Künstler des Landestheaters erproben neue Formate

Thomas Krügler

Das Experiment mit schrägen Charakteren überzeugt erneut. - © Thomas Krügler
Das Experiment mit schrägen Charakteren überzeugt erneut. (© Thomas Krügler)

Detmold. In der Veranstaltungsreihe „Chapeau!" erproben Künstler des Landestheaters neue Formate. Die Distanz zwischen Zuschauer und Schauspieler schwindet. Vom ersten Moment ist man Teil der Handlung. Die Synthese aus Improvisationstheater und Performance begeistert. „Chapeau!" war auch dieses Mal ein gelungenes Theaterexperiment in intimer Atmosphäre, das nach Fortsetzung verlangt.

Seuchenalarm im Grabbe-Haus: internationale Presse kommt und macht sich ein Bild. Rund 40 Journalisten von New York Times bis Schwarzwälder Boten desinfizieren sich die Hände. Der Katastrophenschutz ist informiert. Mit Schnaps wird von innen desinfiziert. Lotta (Marie Luisa Kerkhoff) triumphiert als Trump-Queen über der Mauer: „Die Mauer ist gut und Bielefeld wird sie bezahlen. Lippe first! Make Lippe great again! Yes we Pickert!" In Gruppen führt das Seuchenschutzpersonal mit Schutzhelm und Atemschutz die Presse durchs Haus. In der ehemals friedlichen Residence-WG kriselt es kräftig.

Im Kellerloch hockt Irmgard (Nicola Schubert) und beschwört in esoterischen Ritualen die Rückkehr von Agathe, die sich in einen Käfer verwandelt hat. Dennis (Lukas Schrenk), der smarte Poet, trauert seiner unerfüllten Liebe Luna nach. Trost bietet die Schriftstellerei; er hat schon 928 Seiten über sein „Lunagefühl" geschrieben, die er bis zum Abend bei einem Autoren-Wettbewerb einreichen will.

Die WG-Bewohner wollen nichts mehr voneinander hören. Fürs Konfliktmanagement ist Mediatorin Mia Henriette von Wunstdorf (Jorida Sorra) angereist. Die studierte Kommunikationswissenschaftlerin versucht die Psyche der Bewohner zu stabilisieren. Auch manchen Pressevertreter befreit sie mittels Handpuppen-Therapie von Psychosen.

Ein schwerer Fall ist Lotta. Nachdem die früher schüchterne Mitbewohnerin ein Jahr unter der Treppe leben musste, weil ihr Zimmer vereinnahmt wurde, hat sie sich hinter der Mauer barrikadiert. Am „Checkpoint Hermann" kommt keiner mehr vorbei. Nur sie ist wichtig –Gemeinschaft ade! Sie versuchte es jahrelang mit Freundlichkeit und wurde nur ausgenutzt. Nun ist Schluss damit! Jetzt thront sie über der Mauer und regiert die Anderen.

Auch Conny (Hubertus Brandt), der gescheiterte Hofelektriker, hat es nicht leicht. Ein Mann fürs Grobe aber herzlich. Er hängt im Treppenhaus herum und säuft Dosenbier. Seinen Putzfimmel hat sich ins Gegenteil verwandelt. Nun vernachlässigt er die Körperpflege, riecht streng und glaubt, dass Putzen und Waschen das Original verfälscht.

Ein Stromausfall führt alle WG-Bewohner zusammen. Dennis verlangt panisch Strom, weil er seine Arbeit nicht absenden kann. Die Mediatorin greift ein. Jeder sagt der Handpuppe was ihn berührt. Lotta erzählt aus ihrer Kindheit und bricht in Tränen aus. „Das ist ja furchtbar! Wir sollten uns alle umarmen" Auch die Presse singt das Kindermutmachlied. Lotta verlässt ihren Stützpunkt, die Mauer fällt, und alle feiern die Wiedervereinigung...

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