Allergie-Studie macht Apfelallergikern Hoffnung

Studie: Trotz Unverträglichkeit können ältere Sorten oft problemlos verzehrt werden. Die Berliner Charité will zusammen mit dem BUND Lemgo klären, ob eine dauerhafte Desensibilisierung möglich ist

Alexandra Schaller

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Liebt Äpfel: Wilhelm Hennebrüder zeigt die große Vielfalt auf der Streuobstwiese des BUND Lemgo. - © Alexandra Schaller(LZ)
Liebt Äpfel: Wilhelm Hennebrüder zeigt die große Vielfalt auf der Streuobstwiese des BUND Lemgo. (© Alexandra Schaller(LZ))

Lemgo. Warmer Apfelkuchen, frischer Apfelstrudel oder doch das selbst gemachte Apfelmus – den meisten läuft beim Gedanken daran schon das Wasser im Mund zusammen. Und doch lassen einige lieber die Finger vom Lieblingsobst der Deutschen: Denn rund zwei Millionen Menschen haben hierzulande eine Apfelallergie.

Wilhelm Hennebrüder, Pressesprecher des BUND Lemgo (Bund für Umwelt und Naturschutz), kennt die Symptome der Apfelallergiker, für die es keine Behandlungsmöglichkeit gibt: „Vom Kribbeln auf der Zunge über Schwellungen im Rachenbereich bis hin zum Allergieschock – es kann gefährlich werden."

Information

Die Studie

Daran beteiligt sind neben dem BUND Lemgo die Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst (PID), die von Prof. Bergmann geleitet wird. Weiterhin sind das Allergie-Centrum-Charité in Berlin sowie die Europäische Stiftung für Allergieforschung (ECARF) involviert. Auch die Hochschule OWL trägt ihren Teil zum Projekt bei: Das Institut für Lebensmitteltechnologie wird die Äpfel, die in der Studie Verwendung finden, auf ihren Polyphenolgehalt testen. Die Finanzierung der Studie wurde durch den Gewinn des Kanert-Preises, der mit 10.000 Euro dotiert ist, erreicht. Durch weitere finanzielle Hilfen, etwa vom nordrhein-westfälischen Umweltministerium, konnte das Vorhaben vorangetrieben werden.

Doch Hennebrüder gibt auch zu bedenken, warum gerade heutzutage immer mehr Menschen überhaupt eine Apfelallergie haben: „Die Äpfel sollen möglichst süß 
schmecken und bloß nicht zu schnell braun werden. Daher hat man aus neueren Sorten die Polyphenole herausgezüchtet, die dem Apfel Geschmack und Farbe geben." Da aber in älteren Apfelsorten diese Polyphenole noch in hohem Maße enthalten seien, könnten diese oft problemlos auch von Allergikern verzehrt werden.

Dazu sammelt der BUND Lemgo seit 2007 Meldungen von Betroffenen und informiert über die rund 100 verschiedenen Apfelsorten, die der BUND auf seinen Streuobstwiesen in Lemgo anbietet.

Vor einiger Zeit stellten laut Hennebrüder dann zwei Frauen fest, dass sie nach dem Verzehr verträglicher Apfelsorten plötzlich auch wieder Äpfel weniger verträglicher Sorten essen konnten. Das rief Professor Karl-Christian Bergmann von der Stiftung Deutscher Polleninformationsdienst (PID) auf den Plan, der anhand dieses Phänomens eine erstmalige Studie zum Thema entwickelte. „Wir möchten herausfinden, ob man durch den Verzehr verträglicher Apfelsorten eine natürliche Toleranz gegenüber allen anderen Sorten entwickeln kann", erläutert Bergmann die Idee im LZ-Gespräch.

Etwa 250 potenzielle Teilnehmer aus ganz Deutschland haben sich bereits beim BUND Lemgo gemeldet. Gegen einen Unkostenbeitrag von 25 Euro erhalten rund 200 von ihnendrei Monate lang verträgliche Apfelsorten geliefert.

