Kuriose Stadtgeschichte: Als der Pollmanskrug in Flammen stand

Das Wort „Brandbekämpfung“ erhielt in Lipperreihe eine neue Bedeutung

Horst Biere

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Retter mit Pickelhaube: Die Löschmannschaft aus Oerlinghausen (Bild um 1900) konnte 1880 nur noch die Reste des Pollmannskrugs löschen. Sie wurde nicht rechtzeitig benachrichtigt. - © Repro: Horst Biere
Retter mit Pickelhaube: Die Löschmannschaft aus Oerlinghausen (Bild um 1900) konnte 1880 nur noch die Reste des Pollmannskrugs löschen. Sie wurde nicht rechtzeitig benachrichtigt. (© Repro: Horst Biere)

Oerlinghausen-Lipperreihe. Es war in der Nacht auf den 15. Februar 1880. Heller Feuerschein beleuchtete plötzlich einige Häuser im Zentrum der „Lippischen Reihe". Die Menschen strömten herbei. Der Pollmannskrug brannte lichterloh. Beißender Rauch und lodernde Flammen schlugen aus dem Dach des größten Gasthauses in der Oerlinghauser Senne, dem Ortsmittelpunkt des heutigen Lipperreihe.

Eine Feuerwehr erschien nicht, denn es gab sie in der Lippischen Reihe noch nicht. Zwar existierte in Oerlinghausen eine „Sprützengesellschaft", die auch eine von einem Pferd gezogene Druckspritze besaß, doch der Weg nach Lipperreihe war weit. Auch der Besitzer des Pollmannskrugs, der Wirt Pollmann, war nicht zu sehen, denn er lag mit „Nervenfieber" im Krankenhaus.

Sofort aber holten die eifrigen Helfer viele Eimer und große Behälter herbei, um das Feuer zu löschen. Doch zu allererst musste das Vieh aus den Ställen und der angrenzenden Scheune geborgen werden. Die Türen zum Gebäude wurden aufgebrochen – da stießen die Helfer auf die Vorräte des Pollmannskrugs: Bier und vor allem Branntwein in Hülle und Fülle. Sofort war Schluss mit der Brandbekämpfung, nun galt es, einen anderen Brand zu löschen.

Dorfidylle 1910: Nur 30 Jahre nach dem Brand des Pollmannskrugs war ein hübsches Gasthaus mit schattigem Biergarten in der Lipperreiher Ortsmitte entstanden. - © Repro: Horst Biere
Dorfidylle 1910: Nur 30 Jahre nach dem Brand des Pollmannskrugs war ein hübsches Gasthaus mit schattigem Biergarten in der Lipperreiher Ortsmitte entstanden. (© Repro: Horst Biere)


Die Lippische Landes-Zeitung beschreibt einige Tage später in einem längeren Artikel die Situation am Pollmannskrug in der Brandnacht: „Die herbeigeströmte Menschenmenge soll mit großem Eifer Löschversuche angestellt haben – allein nur Versuche, den Durst zu löschen. Den Branntwein soll man aus Feuereimern und dergleichen Gefäßen getrunken haben. Von Steinhägerkrügen, den ‚Kruken‘ soll man nach echter Zecher Weise die Hälse geschlagen haben, um möglichst rasch zu dem köstlichen Nass zu gelangen." Nach einigen Stunden muss ganz Lipperreihe betrunken gewesen sein.

Erst am Morgen traf die Obrigkeit ein. Amtsrat von Meien vom zuständigen Amt Schötmar und die Oerlinghauser Polizei erschienen am Pollmannskrug. Sie brachten gleich die Löschmannschaft der Oerlinghauser Sprützengesellschaft mit, die den Brand endgültig bekämpfte. Doch das große Gebäude war bis auf die Grundmauern abgebrannt.

Gastwirt Pollmann gelang es aber, seine beliebte Wirtschaft bald wieder aufzubauen. Viel größer und moderner als vorher. Sein gemütlicher, großer Biergarten an der Gaststätte lag unter großen, schattigen Bäumen. Er bildete sogar das Motiv für hübsche Postkarten, die Gäste aus Lipperreihe verschickten. Übernachtungen waren seit Anfang des 20. Jahrhunderts in beheizten Pensionszimmern möglich und beförderten damit einen aufkommenden Tourismus in der Sennegemeinde.

Der letzte Besitzer des Pollmannskrugs, Adolf Pollmann, betrieb bis 1976 das beliebte Gasthaus in der Mitte der wachsenden Gemeinde. Doch da kein Nachfolger für den Krug in Sicht war, stellte man den Betrieb ein. Nach langem Leerstand und einer zwischenzeitlichen Nutzung als Diskothek „Sheeta" wurde der Pollmannskrug 2004 abgerissen. Viele moderne Wohnhäuser sind seither auf dem Gelände entstanden.

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