An vielen Schulen fehlen männliche Lehrkräfte

Sandra Castrup

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Schulleiterin Irmhild Schenk (Mitte) stehen an der Bunten Schule, Standort Hörste, mit Thomas Beer (links) und Fabian Fohri gleich zwei männliche Lehrkräfte zur Seite. - © Sandra Castrup
Schulleiterin Irmhild Schenk (Mitte) stehen an der Bunten Schule, Standort Hörste, mit Thomas Beer (links) und Fabian Fohri gleich zwei männliche Lehrkräfte zur Seite. (© Sandra Castrup)

Lage-Hörste. Nicht nur Kitas, auch Grundschulen sind fest in weiblicher Hand. Männliche Lehrkräfte sind Mangelware, Klischees halten sich hartnäckig. In der Bunten Schule, Standort Hörste, dagegen gibt es gleich zwei Ausnahmen.

Als Quotenmänner oder Glücksfälle wollen sie nicht bezeichnet werden. Auch wenn es Tatsache ist. Thomas Beer und Fabian Fohri unterrichten aus Leidenschaft. „Wir haben uns ganz bewusst für den Job als Lehrer an der Grundschule entschieden", sagen die beiden mit Nachdruck.

25 Jahre lang war Thomas Beer als Mann an der Schule allein mit dem Hausmeister. „Dieses Thema Frauendomäne habe ich eigentlich nie bewusst wahrgenommen", behauptet der 55-Jährige, sich nie als Hahn im Korb und schon gar nicht unwohl gefühlt zu haben. Seit wenigen Wochen arbeitet auch Fabian Fohri in Hörste – montags und dienstags. Als sozialpädagogische Fachkraft in der Schuleingangsstufe.

„Zwei männliche Lehrer, das gab es hier noch nie", bezeichnet Rektorin Irmhild Schenk diese Tastsache als Glücksfall. „Das dürfte eigentlich kein Glücksfall sein, das müsste Normalität sein", finden Beer und Fohri. Sie möchten ungern Klischees bedienen, aber es ist ihnen sehr wohl bewusst, dass sie besonders für die Jungs wichtige Bezugspersonen sein können. „Wir bolzen und toben auf dem Schulhof mit. Aber wir können auch motivieren, außerhalb der vorgegebenen und vermeintlich männlichen Rollen aktiv zu werden", nennt der 31-jährige Fabian Fohri sein Interesse am Singen als Beispiel.

„Besonders den Kindern, zu Hause nur mit der Mutter aufwachsen, tut ein Lehrer gut. Auch von der Stimme her", weiß Irmhild Schenk. Über die Frage, was der Unterschied zwischen Männern und Frauen im Lehrberuf ist, hat Thomas Beer lange nachgedacht: „Ich habe das Gefühl, Frauen wollen mehr behüten und auf jeden Fall alle Kinder mitnehmen. Männer können eher alle Fünfe grade sein lassen. Da trifft Emotion auf nüchterne Sachlichkeit."

Sein Kollege nickt zustimmend. Beide erleben es in ihrer Freizeit, dass sie, nach ihrem Beruf gefragt, bei der Betonung auf Grundschule milde belächelt werden. „Aber die älteren Schüler waren nie eine Alternative. Kinder vor der fünften Klasse zu unterrichten, das ist eine Grundsatzentscheidung. Da geht es nicht nur um Wissensvermittlung, sondern auch um Erziehung. Da muss man ein Typ für sein", bestätigen die beiden Lehrer.

Kommentar: "Ein Beruf mit Berufung"

Von Cordula Gröne

Es gibt sie, die männlichen Lehrer mit Berufung – die mit Kindern gut umgehen und Unterrichtsstoff gut vermitteln können. Leider befinden sich kaum Grundschullehrer darunter. Dabei könnten die Bildungsseinrichtungen diese gut gebrauchen. Sie mischen nicht nur das weibliche Kollegium mit anderen Sichtweisen auf, sondern stellen auch ein anderes, „männliches" Rollenbild dar.

Da viele Kinder nach einer Trennung der Eltern heute bei Müttern aufwachsen, ist das wichtig. Doch immer noch hängt den Grundschullehrern ein gewisses Basteltanten-Image an – zu Unrecht. Die Aufgaben sind eher gewachsen als gesunken. Es hapert also am Ansehen – und an der Bezahlung. Rund 3300 Euro verdient ein junger Grundschullehrer in NRW. Das sind ein paar hundert Euro weniger als sein Kollege im Gymnasium. Da ist also noch Luft nach oben.

Information

Gesellschaftliches Ansehen

An den 2845 Grundschulen in NRW waren laut Schulstatistik im vergangenen Schuljahr 91,1 Prozent der Lehrkräfte weiblich. Woran liegt es, dass sich junge Männer nicht für das Grundschullehramt interessieren? Laut Untersuchungen des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sind die Rollenbilder unter Jugendlichen eindeutig: Männer sollten einen Beruf haben, in dem sie viel Geld verdienen, um die Familie ernähren zu können, in dem sie Karriere machen und der ihnen gesellschaftliches Ansehen einbringt. Und in dieses Schema passt das Grundschullehramt eher schlecht. Von allen Lehrerberufen gehört der in der Grundschule in die niedrigste Besoldungsgruppe, Aufstiegschancen bestehen praktisch keine.

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