„Am ersten und letzten Tag werde jeweils ein Apfel der Marke „Golden Delicious" verzehrt und die auftretenden Symptome verglichen, erklärt Hennebrüder. So könne man prüfen, ob über die Zeit eine Desensibilisierung erreicht worden sei. „Wir wollen uns noch nicht zu viel erhoffen. Dennoch wäre es natürlich toll, wenn es für Apfelallergiker endlich eine brauchbare Lösung für ihr Leiden gäbe", sagt auch Professor Bergmann.

Interview: "Ein Stück zurückgewonnene Lebensqualität"

Einer der deutschlandweit gut zwei Millionen Menschen mit Apfelallergie ist der Lemgoer Dieter Roth. Im LZ-Gespräch erzählt er von seinen Erfahrungen und seinem Versuch, nach 40 Jahren wieder einen Apfel zu essen.

Apfelallergiker Dieter Roth - © Alexandra Schaller(LZ)
Apfelallergiker Dieter Roth (© Alexandra Schaller(LZ))

Rund 25 Kilo Äpfel isst der Durchschnittsdeutsche im Jahr. Bei Ihnen sind das weitaus weniger. Wann haben Sie festgestellt, dass Sie keine Äpfel vertragen?

Dieter Roth: Das ist etwa 40 Jahre her. Da ich nicht wusste, welche Ursachen der Unverträglichkeit zu Grunde liegen, habe ich zwischenzeitlich immer wieder einmal versucht, ob ich nicht doch bei dem einen oder anderen Apfel „ungestraft" davonkomme. Leider ohne Erfolg.

Wie „straft" Sie denn der Apfel, wenn Sie ihm zu nahe kommen?

Roth: Bei mir fängt es mit einem brennenden Gefühl der Mundschleimhäute von den Lippen bis zum Rachen an. Gleichzeitig schwellen beide Partien stark an. Vor etwa 20 Jahren rief der Verzehr einer halben Frucht ein starkes Sättigungsgefühl gefolgt von Erbrechen hervor. Das waren dann meine letzten Versuche, Äpfel zu essen.

Haben Sie bei anderen Obstsorten ähnliche Symptome?

Roth: Nicht immer. Aber auch Pfirsiche, Pflaumen, Nektarinen und zum Teil Birnen sind für mich tabu. Und Haselnüsse sowieso.

Wie fühlt es sich denn an, wenn man nach 40 Jahren wieder problemlos einen Apfel essen kann?

Roth: Für mich ist das ein großes Stück zurückgewonnene Lebensqualität. Ich war an dem bewussten Nachmittag mit Wilhelm Hennebrüder auf der Streuobstwiese so erstaunt, dass ich mich sogar an den Geschmack der ein oder anderen Sorte aus meiner Kindheit erinnern konnte. Damals war mein Lieblingsplatz die große Obstwiese hinter dem Haus meiner Großeltern. Jetzt nach so langer Zeit wieder so genüsslich einen Apfel verputzen zu können – das hat schon etwas.

Sie nehmen an der Studie des BUND Lemgo teil, nachdem Sie selbst die verträglichen Apfelsorten der Lemgoer Streuobstwiese getestet haben. Was erhoffen Sie sich jetzt von dem Projekt für sich und andere Apfelallergiker?

Roth: Ich mache einen Unterschied zwischen „Hoffen" und „Erwarten". Ich hoffe, dass die Studie feststellt, dass eine Toleranz für Apfelallergiker erreicht werden kann. Und ich hoffe, dass sich das Konsumverhalten der Menschen ändert und mehr alte Apfelsorten angebaut werden. Allerdings befürchte ich, dass die Handelskonzerne nicht so schnell umdenken werden. Und ein Problem ist auch, dass immer weniger Obstbauern alte Apfelsorten anbauen und in großer Masse anbieten können.

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