Wenn die Seele angegriffen wird

Die Zahl der Soldaten mit posttraumatischen Belastungsstörungen wächst

veröffentlicht

Wenn die Seele 

angegriffen wird - © Kreis Lippe
Wenn die Seele
angegriffen wird (© Kreis Lippe)
Detmold. 729 deutsche Soldaten sind nach Angaben der Bundeswehr 2010 wegen Posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) behandelt worden. Aber viele Soldaten gestehen sich die seelische Krankheit nicht ein. Davon geht Dr. Matthias Witt-Brummermann aus. Er ist Psychologe und beschäftigt sich als Reservist mit dem Thema PTBS. Im LZ-Gespräch erklärt er, um was es dabei geht und wo es Hilfe gibt.

Dass Soldaten auch mit seelischen Wunden aus den Kriegen zurückkehren, weiß man schon lange. Was ist heute anders, sodass so viel darüber gesprochen wird?

Dr. Matthias Witt-Brummermann:  Es ist positiv, dass heute viele Betroffene darüber sprechen. Und das sind nicht nur Soldaten, sondern auch Feuerwehrleute, Rettungshelfer oder die Opfer von Überfällen.

Was löst diese Traumata aus?

Witt-Brummermann: Es geht immer um das Erleben einer Gewalterfahrung, einer lebensbedrohlichen Situation oder eines Angriffs auf die eigene Person oder auf Kameraden. Wesentliches Merkmal ist der Verlust der Kontrolle über eine Situation. Es kann aber auch das dauerhafte Erleben von Gewalt oder Gewaltfolgen Auslöser sein, zum Beispiel die ständige Konfrontation mit zerstörten Häusern als Kontrast zur heilen Welt Zuhause.

Aufklärung vom Schützenpanzer aus: Ein Foto aus der Nähe von Kunduz in Afghanistan. In dieser Provinz versehen Augustdorfer Soldaten ihren mitunter gefährlichen Dienst.  - © Archivfoto: Bundeswehr/Klaus Geier
Aufklärung vom Schützenpanzer aus: Ein Foto aus der Nähe von Kunduz in Afghanistan. In dieser Provinz versehen Augustdorfer Soldaten ihren mitunter gefährlichen Dienst.  (© Archivfoto: Bundeswehr/Klaus Geier)

Wie äußern sich PTBS?

Witt-Brummermann: Dafür gibt es verschiedene Leitkriterien. Zum einen muss ein traumatisches Erlebnis vorliegen, das die Person ständig wie ein "Kopfkino" vor Augen hat – ausgelöst durch kleine Schlüsselreize wie ein Geräusch oder einen Geruch. Das kann zu Erstarrung führen, Leute werden phlegmatisch, können ihren Alltag nicht mehr bewältigen oder greifen zu Suchtmitteln. Oft sind sie nicht mehr fähig zu einer partnerschaftlichen Beziehung oder können ihren Beruf nicht mehr ausüben. Von einer posttraumatischen Belastungsstörung spricht man aber erst, wenn die Symptome länger als sechs Monate fortbestehen.

Ist es gerade für Soldaten ein Problem, sich die Krankheit einzugestehen?

Witt-Brummermann: Viele Soldaten gestehen sich das tatsächlich nicht ein - mitunter aus Sorgen um die Karriere. Im Einsatz befindliche Soldaten wollen ihre Einheit oder Gruppe oft nicht im Stich lassen. Außerdem wird die Krankheit im Kameradenkreis nicht so anerkannt, weil die Patienten äußerlich unversehrt sind. Dass aber auch psychische Leiden einen hohen "Krankheitswert" haben, wenn man so will, und es möglicherweise für alle gefährlicher wird, im Einsatz zu bleiben, wollen sie so nicht wahrhaben.

Seite 1 von 2
nächste Seite

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2014
Texte und Fotos von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.