Ehemalige Professoren gegen Aufarbeitung der "Causa Stephani"

Barbara Luetgebrune

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Emeritierte Professoren der Musikhochschule melden sich zu Wort: Prof. Martin Christian Redel, Prof. Dr. Richard Müller-Dombois, Prof. Michael Achilles, Prof. Friedrich Wilhelm Schnurr und Prof. Karl-Heinz Bloemeke (von links). - © Bernhard Preuß
Emeritierte Professoren der Musikhochschule melden sich zu Wort: Prof. Martin Christian Redel, Prof. Dr. Richard Müller-Dombois, Prof. Michael Achilles, Prof. Friedrich Wilhelm Schnurr und Prof. Karl-Heinz Bloemeke (von links). (© Bernhard Preuß)

Detmold. Auf die Ankündigung der Hochschule für Musik, die Vita ihres ehemaligen Direktors Prof. Martin Stephani, speziell mit Blick auf die Jahre unter dem Nazi-Regime, historisch aufarbeiten zu lassen, haben fünf ehemalige Professoren der Hochschule mit Empörung reagiert. Dass sie damit nicht allein stehen, geht aus einer Reihe von Zuschriften an die LZ hervor.

Die Form, in der das Thema aufgegriffen werde, erwecke den Eindruck, dass in der Vergangenheit etwas verschwiegen worden sei, kritisieren die Professoren.

Stephani soll Quellen zufolge zunächst als Musikreferent zur Leibstandarte Adolf Hitler abgeordnet worden und in der Folge am Aufbau und der Leitung des Symphonieorchesters der Waffen-SS beteiligt gewesen sein (die LZ berichtete).

„Es ist nichts verschwiegen worden“, sagt Prof. Friedrich Wilhelm Schnurr, von 1982 bis 1993 Rektor der Hochschule. Er verweist unter anderem auf einen Aufsatz von Helga Bernsdorff über Martin Stephani, der in dem 2006 aufgelegten Band „Marburg in den Nachkriegsjahren 3“ erschienen ist.

Unter dem Titel „Verstrickt und doch entlastet“ widmet Autorin Helga Bernsdorff ein Kapitel ihrer Bearbeitung der Dokumentation von Stephanis Leben in den Jahren 1938 bis 1948. Darin zitiert sie unter anderem aus Briefen Stephanis, aus seinen persönlichen Angaben im Entnazifierungsprozess und aus dem Entlastungszeugnis, das 1948 an dessen Ende stand. „Es kann als erwiesen angesehen werden, dass Stephani keine Nazigesinnung hatte, noch weniger Handlungen in diesem Sinne begangen hat“, heißt es dort. Diese Einschätzung sei zusätzlich in einem von Stephani selbst angestrengten Zivilprozess bestätigt worden, berichtet Prof. Dr. Richard Müller-Dombois, der auch als langjähriger Chronist der Hochschule tätig ist.

Diese Publikation von Helga Bernsdorff habe er Grosse nicht lange nach dessen Amtsantritt zusammen mit weiteren Schriften zukommen lassen. Grosses jetzige Ankündigung, Stephanis Position vor 1945 erneut hinterfragen zu wollen, stößt daher bei ihm und seinen Kollegen auf Unverständnis und Ablehnung.

Die ehemaligen Professoren hätten Grosse vorgeschlagen, anlässlich des 100. Geburtstags Stephanis Anfang November ein Gedenkkonzert zu veranstalten, berichtet Prof. Michael Achilles. Das habe dieser abgelehnt. Grosse habe stattdessen für ein „stilles Gedenken“ plädiert.

Zu einem solchen, sagt Prof. Martin Christoph Redel - er war von 1993 bis 2001 Rektor der Detmolder Musikhochschule - passe für sein Empfinden allerdings nicht der Schritt, bereits den Plan für die Aufarbeitung öffentlich bekannt zu geben, ohne erst einmal deren Ergebnisse abzuwarten.

