Professor zum Özmen-Urteil: Gericht hat ein Zeichen gesetzt

Von Martin Hostert

  • 3
 - © Foto: Hostert
Prof. Jan Kizilhan (© Foto: Hostert)

Detmold (mah). Professor Jan Kizilhan ist als Sachverständiger in beiden Özmen-Prozessen befragt worden. Im LZ-Gespräch ordnet der Psychologe das Urteil gegen Fendi Özmen ein.

Der Dozent für Gesundheitswissenschaften, Psychologie und Migration an der Hochschule Villingen-Schwennigen ist jesidischen Glaubens und gilt bundesweit als Experte für Jesidentum und Ritualmord. Er hat mehr als 30 sogenante "Ehrenmorde" begutachtet und betont: "Die meisten der Täter und Familien waren keine Jesiden".

Wie ist das Urteil "sechseinhalb Jahre Haft" in der jesidischen Glaubensgemeinschaft aufgenommen worden?

Prof. Jan Kizilhan: Mit viel Skepsis. Viele begrüßen, dass ein Zeichen gesetzt wird. Andere haben Angst, sehen ihre Werte und Normen in Frage gestellt. Ich finde es gut, dass solche Zeichen gesetzt werden, dass die Menschen erkennen, dass man so etwas nicht mehr machen darf und kann.

Müssen die Jesiden lernen zu akzeptieren, dass sich Werte und Normen verändern?

Prof. Kizilhan: Diesen Änderungen müssen sie sich stellen. Sie müssen die Chance, als Individuum in Deutschland leben zu dürfen, nutzen. Sie dürfen keine Angst haben, dass das Jesidentum zusammenbricht, wenn sie anders leben.

Ist dieses das Signal des Gerichtes?

Prof. Kizilhan: Es ist ein wichtiges Signal an die Jesiden: Wenn sie an ihren Strukturen festhalten, werden sie keine Möglichkeiten haben, sich hier durchzusetzen.

Hätte der Vater seine Macht positiv nutzen können?

Prof. Kizilhan: Er hätte Stellung beziehen und sagen können: Unsere Tochter ist jetzt nicht mehr unsere Tochter, aber lasst sie in Ruhe. So hat es ja auch das Gericht gesehen.

Hätten denn die Geschwister auf den Vater gehört?

Prof. Kizilhan: Auf jeden Fall wäre die Wahrscheinlichkeit höher, dass die Arzu noch lebte.

Und hätte Fendi so seine Autorität verspielt?

Prof. Kizilhan: Nein, überhaupt nicht, er hätte ja als Haushaltsvorstand reagiert, in dem er Sanktionen ausgesprochen hätte. Es gibt keinen Automatismus, dass bei Ehrverletzungen jemand umgebracht wird.

Wo sehen Sie die Zukunft der Familie? Die Mutter sitzt mit vier Kinder zuhause und muss selbst noch vor Gericht.

Prof. Kizilhan: Eine paradoxe Situation. Die Familie tötet die Tochter, um die Ehre zu retten, und zerstört die Familie. Traditionelle Normen funktionieren nicht mehr. Die Großfamilie wird nur begrenzt helfen. Die Mutter ist auf sich allein gestellt. Die Familie hat kläglich versagt: Aus Sicht der modernen Jesiden, auch aus Sicht der traditionellen, weil sie das nicht richtig durchgezogen haben. Eine wirkliche Tragödie. Keiner will mehr mit ihnen gesehen werden. Der alte Wert der Ehre zerstört jetzt Menschen in der Migration, er stabilisiert nicht mehr.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2014
Texte und Fotos von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

3 Kommentare
3 Kommentare

Um Ihren Kommentar abzusenden, melden Sie sich bitte an.
Sollten Sie noch keinen Zugang besitzen, können Sie sich hier registrieren.

Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion an.