Seit 90 Jahren ist Oerlinghausen das Mekka der Segelflieger

Horst Biere

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Nach einem langen Flugtag schieben die Segelflieger ihren Schulgleiter wieder zum Hangar an der Bleiche zurück. - © Repros: Horst Biere/Archiv Fritz Holzkamp
Nach einem langen Flugtag schieben die Segelflieger ihren Schulgleiter wieder zum Hangar an der Bleiche zurück. (© Repros: Horst Biere/Archiv Fritz Holzkamp)

Oerlinghausen. „Oerlinghausen hat eines der besten Segelflug- und Gleitflugschulgelände Deutschlands" schrieb Flugpionier Robert Kronfeld 1931 ins Goldene Buch der Stadt. Und davon wollten damals auch die jungen Wilden profitieren.

Seit 90 Jahren gilt die Bergstadt als Mekka der Segelflieger. Wegen seiner erstklassigen Hänge und Fliegerkuppen interessierten sich Flugbegeisterte der ganzen Region bereits gegen Ende der 1920er Jahre für den Süden der Bergstadt.

Auch die Oerlinghauser Jugend war von den neuen Möglichkeiten begeistert. Nach der Schule ging es sofort in die Werkstatt, um ein Schulflugzeug zu bauen. Der „Sturmvogel" wurde aus der Taufe gehoben, ein Segelflugverein der Arbeiter mit stark sozialdemokratischer Prägung. Unter der Regie von Handwerkern wie dem Karosseriebauer Jakob Risse stellten die Schüler in kürzester Zeit ein eigenes Schulflugzeug her. Sein Sohn Heinz Risse erinnert sich: „Schüler und Lehrlinge aller Berufe bauten jeden Tag in einer Werkstatt hinter der Gaststätte Wolfseiche an der Holter Straße an dem neuen Segelflugzeug."

Die „Sturmvögel" wollten auch auf dem Oerlinghauser Hang starten, doch sofort eckten sie bei den etablierten bürgerlichen-konservativen Segelflugvereinen an. Erstmals Ostern 1932 durften die jungen Leute dank Fürsprache von Bürgermeister August Reuter mit ihrem neu gebauten Segelflugzeug abheben.

Doch den etablierten Vereinen waren die jungen Wilden ein Dorn im Auge, und sie zogen sofort die Notbremse: „Technisch nicht ausreichend geprüftes Flugzeug" lautete die fadenscheinige Begründung, um das Fliegen zu verbieten. Erst durch Vermittlung von Reuter und schließlich Landespräsident Heinrich Drake erlaubte man den jungen „Sturmvögeln" den Start. Allerdings mit erheblichen Auflagen. Mit großem Einsatz errichtete der Verein noch eine eigene Halle und baute sogar noch ein zweites Segelflugzeug – dann war Schluss.

Denn 1933 wurde der „Sturmvogel" mit der Machtergreifung der Nazis verboten. Wer weiter mitfliegen wollte, der musste in die Flieger HJ eintreten oder aber – in älteren Jahren – dem NS-Fliegerkorps angehören. Das Fazit: Wer fliegen wollte, der fügte sich.

Nach dem Krieg war Segelfliegen verboten. Im Februar 1950 gründeten die Oerlinghauser aber wieder ihren Segelflugverein. Doch alle Hallen und das frühere Fluggelände war für Deutsche tabu. Ende Mai 1951 gab es massive Demos gegen die britischen Besatzer. Auf dem Tönsberg entfachten die Segelflieger Mahnfeuer, um ihren Flugplatz zurück zu bekommen. Was schließlich gelang.

Mit Volldampf gingen die Segelflieger nun das Projekt „Flugzeugbau" an. Fritz Holzkamp, einer der Flugbegeisterten, der damals 15 Jahre alt war, erinnert sich: „In der Werkstatt von Drechsler Modrow, dort wo heute der Brachtshof auf die Hauptstraße mündet, haben wir den ersten Gleiter zusammengeleimt." Der erste Schulgleiter, ein klobiges aber funktionierendes Fluggerät, entstand. Bald darauf folgte ein zweites Flugzeug, das „Baby".

Die ersten Versuche der jungen Flugbegeisterten, sich für einen kurzen Moment in die Lüfte zu erheben, waren abenteuerlich. „In der Dorfsenne, einem Hang kurz hinter dem Kalkwerk, sind wir gestartet", beschreibt Fritz Holzkamp die Situation. „Mit dem Gummiseil, wie bei einer Zwille, rannten zwei Laufteams los. Ein Rutsch von zehn Metern stand am Anfang." Doch mit der Erfahrung wurde die Distanz größer. In kleinen Luftsprüngen hob man tatsächlich schon ab. „Einmal war ich für 31 Sekunden in der Luft" schmunzelt Holzkamp, „es wurde ja alles mitgestoppt."

Doch die Startmethoden und die Flugzeuge entwickelten sich rasant. Bald zog man auf das heutige Fluggelände am Stukenbrocker Weg, und die Hochstarts mit der Winde begannen. Auf 200 Meter Höhe ließ sich der Fluggleiter nun ziehen. Das reichte gerade, um zum Platzende zu fliegen, zu wenden und dann musste man schon wieder landen. Doch für damalige Verhältnisse waren das gewaltige Höhenflüge – und nicht nur die „Sturmvögel" waren begeistert.

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