Schaukämpfe im Freilichtmuseum: Gladiatoren kommen nach Oerlinghausen

Gunter Held

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Im Kampf: Bei den Gladiatoren gab es strenge Regeln, die von Schiedsrichtern überwacht wurden. Hier zeigen zwei Mitglieder der Gruppe „Ludus Nemesis" als Murmillo (links) und Hoplomachus, wie ein Kampf ausgesehen haben könnte – natürlich mit Holzwaffen. - © Ludus Nemesis
Im Kampf: Bei den Gladiatoren gab es strenge Regeln, die von Schiedsrichtern überwacht wurden. Hier zeigen zwei Mitglieder der Gruppe „Ludus Nemesis" als Murmillo (links) und Hoplomachus, wie ein Kampf ausgesehen haben könnte – natürlich mit Holzwaffen. (© Ludus Nemesis)

Oerlinghausen. Auf die Spuren der römischen Gladiatoren dürfen sich Besucher des Oerlinghauser Archäologischen Freilichtmuseums am Sonntag, 13. August, begeben.

Das nötige Flair wird die Hamburger Gruppe „Ludus Nemesis" bieten – sie veranstaltet vor Ort Schaukämpfe. Svenja Grosser leitet die Gruppe und ist selbst eine der wenigen weiblichen Gladiatoren – eine Gladiatrix. Im Vorfeld erzählt sie von ihrem ungewöhnlichen Hobby.

Frau Grosser, woher kommt Ihr Interesse an Gladiatoren?

Grosser: Ursprünglich interessierten mich die Römer. Beim Lesen von Asterix war ich immer auf deren Seite. Dann kam das Interesse an der römischen Kultur und der Armee hinzu. 2005 sah ich eine Veranstaltung, bei der das römische Leben gezeigt wurde. So etwas wollte ich auch machen. Weil ich aber auch Kampfsport betreibe, sollte es zusätzlich irgendetwas damit zu tun haben.

Die Gladiatrix: Auch Svenja Grosser kämpft. - © Rößler
Die Gladiatrix: Auch Svenja Grosser kämpft. (© Rößler)

Daher wählten sie die Gladiatur?

Grosser: Handwerk und Handarbeiten sind nicht so mein Ding, und weibliche Legionäre gab es nicht. Da blieb nur die Gladiatur. Doch gerade als Kampfsportlerin ist das spannender, als als Legionär in einer Reihe zu stehen und immer nur zuzustechen.

Die Gladiatoren standen gesellschaftlich noch unter den Sklaven. Ist das römische Leben anhand des niederen Adels nicht anschaulicher zu verdeutlichen?

Grosser: Nein, denn viele wollen den Adel und die römischen Bürger darstellen. Die Darstellung eines Gladiators ist deshalb reizvoll, weil es auch römische Bürger gab, die sich als Gladiatoren verpflichteten und dafür auf einen Teil ihrer Bürgerrechte verzichteten. Gladiatoren waren gesellschaftlicher Bodensatz. Aber sobald sie in die Arena kamen, wurde ihnen zugejubelt, wie man es heute bei Fußballstars tut. Den Menschen diese Ambivalenz zu vermitteln, das ist das Reizvolle.

Information
Römisches Flair in der Bergstadt

„Brot und Spiele" lautet das Motto des Gladiatoren-Tages im Archäologischen Freilichtmuseum in Oerlinghausen am Sonntag, 13. August. Zwischen 12 und 18 Uhr präsentiert die Hamburger Gruppe „Ludus Nemesis" die antike Kampfkunst mit spektakulären Schaukampfvorführungen. Zudem gibt es eine Kinder-Gladiatorenschule, römische Spiele und Kurzführungen. Für typisch römische Speisen und Getränke ist ebenfalls gesorgt – Besucher dürfen an diesem Tag sogar ihr eigenes römisches Brot backen.

Viele Menschen haben beim Begriff Gladiator entweder die glorifizierte Gestalt von Russell Crowe vor Augen oder die brutale, auch gewaltverherrlichende Serie eines Privatsenders. Wie muss man sich das Leben eines Gladiators tatsächlich vorstellen?

Grosser: Das war kein Zuckerschlecken. Wir versuchen, Hollywood-Vorurteile zu korrigieren. Gladiatoren waren meistens Sklaven, Kriegsgefangene und ein paar Freiwillige. Die haben sich dem Gladiatorenmeister für einige Jahre verpflichtet. Trainiert wurde täglich für acht Stunden. Es gab Trainingspläne, und auch die Ernährung war auf den Kampf ausgerichtet – ähnlich wie heute bei Leistungssportlern.

Mit welchen Vorurteilen räumen sie noch auf?

Grosser: Ein Vorurteil ist etwa, dass der Unterlegene hingerichtet wird – das stimmt so jedoch nicht. Die Kämpfe wurden nach strengen Regeln ausgetragen und von zwei Schiedsrichtern überwacht. Wahrscheinlich starb in der Arena nur einer von acht Gladiatoren. Dennoch gab es auch Kämpfe mit tödlichem Ausgang, „sine missione" genannt, oder die Modalität bis zur Verletzung, die den Gladiator kampfunfähig machte. Die Gladiatoren hatten jedoch die besten Ärzte – die meisten waren nach einem halben oder einem Jahr wieder kampftauglich. Und Schaukämpfe mit stumpfen Waffen gab es auch.

Also waren die Kämpfe mehr als nur gegenseitiges Abschlachten?

Grosser: Auf jeden Fall. Es ging nicht um das schnelle Töten, sondern um Kampfkunst. Die Gladiatur, dieser Zweikampf, stand für gewisse Werte der Römer wie Tapferkeit, Mut, Kraft und Gleichgültigkeit gegenüber dem Tod. Das, was die Gladiatoren in der Arena darstellen, sollte den Zuschauern als Vorbild dienen.

Warum darf man sich Gladiatoren nicht als Modellathleten vorstellen?

Grosser: Darüber gibt es unterschiedliche Ansichten. Richtig ist, dass in Ephesos Knochen gefunden wurden, die Rückschlüsse zulassen, dass die Gladiatoren sich eine Speckschicht angefuttert haben, damit die Hiebe zuerst im Speck landeten. Das galt aber nicht im gesamten Römischen Reich. Es gibt auch Abbildungen mit recht athletisch aussehenden Gladiatoren.

Wie real sind Ihre Schaukämpfe? Tragen Sie auch Verletzungen davon?

Grosser: Blaue Flecke gibt es, aber keine ernsthaften Verletzungen. Aber wir trainieren natürlich auch, wie man ein bisschen schauspielert.

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