Marianne Weber: Frauenrechtlerin im 19. Jahrhundert

Horst Biere

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Webers Frauenwelt. Als 20-jährige lebte Marianne Weber (damals Schnitger) im Haus ihrer Verwandten, der Fabrikantenfamilie Weber. Ihr Onkel Carl David Weber war ein Fotopionier und hielt oft häusliche Szenen im Bild fest. Hier auf der Terrasse seiner Villa am Weberpark fotografierte er alle weiblichen Personen der Familie und auch des Hauspersonals. Marianne sitzt oben links auf dem Geländer. - © Repros Horst Biere/Quelle: Marianne-Weber-Institut
Webers Frauenwelt. Als 20-jährige lebte Marianne Weber (damals Schnitger) im Haus ihrer Verwandten, der Fabrikantenfamilie Weber. Ihr Onkel Carl David Weber war ein Fotopionier und hielt oft häusliche Szenen im Bild fest. Hier auf der Terrasse seiner Villa am Weberpark fotografierte er alle weiblichen Personen der Familie und auch des Hauspersonals. Marianne sitzt oben links auf dem Geländer. (© Repros Horst Biere/Quelle: Marianne-Weber-Institut)

Oerlinghausen. Lange bevor Alice Schwarzer die Frauenzeitschrift Emma gründete, kämpfte sie schon für die Rechte der Frau. Und Jahrzehnte bevor Studentinnen der 1970er Jahre auf der Straße protestierten, engagierte sie sich für die Gleichberechtigung: Marianne Weber, die wahrscheinlich berühmteste Tochter der Stadt.

Als Marianne Schnitger wurde sie 1870 in Oerlinghausen geboren. Die Familie gehörte zur gehobenen Schicht im Bergdorf. Ihr Vater Eduard war Arzt, ihre Mutter Anna die älteste Tochter des Leinenunternehmers Carl David Weber. Sie besaßen ein schönes Haus an der Detmolder Straße. Doch als Marianne zweieinhalb Jahre alt war, starb die Mutter nach der Geburt ihrer Schwester.

Marianne Weber als Teenager um 1885. - © Repros Horst Biere/Quelle: Marianne-Weber-Institut
Marianne Weber als Teenager um 1885. (© Repros Horst Biere/Quelle: Marianne-Weber-Institut)

Eduard Schnitger zog mit seinen kleinen Töchtern nach Lemgo. Seit 1873 lebten die Kinder dort bei Großmutter und Tante. Marianne Schnitger besuchte die Städtische Töchterschule in Lemgo – das heutige Marianne-Weber-Gymnasium – und dann die Höhere Töchterschule in Hannover.

Etwa drei „echte" Oerlinghauser Jahre erlebte Marianne, denn als Teenager kam sie zurück an die Detmolder Straße. Als auch ihre Großmutter 1889 gestorben war, zog sie als Haustochter zu den Verwandten ihrer Mutter in die Villa der Fabrikantenfamilie Weber.

Marianne mochte das ruhige, beschauliche dörfliche Leben in Oerlinghausen. Das zeigen viele ihrer Briefe und Aufzeichnungen. In ihren späteren Erinnerungen schreibt sie schwärmerisch: „Das Dorf Oerlinghausen umrandet den Bergrücken bis in die Senne hinein. Auf der anderen Seite von Bielefeld aus windet sich eine weiße Chaussee an Feldern und Wiesen entlang in breiten Kurven zur Höhe." Doch offenbar war es zu ruhig für die aktive und belesene junge Frau, denn sie fügte auch hinzu: „Wer jung und lebenshungrig ist, spürt Fernweh."

In eine ganz neue Richtung entwickelte sich Mariannes Leben, als sie 1892 bei Verwandten in Berlin wohnte. Sie lernte dort ihren Mann, den sechs Jahre älteren Max Weber, kennen – übrigens ein entfernter Verwandter. Max Weber hatte gerade eine außerordentliche Professur für Handelsrecht an der Universität Berlin übernommen. Das Paar heiratete 1893 in in der Alexanderkirche, die Hochzeitsfeier fand im Scherenkrug statt. Dann ging’s zurück nach Berlin.

Nicht lange danach zog das Paar nach Freiburg und wenig später nach Heidelberg. Max Weber machte in jener Zeit eine beispiellose Karriere als Wissenschaftler, übernahm 1894 einen Lehrstuhl an der Universität Freiburg und 1896 an der Universität Heidelberg. Noch heute gilt Max Weber als einer der größten deutschen Soziologen und Nationalökonomen.

Das Ehepaar Weber habe eine sehr gute Ehe geführt, so heißt es. Max Weber ließ seiner Marianne Freiraum für eine eigene Karriere – was bei weitem nicht selbstverständlich war am Ende des 19. Jahrhunderts. Bereits in Freiburg studierte Marianne Weber an der philosophischen Fakultät der Universität. In Heidelberg besuchte sie die Vorlesungen des großen Philosophen Karl Jaspers. „Sie war eine sehr kluge, emanzipierte Frau", sagten Zeitgenossen.

Die Webers führten in ihrer schönen Villa am Neckarufer einen unkonventionellen Haushalt. Sie luden häufig intellektuelle Gäste zu offenen Diskussionsnachmittagen ein. Diese Form akademischer Geselligkeit setzte Marianne Weber später auch noch als Witwe bis ins hohe Alter fort.
In Schriften und Büchern engagierte sie sich bereits Anfang des 20. Jahrhunderts für die Rechte der Frau.

Die Frage der Gleichberechtigung erschien Marianne Weber vor allem als ein Bildungsproblem. „Wir wollen unsere Töchter nicht ahnungslos in die Arme des Mannes werfen", formulierte sie. Denn „wir wollen ihnen endlich Bildung und geistige Selbstständigkeit mitgeben." 1912 setzte sich Marianne Weber für die „Bewertung der Hausfrauenarbeit" ein.

Der Ehefrau, so sagte sie, solle ein Anspruch auf Haushaltsgeld und ein zur Deckung ihrer persönlichen Ansprüche bestimmtes „Sondergeld", also ein Taschengeld, gesetzlich gesichert werden.

Als mit Ende des Kaiserreiches 1918 auch die Frauen ein politisches Stimmrecht und das Wahlrecht erhielten, wurde Marianne Weber in ihrem Engagement endlich bestätigt. Noch im November 1918 schrieb sie eine Broschüre, die massenhaft verteilt wurde: „Die Bedeutung des Frauenstimmrechts und das Wesen der politischen Parteien."

Sie selbst kandidierte in Heidelberg für die Badische Nationalversammlung. Das Wahlergebnis war überraschend: Marianne Weber zog als erste Frau ihrer Partei ins Parlament ein. Von 1919 bis 1923 bekleidete sie ein weiteres nationales Amt: Sie war die erste Vorsitzende des Bundes Deutscher Frauenvereine.

Der plötzliche Tod ihres Mannes 1920 stürzte sie in eine schwere Krise, die sie nur durch das Schreiben seiner Biografie langsam überwand. Noch 1921 verlieh ihr die Universität Heidelberg die Ehrendoktorwürde. Doch Marianne Weber beendete ihre eigene politische Karriere und begann, das Lebenswerk ihres Mannes aufzuarbeiten. Später, im Jahr 1929, meldete sie sich mit Vorträgen aus ihrem eigenen Lebenswerk über die gewachsene Rolle der Frau noch einmal zurück.

Nach der „Machtergreifung" der Nazis im Jahr 1933 trat sie nicht mehr öffentlich auf. Marianne Weber starb im 84. Lebensjahr am 12. März 1954 in Heidelberg.

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