Die üppige Villa mit eigenem Wasserturm im Garten

Horst Biere

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Schützenfest 1903: Damals steht noch das alte Haus von Sanitätsrat Martheus, an dem hier König Joe Meyer in der Kutsche vorbeifährt. Drei Jahre später wird der Bau dann zugunsten einer repräsentativen Villa abgerissen. - © Repro: Horst Biere/Quelle: Archiv Werner Höltke
Schützenfest 1903: Damals steht noch das alte Haus von Sanitätsrat Martheus, an dem hier König Joe Meyer in der Kutsche vorbeifährt. Drei Jahre später wird der Bau dann zugunsten einer repräsentativen Villa abgerissen. (© Repro: Horst Biere/Quelle: Archiv Werner Höltke)

Oerlinghausen. Carlo Weber liebte eine standesgemäße Nachbarschaft. Der Kommerzienrat und Webereibesitzer, sah gern ein attraktives Oerlinghausen mit großen, schönen Häusern, wenn er aus dem Fenster seiner Villa an der Detmolder Chaussee blickte – damals zu Kaisers Zeiten. Und so schaltete er sich persönlich ein, als im Jahr 1906 sein Nachbar von gegenüber, Sanitätsrat Martheus beschloss, sein altes Haus Nummer drei an der Alleestraße abzureißen, um ein neues zu errichten.

Der Fabrikbesitzer empfahl dem Mediziner einen bekannten Architekten aus Hannover. Und da Sanitätsrat Martheus just 300.000 Goldmark geerbt hatte, fiel ihm die Entscheidung für eine üppige Villa leicht. So entstand der große und repräsentative Neubau mit riesigen Fenstern und einem eigenen Wasserturm im Garten – das Haus der heutigen Ärztegemeinschaft Dr. Kochsiek an der Detmolder Straße.

Die wechselvolle Geschichte eines der größten Oerlinghauser Gebäude hat nun Ortshistoriker Werner Höltke in einem Vortrag erläutert. Die Zuhörer im voll besetzten Saal des Jägerhauses erfuhren viel Neues aus den alten Tagen der „Detmolder Chaussee": von der 1830 eröffneten Tierarztpraxis bis zur heutigen Ärztegemeinschaft. Werner Nowak hatte Bilder aufbereitet und zeigte alte Fotos von der „Detmolder" und ihren Bewohnern. Der langjährige Arzt Paul Gerhard Kochsiek berichtete aus seiner Familiengeschichte.

Wie begann die Geschichte des Hauses Nummer 3? 1829 entschloss sich der Oerlinghauser Gemeinderat, eine neue Straße Richtung Detmold zu bauen. Den alten Hellweg, die heutige Marktstraße, wollte man entlasten.

An der Grundstücksgrenze des Tierarztes Tasche verlief alsbald die frischgebaute Chaussee, die heutige Detmolder Straße. Und Tasche errichtete als Erster ein Haus, exakt auf dem Grundstück der heutigen Ärztegemeinschaft. Nach Tasches Tod übernahm sein Sohn die Praxis. Auch er galt als tüchtiger Arzt, der die Tiere der Gegend und der Bauernhöfe betreute.

Später kaufte der Leinenhändler Fritz Hölter das Haus. Doch offenbar lief der Handel mit Textilien vom Dorf Oerlinghausen aus nicht besonders gut, denn schon bald verlegte er seinen Firmensitz nach Nürnberg und verkaufte 1867 das Anwesen an Gastwirt Friedrich Wilhelm Kochsiek, den Vorfahren des späteren Arztes Paul Gerhard Kochsiek.
Gastwirt Kochsiek brachte einen neuen Stil ins Oerlinghauser Kneipenwesen.

Peinlich genau achteten er und seine Frau auf Sauberkeit. Zigarrenasche auf dem Fußboden entfernte man sofort mit Handfeger und Kehrblech. Undenkbar, dass bei ihnen Gäste auf den Boden spuckten, wie damals durchaus üblich. Kochsiek war schließlich einige Zeit als Steward auf den Schiffen der Norddeutschen Lloyd gefahren, da hatte man Sauberkeit gelernt. Gehobene Küche und gepflegte Getränke bot das Ehepaar in seinen Gasträumen.

Davon profitierte Tochter Berta, die den Hotelier Heinrich Kiffe heiratete. Kiffe war Besitzer des Hotels Kiffe, des größten Gastbetriebs der Dorfschaft, des späteren Stadthotels.

Hinter dem Haus errichtete Kochsiek die erste Freiluftkegelbahn. Doch abermals wechselte das große Haus seinen Besitzer. Der Arzt Leopold Martheus erwarb 1886 die Grundstücke an der Detmolder Chaussee – in der Nähe der Villen der Leinenfabrikanten Weber und Müller.
Nun begann der ärztliche Betrieb.

Für mehr als vier Jahrzehnte praktizierte Sanitätsrat Martheus an der Detmolder Chaussee. Und in Anbetracht der steigenden Patientenzahlen und der guten Entwicklung der Dorfschaft entschloss er sich zu dem standesgemäßen Neubau, den er 1907 bezog.

Da der einzige Sohn des Arztes im Ersten Weltkrieg starb, übergab er seine Praxis 1927 an den Mediziner Adolf Kochsiek, einen Nachfahren des vormaligen Gastwirts Friedrich Wilhelm Kochsiek. Nach Sohn Paul Gerhard Kochsiek betreibt heute mit Enkelsohn Ulrich Kochsiek die nächste Generation die Gemeinschaftspraxis zusammen mit den Ärzten Ralph Übelacker und Katrin Bentler-Burkamp.

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