Institutsleiter Jasperneite bilanziert: Forschung in Lemgo wächst rasant

Das Institut für industrielle Informationstechnik ist vor zehn Jahren gegründet worden

Astrid Sewing

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Humorvolles Geschenk: Die Mitarbeiter haben Institutsleiter Professor Jürgen Jasperneite eine Karikatur geschenkt. Bei der Feier zum 10. Geburtstag des „inIT" fand sie großen Anklang. - © Astrid Sewing
Humorvolles Geschenk: Die Mitarbeiter haben Institutsleiter Professor Jürgen Jasperneite eine Karikatur geschenkt. Bei der Feier zum 10. Geburtstag des „inIT" fand sie großen Anklang. (© Astrid Sewing)

Lemgo. Vor grauer Vorzeit haben die Forscher im „Lemgoer Alcatraz" gearbeitet – den Beweis hat Professor Jürgen Jasperneite am Mittwochabend groß auf der Leinwand gezeigt.

Er tat es mit einem Lachen, denn heute, zehn Jahre später, gibt es keine Container mehr mit schmalen Gängen, die an das berühmte Gefängnis erinnern. Das Institut für industrielle Informationstechnik („inIT") residiert in modernen Gebäuden und hat beste Aussichten, bei der Entwicklung von Industrie 4.0 weiterhin eine führende Rolle zu spielen.

Weil das „inIT" quasi die Keimzelle der rasanten Entwicklung im Bereich der Elektrotechnik ist, wurde der runde Geburtstag mit geladenen Gästen und dem Kabarettisten Vince Ebert gefeiert. Sechs Professoren des Fachbereichs Elektrotechnik und technische Informatik machten sich 2006 auf den Weg, ein eigenes Institut zu gründen.

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Das „inIT"

Das Institut wird von Professor Jürgen Jasperneite und Professor Stefan Heiss geleitet, die Professoren Volker Lohweg, Uwe Meier, Oliver Niggemann, Carsten Röcker und Stefan Witte aus sieben Fachgruppen bilden den Vorstand. 65 Mitarbeiter gehören zum „inIT". Bei der Feier zum Zehnjährigen wurde das neueste Start up vorgestellt. „Echtheit neu erkennen" – unter diesem Leitspruch forscht die „coverno GmbH" für Banknotensicherheit und -authentifikation ab 2017 am Centrum Industrial IT. Gemeinsam mit der „KBA-NotaSys" aus der Schweiz, einem Unternehmen des Banknoten- und Wertpapiermaschinen-Herstellers Koenig & Bauer, sollen Geldscheine entwickelt werden, die über neue Methoden authentifiziert werden können und fälschungssicherer sind.

„Das war keineswegs eine Selbstverständlichkeit, und wir sind vielleicht etwas mit dem Mut der Ahnungslosen daran gegangen", sagt Professor Jürgen Jasperneite, der das Institut leitet. Doch der Erfolg gibt dem Team Recht. Aus dem „inIt" entwickelte sich das Centrum Industrial IT (CIIT).

Wirtschaftsunternehmen stiegen in die Forschung ein und bezogen eigene Büros. Schließlich wurde die Smart Factory OWl der Fraunhofer-Gesellschaft und der Hochschule OWL im April eröffnet. „Wir wollen, dass unsere Forschung greifbar ist, dass sie in die Produktion einfließt und sie verbessert. Und wenn wir das in Betrieben ausprobieren würden, dann wäre das wie eine Operation am offenen Herzen", stellt Jasperneite fest. Die Fabrik sei einzigartig und habe deutschlandweit und international Aufsehen erregt. Seit der Eröffnung kamen 5.000 Besucher.

Im Sommer bestätigte das NRW-Wissenschaftsministerium, dass die Elektrotechnik in Lemgo in Bezug auf die Forschungsstärke Spitzenreiter ist. „Wir hatten damals den richtigen Riecher. Das Internet, die Computersteuerung und die Automation der Produktion – diese Schnittstellen haben wir als Schwerpunkt für die Forschung gewählt. Da war auch Glück dabei, aber jetzt zeigt sich, dass wir ganz vorne liegen", zieht Jasperneite Bilanz.

Was der Forschung und dem Campus der Hochschule OWL Glanz beschert und die Wirtschaft beflügelt, hat eine zweite Seite. Wird die Produktion künftig voll automatisiert und per Internet steuerbar, verändert sich die Arbeitswelt. „Das lässt sich auch nicht leugnen. Es gibt aber nicht weniger Arbeit, sondern sie wird anders sein."

Der Mensch werde nicht überflüssig. „Das System ist im technischen Sinn perfekt, wenn es autark läuft. Aber im Mittelpunkt unserer Forschung steht, wie man die Technik einsetzen kann, damit sie den Menschen unterstützt." Als Beispiel nennt der Institutsleiter körperlich anstrengende Arbeiten oder die, die mit einer Gefahr verbunden sind.

Und er kündigte an, dass es noch lange nicht genug ist. Das gesamte Quartier soll zum „Innovation Campus Lemgo" ausgebaut werden, unter anderem mit einem Standort für die Lebensmitteltechnologen. Und die Wirtschaft klopft längst auch gerne an. So hat Bosch angekündigt, im CIIT Räume zu beziehen.

Kommentar: "Der Wandel gehört dazu"

von Astrid Sewing

Als der Adler, der erste Zug in Deutschland, 1835 von Nürnberg nach Fürth fuhr, hatten die Leute Angst, sie könnten durch die Geschwindigkeit – 35 Kilometer pro Stunde – krank werden. Dennoch setzte sich die Technik durch, das Transportsystem wurde revolutioniert.

Fortschritt lässt sich nicht durch Bedenken bremsen. Das lehrt die Geschichte – oder würden Sie heute auf den Computer verzichten oder das Internet? In nicht einmal einer Generation, also 25 Jahren, wurde unser Alltag auf den Kopf gestellt.

Das lässt sich nicht mehr umkehren. Gleiches gilt für die industrielle Entwicklung, die im Laufe der Jahrzehnte auch viele Vorteile für die Arbeitnehmer mit sich gebracht hat, was zum Beispiel die Arbeitssicherheit und die körperliche Belastung angeht.

Bleibt die Frage, ob die Menschen überflüssig werden, wenn Maschinen sich quasi selbst steuern können. Verlässlich kann heute noch keiner sagen, welche Jobs letztendlich übrig bleiben. Und sicher wird es Verlierer geben.

Es hilft aber nicht, darüber zu klagen, denn die Weichen für die Veränderung und die Industrie 4.0 sind längst gestellt. Dass in Lemgo eine international anerkannte Forschungseinrichtung für die Technologie rasant wächst, ist keine Bedrohung, sondern eine Chance, den Prozess zu gestalten und die Menschen mitzunehmen.

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