Hochschulpräsident Herrmann zieht Bilanz

Thorsten Engelhardt

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Räumt den Präsidentenstuhl: Dr. Oliver Herrmann beendet heute seine Amtszeit als Chef der Hochschule Ostwestfalen-Lippe. Der Vater eines Sohnes war 2010 auf den Posten gewählt worden. Im Interview fällt sein Fazit positiv aus. - © Vera Gerstendorf-Welle
Räumt den Präsidentenstuhl: Dr. Oliver Herrmann beendet heute seine Amtszeit als Chef der Hochschule Ostwestfalen-Lippe. Der Vater eines Sohnes war 2010 auf den Posten gewählt worden. Im Interview fällt sein Fazit positiv aus. (© Vera Gerstendorf-Welle)

Lemgo. Das Büro des Hochschulpräsidenten Dr. Oliver Herrmann ist modern, zweckmäßig und effizient eingerichtet. Hier herrscht Arbeitsatmosphäre. Und hier findet das Abschiedsinterview der LZ mit dem scheidenden Hochschulpräsidenten statt.

Herr Dr. Herrmann, was haben Sie gedacht, als Sie 2010 das erste Mal in diesem Büro Platz genommen haben?

Information
Persönlich

Dr. Oliver Herrmann (51) ist gebürtiger Lagenser. Er studierte zunächst an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Bielefeld. Dann schloss er ein Jura-Studium an. 1999 legte er das zweite Staatsexamen ab, 2006 wurde er mit einer Arbeit über das Berufungsverfahren für Professoren promoviert. Berufliche Stationen waren die Unis in Bielefeld und Paderborn, von 2005 bis 2010 war er Kanzler der Christian-Alberts-Universität zu Kiel. 2010 wurde er Präsident der Hochschule OWL. Heute endet seine Amtszeit, Herrmann ist nicht wiedergewählt worden. Sein Nachfolger wird der aus Lemgo stammende Prof. Dr. Jürgen Krahl (Hochschule Coburg).

Dr. Oliver Herrmann: Ich fand das Zimmer ein bisschen trist und nicht so einladend. Aber für den Job war ich hoch motiviert, deshalb war das nicht so wichtig.

Hatten Sie da schon eine Agenda für Ihre Zeit an der Hochschule im Kopf?

Herrmann: Ja. Die Punkte waren alle bereits in meiner Antrittsrede am 23. Mai 2011 enthalten. Das Fraunhofer-Anwendungszentrum war damals eine Vision. Dass es so schnell Realität werden sollte, hatte ich nicht für möglich gehalten. Ich habe gefordert, dass der Hochschulpakt verstetigt und ein Masterprogramm aufgelegt werden sollte, was inzwischen beides Realität ist. An der Hochschule OWL sollte die Forschung gestärkt werden. Heute sind wir eine der zehn forschungsstärksten Fachhochschulen, haben drei Forschungsinstitute, und wir haben eine exzellente Lehre.

Was sind aus Ihrer Sicht Wegmarken dieser Zeit?

Herrmann: Alleinstellungsmerkmale sind Dinge wie die „SmartFactoryOWL", die wir gemeinsam mit der Fraunhofer-Gesellschaft umgesetzt haben. Oder die Entscheidung, auf dem Detmolder Campus das Detmold Centre für Culture und Creativity zu gründen. Es erschien nahezu unmöglich, dafür die Unterstützung des Landes zu erhalten. Die Hochschule OWL und die Fachhochschule Münster haben zudem als erste FH Nachwuchsprofessuren eingerichtet. Das heißt, die besten Leute, die wir hier über kooperative Promotionen ausbilden, können wir halten. Dieses Modell übernimmt das Land jetzt für andere Hochschulen.

Wohin muss die Reise aus Ihrer Sicht weitergehen?

Herrmann: Das Programm „Innovative Hochschule" ist die wichtigste Ausschreibung der Bundesregierung für Fachhochschulen in den vergangenen 50 Jahren. Da geht es um 550 Millionen Euro. Die besten Hochschulen können dort eine Förderung von zwei Millionen Euro pro Jahr für bis zu zehn Jahre einwerben. Ein Erfolg der Hochschule OWL ist eminent wichtig für den Wissenstransfer in die Region. Die Nähe zur Region, exzellente Lehre und profilierte Forschung sind entscheidend.

Die Hochschule wird es mit sinkenden Erstsemesterzahlen zu tun bekommen. Wie kann man dem begegnen?

