Hunderte protestieren laut gegen die AfD

Astrid Sewing

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Bunter Protest gegen die AfD - © Torben Gocke
Bunter Protest gegen die AfD (© Torben Gocke)

Lage. Die gelbe Linie auf dem Bürgersteig sollte sie eigentlich trennen – die, die Marcus Pretzell, den Landesvorsitzenden der AfD live im Schulzentrum am Werreanger erleben wollten, und die, die deutlich zeigen wollten, dass diese Parteiveranstaltung unerwünscht ist.

Doch daraus wurde nichts. Hunderte besetzten den Platz. Und wer zur Wahlveranstaltung wollte, musste einen Umweg machen oder sah sich teils heftigen Beschimpfungen ausgesetzt.

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Die Jusos hatten zur Gegenkundgebung aufgerufen, in den Kirchen war an Ostern auf die Veranstaltung aufmerksam gemacht worden, und die Gewerkschaft hatte eine Rundmail an alle Mitglieder verschickt. Mit der Resonanz war der Juso-Vorsitzende Julian Hördemann sehr zufrieden. „Wir wollen klar machen, dass es in Lippe keinen Platz gibt für Fremdenhass, dass Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, willkommen sind", sagte Hördemann.

Die, die eben diese Botschaft mit in die Aula nehmen sollten, die schlichen eher vorbei. Viele gingen hinten um das Schulzentrum herum, weil die Stimmung aufgeladen war. Wer doch am Absperrband entlanglief, wurde unter anderem als „Brauner" bezeichnet oder als „Schande für Deutschland".

„Ich bin nicht Rechts, sondern ich bin in der AfD, weil ich eine konservative Politik in Deutschland vermisse", sagte Klaus Ofert, der aus Hamm angereist war. Die Kundgebung fand er „völlig in Ordnung", allerdings sei es auch keine Art, so ausfallend zu werden. „So ist ein Dialog nicht möglich."

Das erlebte auch ein Mann, der mit dem Fahrrad gekommen war und das Schild „Der Islam gehört nicht zu Deutschland" am Rand der Kundgebung hochhielt. Prompt wurde ihm mit der Trillerpfeife ins Ohr geblasen, nur unterbrochen für die Nachfrage der LZ.

„Das Stadtbild hat sich verändert, und es passt mir nicht, dass die Flüchtlinge so unkontrolliert hier reinkommen. Der Terror nimmt zu, die Kriminalität", sagte er, seinen Namen wollte er allerdings nicht nennen, und mit den Gegnern reden wolle er auch nicht. Belege für seine Aussagen brauche er nicht. „Das ist meine Meinung, und die darf ich genauso sagen, wie die, die hier zur Kundgebung kommen." Gerne hätte er Pretzell gehört, „aber ich habe mich zu spät um eine Karte bemüht".

Fotostrecke: Demonstration gegen die AfD in Lage


Die AfD wählte sehr speziell aus. Die LZ war gestern unerwünscht, Uwe Detert, der für den Landtag kandidiert, war aber zu einer Stellungnahme vor dem Eingang bereit. Er verwies auf den Beschluss, den der Kreisverband der AfD getroffen hatte. „Wir haben noch einmal darüber abgestimmt, und ich persönlich bedaure, dass es keine Mehrheit dafür gab, die LZ zuzulassen", sagte Detert.

Dass in Lage ebenfalls nur ein handverlesener Kreis von Besuchern in die Aula gelassen wurde, begründete Detert mit den Anfeindungen, denen die AfD ausgesetzt sei. Die Veranstaltung wurde nur im Internet beworben, Karten wurden nur auf Anforderung per Mail rausgegeben, am Eingang wurden die Personalien überprüft. „Wenn wir das nicht so machen, dann ist die Gefahr zu groß, dass es Randale gibt – mit sachlichen Diskussionen hat das nichts zu tun", stellt Detert fest.

Darüber, was Pretzell seinen Anhängern mit auf den Weg gegeben hat, muss man trotzdem nicht spekulieren. Seine Frau Frauke Petry hatte am Nachmittag bereits zu einem Pressegespräch in Berlin eingeladen und einen stark reduzierten Bürgerrundfunk gefordert. In Lage stellte auch Pretzell diese Forderung vor. Die AfD wolle einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der in erster Linie informiert, „und zwar ohne ideologische Brille".


Kommentar: "Protest wertet die AfD auf"

von Astrid Sewing

Die AfD ist eine Partei, die genau wie jede andere das Recht hat, ihren Wahlkampf abzuhalten. Doch in Lage hat sich gezeigt, wo die Grenzen sind. Die AfD, die andere munter bezichtigt, nicht für die Wahrheit einzutreten, möchte offensichtlich nicht, dass sich andere als ihre vorsortierte Klientel für ihre Politik interessiert. Der offene Diskurs, der das Wesensmerkmal einer Demokratie ist, findet nicht statt.

Stattdessen igelt sich die Partei in einer Wagenburg ein, und sie fühlt sich noch in ihrer Märtyrerrolle bestätigt, wenn die Mitglieder auf dem Weg zu einer Veranstaltung beschimpft werden. Die Gegendemonstrationen werten die AfD damit auf, und das spielt denen in die Karten, die sich dann gar nicht mehr um Fakten bemühen müssen. Es reicht der Hinweis darauf, dass die AfD jede Wahrheit kennt und sie auch die einzige ist, die sich traut, diese auszusprechen – mit Polizeischutz, Sicherheitsdienst und in geschlossenen Veranstaltungen.

Wer die Verfassung schützen will, die Menschenrechte, die Minderheiten, der müsste sich in den politischen Diskurs mit den Populisten begeben.

Das ist anstrengend, weil sich die Formen der Debatte verändert haben. Die Wortwahl ist aggressiver geworden – allerdings auf beiden Seiten. Wenn der eine in die Trillerpfeife bläst und der andere davor wegrennt, dann gibt es jedenfalls keine Gesprächsbasis.

Information

Polizei und Staatsschutz vor Ort

Die Polizei hatte ihre Fahrzeuge zum größten Teil vor der Aula des Schulzentrums abgestellt. Die Beamten fragten genau nach, wer wohin wollte und ließen sich auch die Eintrittskarten zeigen. Als die Gegenkundgebung gegen 19.30 Uhr endete, rückten die meisten Polizisten ab. Zwischenfälle gab es keine. Die AfD filmte die Gegendemonstranten aus sicherer Entfernung.

Der Staatsschutz tauchte kurz auf, allerdings nicht, um die AfD zu beobachten, sondern um „in der Aula einen Blick auf die linke Szene zu werfen". Die Veranstaltung selbst endete gegen 22 Uhr. Nach der Rede Pretzells folgte eine Diskussion. Um die 200 Besucher kamen zur Veranstaltung, zur Gegenkundgebung waren doppelt so viele gekommen.

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