Mord an Arzu spaltet die Gemeinde

Jesiden wehren sich gegen Generalverdacht und schildern ihre Zerrissenheit

Von Erol Kamisli

Mord an Arzu

spaltet die Gemeinde - © Detmold
Mord an Arzu
spaltet die Gemeinde (© Detmold)

Detmold-Remmighausen. Es werde viel über sie, aber nicht mit ihnen geredet, beklagen Vertreter der jesidischen Gemeinde Detmold. Zum LZ-Gespräch kamen Ömer Oduncu, Hüseyin Ibrahim, Remsi Yalcin und Ex-Pfarrer Martin Hankemeier.

"Nach dem Tod von Arzu stehen wir unter Generalverdacht und wehren uns dagegen, dass  unsere Religion als eine ‚finstere Sekte‘ angesehen wird", sagt Remsi Yalcin. Niemandem fiele es ein, pauschal alle Deutschen zu diffamieren, wenn unter ihnen jemand solche Taten verübe. Aufgrund der Anti-Jesidenstimmung habe er nicht am Trauermarsch für die ermordete Arzu teilgenommen.

Natürlich seien auch die Jesiden geschockt. "Ich kannte Arzus Brüder und bin nach der Nachricht völlig sprachlos gewesen", sagt Yalcin. Der überwiegende Teil der Jesiden, zu dem er auch gehöre, habe die Tat als sehr beschämend empfunden. Doch er müsse zugeben, dass einige den Mord an der 18-Jährigen auch befürworteten - nach dem Motto: "Das geschieht der Arzu ganz recht." Es sei normal, dass es auch jesidische Familien gebe, die in patriarchalischen Strukturen lebten und anscheinend habe die Familie Özmen danach gelebt.

Remsi Yalcin, Ömer Oduncu, Martin Hankemeier (früherer Jesiden-Beauftragter der Landeskirche) und Hüseyin Ibrahim  (von links) verurteilen jede Form von Gewalt und Zwang. - © Foto: Gerstendorf-Welle
Remsi Yalcin, Ömer Oduncu, Martin Hankemeier (früherer Jesiden-Beauftragter der Landeskirche) und Hüseyin Ibrahim (von links) verurteilen jede Form von Gewalt und Zwang. (© Foto: Gerstendorf-Welle)

Dies bestätigt auch der jezidische Geistliche Pir Ömer Oduncu. Im vergangenen Jahr sei Arzus Vater, nachdem die 18-Jährige ihn wegen Körperverletzung angezeigt habe, bei ihm gewesen. "Wir haben ein Entschuldigungsschreiben verfasst und bei der Polizei abgegeben", erinnert sich Pir Oduncu.

Den Eingang des Schreibens bestätigt Oberstaatsanwalt Michael Kempkes. "Im Spätsommer vergangenen Jahres wurde Arzu von ihrem Vater geschlagen und eingesperrt", so Kempkes. Daraufhin sei das Schreiben eingegangen. Gegen den Vater laufe ein Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung und Freiheitsberaubung.

Nach dieser Anzeige und dem Mord an Arzu habe sich die Familie Özmen immer mehr isoliert und sich aus der jezidischen Gemeinde zurückgezogen, fügt Pir Oduncu hinzu. Rechtsanwalt Detlev Binder, der einen Bruder von Arzu, der an der Entführung und Ermordung der 18-Jährigen beteiligt gewesen sein soll, verteidigt, zeigt sich überrascht: "Ich stehe in engem Kontakt zur Familie und höre dies zum ersten Mal." Die Familie vermittele ihm ein ganz anderes Bild. "Sie erfahren viel Solidarität."

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