Günter Grass liest zweimal vor ausverkauftem Haus

Barbara Luetgebrune

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In Detmold: Günter Grass. - © Barbara Luetgebrune
In Detmold: Günter Grass. (© Barbara Luetgebrune)

Detmold. Die insgesamt mehr als 1000 Zuhörer erlebten einen hellwachen, humorvollen, auch selbstironischen Literaturnobelpreisträger.

Einen Stuhl braucht der 87-Jährige nicht. Günter Grass liest stehend an einem Pult auf der Bühne des Landestheaters, neben sich eine Flasche Wasser und ein Glas Rotwein, vor sich sein jüngstes Werk: „Grimms Wörter“. Das Buch ist eine auch autobiographisch angelegte Liebeserklärung an die deutsche Sprache – an sein Handwerkszeug, sein Lebens-Mittel.

Zu Ehren und auf Einladung des Literaturbüros OWL, das sein 25-jähriges Bestehen feiert, liest Günter Grass in Detmold. Er erzählt aus dem Leben von Jacob und Wilhelm Grimm, die 1838 den Auftrag erhalten, ein Wörterbuch der deutschen Sprache zu erstellen – und sich in deren Geflecht gründlich verzetteln. Am Ende ihres Lebens sind sie gerade bis zum Buchstaben F gekommen – „Frucht“ sei das letzte Wort gewesen, das Jacob Grimm bearbeitet habe, berichtet Grass.

Er beginnt am Anfang, beim Buchstaben A, dem er eine heiter-humorige Hommage an den Einsilber „Ach“ widmet. Später nutzt er eine von ihm beschriebene Rede Jacob Grimms vor so hochkarätigen wie zeitreisenden Zuhörern über das Alter – noch so ein Wort mit A – für einen vergnügt-gelassenen Blick auch aufs eigene Leben und Altern.

Die Zuhörerin, die nach der Lesung in der langen Schlange am Signiertisch steht, ist in den 70ern. Aus Steinheim ist sie angereist. Ihren Namen mag sie nicht in der Zeitung lesen – ihre Bewunderung für Günter Grass schon. „Er ist für mich der Größte“, sagt sie. „Er hat so vieles von dem aufgeschrieben, was auch meine Zeit geprägt hat. Und ich habe immer bewundert, dass er Stellung bezogen hat, gerade zu politischen Fragen.“

Das gilt auch für „Grimms Wörter“, für das A, für das „Ach“. Ein solches habe Jacob Grimm bei seiner Verbannung aus dem Königreich Hannover 1837 am Grenzübergang ins Kurhessische, wo er unterzukommen hoffte, eher geseufzt als gerufen, liest Grass. Abschied, Ausweisung, Abschiebung, Asyl – auch diese Wörter beginnen mit dem Buchstaben A. Die Brücke in Witzenhausen, auf der Jacob Grimm per Kutsche die Grenze passierte, wird zur Brücke ins Heute, zur aktuellen Flüchtlingsnot, auch hier, in Detmold. Günter Grass liest: „Kind, gib dem Herrn die Hand, er ist ausgewiesen.“ Die Aufforderung einer alten Frau an ihren Enkel, die, so will es die Legende, bei Jacob Grimms Verbannung gefallen sein soll.

Dr. Brigitte Labs-Ehlert, künstlerische Leiterin des Literaturbüros OWL, hatte eingangs an den ein paar Wochen alten Vorschlag von Günter Grass erinnert, die heutigen Flüchtlinge sollten, wie nach dem Krieg, in einheimischen Familien aufgenommen werden. Ein Vorschlag, der nicht überall gut ankam. Ein Zeichen für die Grenzen der Stimmkraft eines Literaturnobelpreisträgers, für jene der „Sprachgewaltigkeit der Wörter“? Labs-Ehlert zitiert Grass: „Es wurde laut, was gesagt werden musste.“

Nach der Lesung stehen die Zuhörer Schlange. Lassen sich Bücher signieren – „Grimms Wörter“, jene „Liebeserklärung“, als nachträgliches Valentinsgeschenk an die Geliebte. Alte Ausgaben im Textileinband. Sie danken ihm für die „wunderbare Lesung“. Und viele von ihnen geben Günter Grass die gleichen Worte mit auf den Weg: „Alles Gute für Sie!“ Ein Wunsch mit A.

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