Herrmann: Das Studienangebot ist wichtig. Über die Marke Exzellenz in der Lehre kann die Hochschule OWL da punkten. Ich prognostiziere, dass künftig mehr Studierende an die Fachhochschulen gehen, weil sie praxisnäher ausbilden als Universitäten. Gleichzeitig haben sie die Möglichkeit zu promovieren – durch Kooperationen zwischen Unis und FHs. Ich denke, die Unis werden durch die sinkenden Studierendenzahlen mehr Schwierigkeiten bekommen. Die Hochschule OWL kann beispielsweise bei dem Betreuungsverhältnis von Professor zu Studentenzahl punkten. Wir bieten unseren Studierenden schon seit Jahren das beste Betreuungsverhältnis aller Fachhochschulen in NRW an.

Wie können sich die klassischen Bereiche der Hochschule weiter entwickeln?

Herrmann: Wir können jetzt schon bei Maschinenbau und Elektrotechnik durch Leistung punkten und neue Studiengänge anbieten. Die Elektrotechnik geht diesen Weg bereits mit zwei neuen Ideen. Wir bieten zum Beispiel gemeinsam mit dem Fachverlag Springer Spektrum jetzt einen Bachelorstudiengang Elektrotechnik berufsbegleitend an. Das wird bundesweit nachgefragt. Damit haben wir Maßstäbe gesetzt und können Studierende gewinnen, die andere Hochschulen nicht erreichen. Aber die Ausbildung muss natürlich auch gut sein. Das Centrum für Hochschulentwicklung sieht uns in diesem Bereich unter den Top 5 bundesweit. Ein weiteres Thema ist das Talentscouting schon in der Schule. Zwei Millionen Euro haben wir dafür nach OWL geholt. Bei dem gemeinsamen Projekt der fünf staatlichen Hochschulen in OWL ist die Hochschule OWL federführend. So können wir Köpfe für OWL gewinnen und halten – auch die eine oder andere Frau in den klassisch von Männern dominierten Fächern.

Was war Ihre größte Leistung in den vergangenen sechs Jahren?

Herrmann: Ich würde mich als Vordenker bezeichnen. Ich denke, dass es mir gemeinsam mit meinem Team im Präsidium gut gelungen ist, Situationen zu antizipieren und schneller umzusetzen als andere. So haben wir beispielsweise mehr als 30 Arbeitsverträge von Mitarbeitenden entfristet, obwohl das Land die Entscheidung zur Umsetzung des Entfristungskonzeptes noch nicht getroffen hatte. Ein herausragendes Ergebnis der vergangenen Jahre ist außerdem, dass hier in OWL im Hochschulbereich gemeinsam gedacht wird – ohne die Eigenständigkeit einer jeden Hochschule aufzugeben.

Was war Ihr größter Fehler?

Herrmann: Ich bin ein Entscheider. Je mehr Entscheidungen man trifft, desto mehr sind dabei, bei denen 30 Prozent der Betroffenen unzufrieden sind. Und ich frage mich, ob es gut war, in Warburg den Studiengang Betriebswirtschaft für kleine und mittlere Unternehmen zu schaffen. Obwohl er sehr gut läuft und entsprechende Einschreibzahlen bringt, hat es auch Konkurrenz im eigenen Haus nach sich gezogen.

Sonst sind Sie mit sich im Reinen?

Herrmann: Es ist schwierig zu sagen, dies oder das war ein Kernfehler. Jeder macht Fehler. Aber ich habe natürlich auch einige Menschen aus ihrer Komfortzone heraus geholt, zum Beispiel, indem ich Hochschullehrern gesagt habe, sie sollten auch Forschung betreiben. Wir, das Präsidium, der Senat und die Dekane, haben in den vergangenen Jahren viel verändert. Studierende haben jetzt beispielsweise die Möglichkeit, den Studienablauf zu bewerten. Daran sind Leistungsbezüge der Professoren gekoppelt. Ich halte das für den richtigen Weg.

Was waren die Gründe dafür, dass es mit der Wiederwahl nicht funktioniert hat?

Herrmann: Ich denke, dass mein Wettbewerber gewählt worden ist, weil er sich hervorragend präsentiert hat und Themen getroffen hat, die die Hochschulwahlversammlung wichtig fand.

Sie haben in einem Interview gesagt, das hier sei Ihr Traumjob. Was kann jetzt noch kommen?

Herrmann: Der nächste Traumjob. Ich weiß noch nicht, was ich tun werde. Aber ich freue mich darauf, etwas zu machen, was mich neu herausfordern wird. Ich habe einige Optionen.

Mit welchen Gefühlen werden Sie dieses Büro verlassen?

Herrmann: Schön war‘s!

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