Mutter bittet Krankenkassen um Cannabis als Schmerzmittel für todkranken Sohn

„Er soll sich doch nicht so quälen“ - Gesetzesänderung könnte zu spät kommen

Karin Prignitz

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In Sorge: Anita Hermel mit einem Foto ihres Sohnes aus der Zeit, als es ihm noch besser ging. Die 78-Jährige hofft, dass die Krankenkasse ein Einsehen hat und er seine letzte Lebenszeit schmerzloser gestalten kann. - © Karin Prignitz
In Sorge: Anita Hermel mit einem Foto ihres Sohnes aus der Zeit, als es ihm noch besser ging. Die 78-Jährige hofft, dass die Krankenkasse ein Einsehen hat und er seine letzte Lebenszeit schmerzloser gestalten kann. (© Karin Prignitz)

Oerlinghausen. „Ich kämpfe, wo ich kann“, sagt Anita Hermel. Die 78-jährige Südstädterin hatte kein einfaches Leben. Nach der Flucht aus der Ukraine hat sie 32 Jahre in Paraguay gelebt, ist Ende der 70er Jahre ohne ihren Mann mit acht Kindern nach Deutschland gekommen. Nach fünf Jahren Ehe verstarb auch ihr zweiter Ehemann. Sie selbst ist krank geworden. Krank vor Sorge um ihren Sohn Konrad, der bald sterben wird.

Vor ein paar Tagen ist er 45 Jahre alt geworden. „Und er möchte doch so gerne noch das Weihnachtsfest erleben, das ist sein großer Wunsch.“ Vor drei Jahren hat er erfahren, dass er an Lungenkrebs erkrankt ist. „Die Antibiotika und auch die Chemotherapie haben überhaupt nicht angeschlagen“, erzählt seine Mutter. So große Schmerzen habe ihr Sohn mittlerweile, dass es unmenschlich sei, so etwa auszuhalten. Weil er Morphium, das in solchen Fällen in der Regel gegeben wird, nicht verträgt, sei nach Auskunft eines Arztes ein anderes wirksames Mittel Cannabis. „Das ist das einzige, was ihm jetzt noch helfen kann, die Schmerzen zu nehmen“, sagt Anita Hermel. Die Krankenkasse wolle ihm das Mittel aber nicht genehmigen und weigere sich, die Kosten zu tragen.

„Er kann sich doch nicht so quälen“, sagt die Mutter. Nur noch Haut und Knochen sei ihr Sohn. „Er weint viel“, und er könne sich kaum noch bewegen. Michael Hilbert, Sprecher der Allgemeinen Ortskrankenkasse (AOK) Nordwest, weiß um die Diskussion der Freigabe von Cannabis zur Schmerztherapie, die von vielen Ärzten befürwortet wird. Derzeit aber gelte das Urteil des Bundessozialgerichtes vom 27. März 2007, das besagt, dass gesetzliche Krankenkassen die Kosten für Cannabis nicht übernehmen dürfen. „Deshalb bleibt uns überhaupt kein Spielraum.“

Erst ab dem kommenden Jahr soll sich das ändern. Dann sollen Schmerzpatienten Cannabis auf Rezept bekommen können. Im Februar kündigte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) an, eine Neuregelung auszuarbeiten. Momentan geraten chronisch kranke Schmerzpatienten, die beispielsweise in der eigenen Wohnung Hanfpflanzen anbauen, ins Visier von Ermittlern, denn Besitz, Anbau und Handel sind verboten.

Gehen sie den legalen Weg, müssen sie beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte eine Ausnahmegenehmigung beantragen. Die haben allerdings derzeit nur rund 370 Patienten in Deutschland. Für den Sohn von Anita Hermel kommt die Gesetzesänderung wahrscheinlich zu spät.

Schmerzlindernde Wirkung

Cannabis ist die meistkonsumierte illegale Droge in Deutschland, aber auch die Basis für viele Medikamente. Den beiden Hauptwirkstoffen Tetrahydrocannabinol (THC) und Cannabidiol (CBD) wird eine krampflösende und schmerzlindernde Wirkung zugeschrieben.

Die Internationale Arbeitsgemeinschaft für Cannabinoidmedikamente (IACM) nennt eine ganze Reihe möglicher Einsatzgebiete: Übelkeit und Erbrechen während der Chemotherapie, Appetitlosigkeit und Abmagerung bei Aids, Krämpfe bei multipler Sklerose, aber auch Epilepsie, Juckreiz oder Tourette-Syndrom.

In Deutschland gibt es ein Fertigarzneimittel aus Cannabis: Das Spray Sativex, das in der Mundhöhle angewendet wird, ist bislang für Multiple-Sklerose-Patienten zugelassen.

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