Mit Märchen Erinnerungsbrücken bei Demenzkranken bauen

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Die Sprache muss einfach sein: Märchenerzähler Lothar Schröer arbeitet mit Demenzkranken. - © privat
Die Sprache muss einfach sein: Märchenerzähler Lothar Schröer arbeitet mit Demenzkranken. (© privat)

Kalletal. Lothar Schröer, ausgebildeter Märchenerzähler und Coach, hat im Laufe der Jahre bemerkt, wie man mit Märchen Menschen mit Demenz erreichen kann. Deshalb hat er in Zusammenarbeit mit Marianne Vier, ebenfalls Märchenerzählerin, das Buch „Märchen gegen das Vergessen – wie Sie mit Vorlesen Menschen mit Demenz erreichen" geschrieben. Das Buch umfasst 40 Märchen und ist im April 2016 im Kösel Verlag erschienen. Im Interview mit der LZ erzählt der Märchenerzähler etwas zu den Hintergründen des Buches.

Herr Schröer, wie kamen Sie auf die Idee, das Buch „Märchen gegen das Vergessen" zu schreiben?

Lothar Schröer: Wir sind in einem Seniorenheim gewesen und haben dort erzählt. Das Publikum ist oft gemischt, so dass auch demenziell erkrankte Menschen dabei waren. Wenn wir die Märchenrunden veranstaltet haben, haben wir bemerkt, wie sich Erinnerungsbrücken bei den Erkrankten aufgebaut haben. Wir haben dann ausprobiert, Dementen etwas zu erzählen. In Märchen ist der Handlungsstrang immer einfach – eine Handlungslinie. Es kommen keine verschiedenen Schauplätze oder Zeiten vor. Deshalb sind sie so geeignet für Demente. Wir vereinfachen – je nach nach Stadium der Demenz – auch die Sprache etwas, damit alles so leicht nachzuvollziehen ist wie möglich.

Warum gerade diese 40 Märchen?

Schröer: Wir haben im Laufe der Jahre beim Erzählen gemerkt, dass unter anderem bei diesen Märchen am meisten Erinnerungsbrücken aufgebaut werden können, dass wir mit diesen also am erfolgreichsten agieren. Diese Erinnerungsbrücken sind meist aufgrund der einprägsamen Sprüche entstanden, die ein Märchen hat oder aufgrund des Berufsbildes, das in dem Märchen angesprochen wird. In einem Fall hatten wir ein Märchen, in dem es um einen Schmied ging, und ein Zuhörer konnte sich daran erinnern, Schmied gewesen zu sein – und wir redeten darüber.

Was ist das Besondere an dem Märchenbuch?

Schröer: Generell hat das Erzählen gegenüber dem Vorlesen den Vorteil, dass die Hände frei sind und Mimik und Gestik gezielt eingesetzt werden können. Unser Buch unterstützt dies: Schlägt man die Seite auf, aus der man vorliest, dann bleibt diese Seite auch geöffnet, das Buch fällt nicht zu. Zudem sind Schriftgröße und Zeilenabstand extra groß und die markanten Textstellen wie wörtliche Rede sind farblich markiert. So ermöglicht das Buch das Vortragen im Stehen oder Sitzen mit freien Händen.

Was ist zu beachten?

Schröer: Um die Erinnerungsbrücken aufzubauen, müssen die Sprüche in Märchen original sein. Die Handlung an sich muss nicht erzählt werden wie sie da steht, da können auch andere Worte benutzt werden. Das langsame Vorlesen ist wichtig. Wir versuchen aber auch immer unter 15 Minuten zu bleiben.

Sie bieten auch Trainings an: Wie genau laufen diese ab?

Schröer: Es gibt Tagesseminare, in denen wir aufzeigen, wie die richtige Erzählsituation erfolgen muss. Hierfür arbeiten wir auch mit der Akademie für Erzählkunst in Lemgo zusammen.

Was genau ist der Hintergrund der Werkzeugkästen nach jedem Märchen im Buch?

Schröer: Ziel der Märchen ist immer, ein Erleben des Vorgangs beim Demenzerkrankten zu bewirken. Das Ende hat immer ein positives Ergebnis. Und diese Werkzeugkästen sorgen im besten Fall erneut für Erinnerungsbrücken. Wenn ein Demenzkranker das Märchen positiv erlebt hat, wollen wir im Weiteren das positive Gefühl verlängern, und durch die Anregungen im Werkzeugkasten bleiben wir eben beim Thema. Endet das Märchen mit einem Essen, essen auch wir im Anschluss gemeinsam.

Können Sie bereits ein Fazit zum Einsatz Ihres Buches ziehen?

Schröer: Angehörige haben uns schon gesagt, dass es sowohl für sie als Erzähler als auch für den Demenzkranken als Zuhörer ein positives Erleben war. Das erfüllt uns am meisten mit Freude. Aber mittlerweile haben sich auch Menschen aus anderen Bereichen gemeldet, die gern vorlesen. Sie nutzen die Möglichkeiten des Buches ebenfalls.

Information
Persönlich
Lothar Schröer, Jahrgang 1959, hat einen kaufmännischen Ausbildungsberuf gelernt und ein Studium der Wirtschaftswissenschaften absolviert. Er ist ausgebildeter Märchenerzähler mit einer Zusatzausbildung als Märchen- und Storytelling-Coach. Seine Arbeitsschwerpunkte sind auch Hochzeitszeremonien sowie die „Akademie für Erzählkunst" und Coachings mit der Anwendung von Märchen im Storytelling-Prinzip. www.erzaehlen-einfach-erleben.de

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