Untersuchung mit kritischer Distanz und fachlicher Qualität
Martin Stephanis Vergangenheit war in Detmold in Grundzügen bekannt. Weshalb soll sein Leben 32 Jahre nach seinem Tod noch einmal zum Gegenstand einer historischen Aufarbeitung werden? Diese Frage erreiche ihn insbesondere aus dem Kreis derer, die Stephani noch persönlich gekannt haben, berichtet Musikhochschulrektor Prof. Dr. Thomas Grosse, Initiator der Studie.

Zugleich werde das Rektorat jedoch auch mit Anfragen konfrontiert, warum der Fall erst jetzt thematisiert werde. „Der 100. Geburtstag Stephanis hat den Anstoß gegeben. Noch gibt es viele offene Fragen, die es schwer machen, sich ein abschließendes Urteil zu bilden“, so Grosse. Erst nach einer gründlichen Aufarbeitung werde es möglich sein, zu einer kritischen Würdigung seines Lebens und Werks zu gelangen. Die Beauftragung eines in Forschungen zum Nationalsozialismus ausgewiesenen Geschichtswissenschaftlers solle kritische Distanz und fachliche Qualität gewährleisten.

Grosse: „Es geht uns zunächst nicht um eine wie auch immer festzustellende ,Schuld‘ der Person Martin Stephani, sondern primär um seine Funktionen vor und nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Aus unserer Sicht ist es Verpflichtung einer Hochschule, sich mit solchen Fragen zu befassen, die unbequem und gleichzeitig aktuell sind.“ Die wichtige Funktion der Musik im „Dritten Reich“ sei in der neueren Forschung herausgearbeitet worden. Für die Studenten bleibe das Thema „Musik und Gesellschaft“ relevant, dazu gehöre auch eine Auseinandersetzung mit dieser Thematik.

Aufgearbeitet werden soll zum einen, welche Rolle Stephani vor 1945 genau spielte und welche Bedeutung dem SS-Symphonieorchester im Hinblick auf die Selbstinszenierung der SS zukam. „Erst vor diesem Hintergrund wird es möglich sein, den Beitrag Stephanis zur Entfaltung nationalsozialistischer Herrschaft angemessen einzuschätzen.

Die Tätigkeit Stephanis im SS-Symphonieorchester ist aber möglicherweise auch als Baustein seiner künstlerischen Karriere einzuordnen und deshalb musikwissenschaftlich interessant“, so Grosse. Außerdem soll es darum gehen, warum Stephani trotz der damals schon vorgebrachten moralischen und politischen Bedenken 1959 zum Direktor der Musikakademie ernannt wurde. Und es soll untersucht werden, wie sich die gesellschaftliche Bewertung solcher Positionen im Laufe der Nachkriegszeit änderte.

Grosse: „Unsere Würdigung der Verdienste Martin Stephanis für unsere Hochschule kann nur noch einmal bekräftigt werden. Wir sehen sie losgelöst von seiner Tätigkeit vor 1945.“ Ein Gedenkkonzert sei zu keinem Zeitpunkt angedacht gewesen.

Verantwortung ernst nehmen
Kommentar von Barbara Luetgebrune

Martin Stephani hat 23 Jahre lang die Musikhochschule geleitet, er hat Studenten unterrichtet und Orchester dirigiert. Keine Frage, dass er viele Menschen geprägt hat. Unstrittig ist aber auch, dass er unter dem Nazi-Regime in exponierter Position musikalisch tätig war. Die Sichtweise, er habe ja „nur“ Musik gemacht, bietet keinen Ausweg. Speziell vor dem Hintergrund, dass die Nationalsozialisten Musik gezielt zur Propaganda einsetzten, lassen sich „Auftrag“ und „Auftraggeber“ hier nicht trennen.

Eine Hochschule muss ihren Studenten das Wissen um gesellschaftliche, politische und zeithistorische Zusammenhänge vermitteln, unter denen Musik gemacht wird. Der Schritt, diese Zusammenhänge am Beispiel eines Menschen, der die eigene Einrichtung nachhaltig geprägt hat, aktiv untersuchen zu lassen und sich – die Forschung schreitet schließlich voran – dabei nicht nur auf bestehendes Material zu verlassen, zeugt davon, dass sich die Hochschulleitung ihrer Verantwortung stellt.

bluetgebrune@lz.de

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