Christian Lindner über seine Arbeit in einem Kinderhospiz

„Es gibt dort kein Happy End“

Martin Teschke

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Politisch und im Ehrenamt engagiert: Christian Lindner, der Bundesvorsitzende der FDP, ist eher durch Zufall mit dem Kinderhospiz Regenbogenland in Berührung gekommen. Mittlerweile unterstützt er die Einrichtung seit acht Jahren. - © DPA
Politisch und im Ehrenamt engagiert: Christian Lindner, der Bundesvorsitzende der FDP, ist eher durch Zufall mit dem Kinderhospiz Regenbogenland in Berührung gekommen. Mittlerweile unterstützt er die Einrichtung seit acht Jahren. (© DPA)
Ehrung für das Ehrenamt: Markus Schön überreicht Christian Lindner in Düsseldorf den Preis „Giving Gift“. - © Martin Teschke
Ehrung für das Ehrenamt: Markus Schön überreicht Christian Lindner in Düsseldorf den Preis „Giving Gift“. (© Martin Teschke)

Kreis Lippe. Die „Giving Tree“-Stiftung hat FDP-Chef Christian Lindner mit dem „Giving Gift“ ausgezeichnet. Die LZ besuchte den Politiker bei der Preisübergabe mit dem Detmolder „Giving Tree“-Vorsitzenden Markus Schön.

Herr Lindner, Sie sind ein vielbeschäftigter Politiker. Hatten Sie überhaupt schon einmal Zeit, das Kinderhospiz Regenbogenland zu besuchen?

Christian Lindner: Ja, sicher. Ich habe das Kinderhospiz ja auch privat über eine Freundin kennen gelernt, die nebenan wohnte. Inzwischen bin ich seit acht Jahren Botschafter dieser Einrichtung.

Aber Sie haben doch sicherlich keine Zeit, sich um die Kinder zu kümmern.

Lindner: Doch, so hatte das begonnen. Wir haben etwas mit den sogenannten Schattenkindern unternommen – also den Geschwistern von todkranken Kindern, die auch viel Aufmerksamkeit verdienen. Seit längerer Zeit helfe ich aber vor allem dadurch, dass ich mithelfe, Unterstützer und Spender zu gewinnen. Sehr viele Menschen leisten großartige Arbeit. Mein Beitrag ist gemessen daran ganz gering, weshalb ich den Preis der „Giving-Tree“-Stiftung auch nur stellvertretend für die vielen ehrenamtlichen Helfer akzeptiert habe.

Was haben Sie gedacht und gefühlt, als Sie das Kinderhospiz das erste Mal besucht haben?

Lindner: Das war im ersten Moment natürlich bedrückend. Es gibt ja kein Happy End, keine Aussicht auf Heilung. Aber es herrscht dort eine sehr familiäre Atmosphäre, in der viel gespielt und gelacht wird. Das ist nicht nur Trost, sondern soll den Kindern ja ihre Zeit schön machen.

Wenn Sie selbst ein todkrankes Kind hätten, würden Sie es ins Hospiz bringen oder lieber zu Hause pflegen?

Lindner: Wenn die eigenen Kräfte nicht ausreichen oder professionelle Pflege nötig ist, dann ist ein Hospiz die beste Adresse. In diesem – übrigens von Spenden getragenen – Haus arbeiten dafür ja hauptamtliche Profis mit den ehrenamtlich tätigen Menschen zusammen.

Hat solch ehrenamtliche Arbeit überhaupt Zukunft – in einer zunehmend individualisierten Gesellschaft, für die gerade auch die FDP steht?

Lindner: Wir leben in der Tat in einer individualisierten Gesellschaft. Und das begrüße, unterstütze und fördere ich. Nichts wäre schlimmer als eine Gesellschaft, in der sich das Individuum nicht entfalten kann. Individualität bedeutet ja nicht Vereinzelung oder Egoismus. Es geht vielmehr um die Freiheit, sich selbstbestimmt und eigenverantwortlich zu engagieren. Wenn man zusätzlich bedenkt, dass wir höhere individuelle Qualifikationen besitzen und länger und gesünder leben, dann ist das eine große Chance für das Ehrenamt.

Kann denn das Ehrenamt allein durch ältere Menschen überleben?

Lindner: Es gibt eine unglaublich hohe Zahl von jungen Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen. Mitunter muss sich aber das Ehrenamt verändern. Es könnte zum Beispiel öfter in Projekten gedacht werden.

Passt das zum Ehrenamt? In einem Verein oder auch in der Kommunalpolitik ist doch Kontinuität gefordert.

Lindner: Wenn sich die Gesellschaft ändert, wenn sie zunehmend individueller und mobiler wird, muss sich auch das Ehrenamt ändern. Ich sehe darin auch Chancen. Meine Partei treibt eine entsprechende Organisationsreform gerade voran.

Trotz aller positiven Tendenzen: Wie kann man das Ehrenamt weiter voran bringen, also attraktiver machen?

Lindner: Wir müssen stärker um Akzeptanz gerade auch bei Arbeitgebern werben. Zum Beispiel können erworbene Qualifikationen zertifiziert werden, so dass Arbeitgeber für den Beruf die Vorteile sehen. Und nicht zuletzt muss im Ehrenamt Bürokratie abgebaut werden. Da waren nicht alle politischen Entscheidungen der vergangenen Jahre hilfreich.

Zum Beispiel?

Lindner: Debatten über die Übungsleiterpauschale im Sport waren nachteilig. Problematisch ist in NRW auch das Nichtraucherschutzgesetz. Jeder Ehrenamtler, der eine Veranstaltung organisiert, muss dafür haften, wenn sich irgendjemand eine Zigarette anzündet. Hier wird den ehrenamtlich Tätigen das Leben unnötig schwer gemacht.

Müsste das Ehrenamt nicht stärker vergütet werden?

Lindner: Nein. Davon halte ich nichts. Das würde das Wesen des Ehrenamts beschädigen.

Welches Ehrenamt würden Sie denn für sich auswählen?

Lindner: Im Ruhestand würde ich mich vielleicht in der Bildung engagieren: als Vorlese-Opa für Kinder oder bei der Integration von Zuwanderern oder mit Schattenkindern etwas Nettes unternehmen – zum Beispiel Pizza essen gehen.

Das Interview führte LZ-Redakteur Martin Teschke.

Die "Giving Tree"-Stiftung

Die „Giving Tree“-Stiftung ist eine 2007 auf Privatinitiative gegründete gemeinnützige Stiftung, in der ehrenamtlich zum Wohle von Kindern und Jugendlichen gearbeitet wird. Die Stiftung hat ihren Sitz in Düsseldorf. Vorstandsvorsitzender ist Markus Schön, im Hauptberuf Geschäftsführer des Vermögensverwalters DVAM in Detmold.

Ein Schwerpunkt der „Giving Tree“-Stiftung ist die namensgebende Weihnachtsaktion, bei der laut Schön in den vergangenen Jahren mehr als 11.000 individuelle Kinderwünsche erfüllt worden sind. Insgesamt wurden bislang mehr als 500.000 Euro für gemeinnützige Zwecke bereitgestellt.

Die Auszeichnung „Giving Gift“ ist in diesem Jahr zum ersten Mal verliehen worden. Sie besteht aus 5.000 Euro, die in eine soziale Einrichtung – in diesem Fall das Kinderhospiz Regenbogenland in Düsseldorf – fließen. Außerdem erhält der Preisträger eine etwa sechs Kilogramm schwere Edelstahlskulptur des in Berlin arbeitenden Künstlers Jan Köthe.

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