schon zu lange und zu sehr daran gewöhnt, dass Respekt und Anerkennung von staatlicher Autorität immer mehr verloren gehen! Jeder Lehrer, jede Busfahrerin, jeder Jobcenter-Mitarbeiter kann ein Lied davon singen!

Brauchen Polizisten und Rettungskräfte darum einen besonderen strafrechtlichen Schutz? Nein! Es gibt genug Paragrafen die Beleidigungen und Attacken bestrafen – darauf können sie sich berufen. Die Gesetzeslage reicht aus, man muss die Möglichkeiten nur anwenden. Dafür braucht man eine Justiz die gut ausgestattet ist, die schnell aufklärt und die Täter vor Gericht bringt!

Die Politik würde durch neue Gesetze hier ein Sonderstrafrecht schaffen, das keinen Nutzen hat. Es ist ein billiges Placebo, Symbolpolitik! Was unsere Retter brauchen sind normale Arbeitsbedingungen, angemessene Bezahlung und ein Berufsleben ohne die tägliche Mangelverwaltung.

Da müsste Politik ran – das wäre ihr Job! Und wir alle sind dafür zuständig, dass die Polizisten und Retter wieder den nötigen Respekt zurückbekommen, den sie für ihre Arbeit verdienen. Das kostet uns im Übrigen nichts – außer Verständnis.

Information
Telefonische Hilfe für Ersthelfer

„Ich sagen Ihnen jetzt, was Sie tun. Legen Sie eine Hand unters Kinn, eine an die Stirn. Überstrecken Sie den Kopf." Die Anweisungen aus der Leitstelle müssen klar und der Ton ruhig sein, sagt Sascha Medina Azuaga, Teamleiter Feuerschutz- und Rettungsleitstelle. So unterstütze die Leitstelle Anrufer am Telefon in der Ersten Hilfe und Wiederbelebung, bis der Rettungswagen innerhalb von maximal 12 Minuten eintreffe. 242 Menschen seien 2017 unter Telefon-Regie reanimiert worden, 2016 waren es 111 Lipper.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2018
Texte und Fotos von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

0 Kommentare
0 Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem gültigen LZ-Plus-Zugang möglich. Jetzt testen!