Kunstverein zeigt "Magische Exposition" von Künstler Strawalde

Karin Prignitz

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Der Künstler spricht: Jürgen Böttcher, der sich mit Künstlernamen Strawalde nennt, vor einem seiner Frauenporträts auf schwarzem Grund, die in der Synagoge zu sehen sind. - © Karin Prignitz
Der Künstler spricht: Jürgen Böttcher, der sich mit Künstlernamen Strawalde nennt, vor einem seiner Frauenporträts auf schwarzem Grund, die in der Synagoge zu sehen sind. (© Karin Prignitz)

Oerlinghausen. „Ab spät mittags bis spät in die Nacht“, diesen Rhythmus ist Jürgen Böttcher alias Strawalde gewohnt. Umso höher muss es dem 86-Jährigen angerechnet werden, dass er tatsächlich um 5 Uhr früh aufgestanden ist, um den Zug am Berliner Bahnhof um 7.20 Uhr zu erwischen, damit er bei der Eröffnung seiner Ausstellung in der Alten Synagoge dabei sein kann. „Etwas derangiert“ sei er allerdings noch, räumt Strawalde ein. „Ich fühle mich, als sei ich aus dem Bett gekippt.“

Das sei eben „die Krux im Alter“. Ein Alter, das man dem bekannten Maler und Regisseur allerdings nicht ansieht und schon gar nicht anmerkt. Vielleicht hat das mit dem Vermächtnis der Eltern zu tun. „Meine Mutter hat alle Empfindungen rausgelassen und das an mich weitergegeben“, erzählt Strawalde, und die Besucher wissen sofort, was er meint. Denn Isolde Müller-Borchert, die Vorsitzende des Kunstvereins Oerlinghausen, will gerade mit ihren Begrüßungsworten beginnen, da verschafft ihr schon der Mann mit der schwarzen Kappe Ruhe. Laut ruft er in die Runde: „Wir fangen an!“

Und auch den Künstlerische Leiter Andreas Beaugrand muss er während der Einführung in die Ausstellung „Magische Exposition“ ab und an unterbrechen. Als Beaugrand auf die „fünf außergewöhnlichen Damen-Porträts“ auf schwarzem Grund zu sprechen kommt, die in ihrer Intensität bereits das Interesse der vielen Besucher gefunden haben, stellt Strawalde unmissverständlich klar: „Ich male keine Damen, ich male Frauen, richtige Weibsbilder. Damen sind dämlich.“ In seinem Alter dürfe er so etwas sagen. Und wenn das ein bisschen besserwisserisch klinge, dann liege es daran, dass er zu dieser Zeit eigentlich noch ruhe.

Strawalde ist ein Typ, ein Phänomen, denn neben der zur Schau getragenen Ruppigkeit (weil man ihn des Schlafes beraubt hat) trägt er so viele andere Eigenschaften in sich. Wer das Glück hatte, Strawalde kennen lernen zu dürfen, der merkte schnell, dass der einst bedeutendste Dokumentarfilmer der DDR und international bekannte Künstler über eine phänomenale Beobachtungsgabe verfügt, dass er überaus empfindsam ist.

Unter den Besuchern sind Anne und Reinhard Körber. Vor 20 Jahren hat sich das Paar während einer Bielefelder Ausstellung in eines von Strawaldes Bilder verliebt und es erworben. „Er hat uns in sein Berliner Atelier eingeladen“, erzählt Anne Körber von einem unvergesslichen Erlebnis. Die Spuren der Sahne im Tee, und jede vermeintliche Kleinigkeit habe Strawalde mit großer Begeisterung aufgenommen.

Vor allem die Natur begeistert ihn. So steht sein Künstlername für den Ort (Strahwalde) in der Oberlausitz, in dem er aufwuchs. Neben den Frauenbildnissen, den Ikonen des Weiblichen, die mit ihren Augen lächeln oder weinen, malt Strawalde Landschaften. Auf einem der ausgestellten Werke sind die verschneiten Wälder seiner Kindheit zu sehen, auf einem anderen ist eine tote Ziege verborgen. Das Leben so intensiv wie möglich leben, „den Wahnsinn und den Zauber der Welt“ in sich aufnehmen „und Zeichen zurückgeben, weil ich sonst zugrunde gehe“, das ist das Bestreben dieses Malers, dessen Unangepasstheit und dessen Hang zum Experiment ihn bis ins hohe Alter begleitet hat. Beaugrand sagt: „Auch nach der Eröffnung lohnt sich ein Besuch in der Synagoge.“

Die Ausstellung ist in der Synagoge, Tönsbergstraße 4, bis zum 17. Dezember zu sehen, und zwar donnerstags bis sonntags von 15 bis 17 Uhr sowie sonntags auch von 11 bis 13 Uhr.

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