Sportsoziologe Prof. Dr. Sebastian Braun referiert über die Bedeutung des Ehrenamts

Vereine sollen den Jugendlichen eine Kompetenzentwicklung bieten

Jörg Hagemann

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Prof. Dr. Sebastian Braun (© Jörg Hagemann)

Detmold. Ein Prozent klingt wenig. Um so viel ist zwischen 1999 und 2009 der Anteil der sich freiwillig im deutschen Sport engagierenden Bevölkerung gesunken. Wenn bei der absoluten Zahl jedoch 650.000 verloren gegangene Engagierte herauskommt, wird ein großes Dilemma deutlich. Über das Ehrenamt im Sport - Stolpersteine, Herausforderungen und Chancen - hat gestern Abend in der Sparkasse vor zirka 40 Vertretern der Sportverbände Detmold und Paderborn der Berliner Sportsoziologe Prof. Dr. Sebastian Braun von der Humboldt-Universität referiert. Besonders dramatisch sei der Rückgang in der "Rush Hour", der Altersgruppe der 30- bis 45-Jährigen. 1999 sei diese "Trägerorganisation" noch die quantitativ bedeutsamste Altersgruppe unter den Engagierten im Sport gewesen. Doch bis 2009 ist sie um 7,7 Prozent auf 14,8 geschrumpft.

Prof. Dr. Braun, Jahrgang 1971 und 1988 Deutscher B-Jugend-Fußballmeister sowie 1990 A-Jugend-Vizemeister mit Hertha 03 Zehlendorf, bezog sich bei seinen Ausführungen auf empirische Untersuchungen auf Basis der Freiwilligensurveys von 1999 bis 2009 sowie sportbezogene Sonderauswertungen im gleichen Zeitraum.

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Runder Tisch

Der Sportverband Detmold mit Karl-Heinz Danger als Motor beschäftigt sich am Mittwoch, 21. Oktober, um 19 Uhr im SOS-Kinderdorf, Gelskamp 25, mit dem Thema "Sport und Flüchtlinge". Beim Runden Tisch mit Vertretern der Stadt soll unter anderem erarbeitet werden, welche Unterstützungen und Angebote Sportvereine für Flüchtlinge bieten können.

Dabei sei ein Wandel von der Solidargemeinschaft mit langfristigen Mitgliedschaften und einem belastbaren Ehrenamt hin zur betriebswirtschaftlich geführten Dienstleistungsorganisation, in der Konsumenten das Sportangebot wie eine Ware aussuchen, zu beobachten. Mit der Konsequenz, dass das traditionelle Modell brüchig werde. Braun: "Das System mit milieugebundener Sozialisation und selbstlosem Handeln ist hochfunktionell, weil man sich drauf verlassen kann. Es beinhaltet aber auch Innovationsblockaden".

Markant ist die Diskrepanz zwischen Wachstumstendenzen und einer rückläufigen Engagementquote. Braun: "Sport und Bewegung brummen. Immer mehr finden es attraktiv, Sport zu treiben. Über die Hälfte der Jugendlichen sind aktiv. Das sind imposante Werte." Gleichzeitig seien aber immer weniger bereit, sich ehrenamtlich einzubringen. Mit minus 265.000 Engagierten gibt es den größten Rückgang im Bereich der 14- bis 24-Jährigen, was Braun auf das Turbo-Abi (G8), sowie Bachelor- und Masterstudium zurückführt. Demgegenüber steigt das Engagement der Ü60-Generation extrem an. Braun: "Jeder Vierte Ü65er übernimmt eine Vorstandsfunktion. Doch die Trägerorganisation bricht weg."

Man müsse überlegen, wie aus dem boomenden Lifestyle- und Fitnesssport Engagierte rekrutiert werden könnten. Zunehmend an Bedeutung gewinne das "neue Ehrenamt". Dabei müssten Vereine dem Nachwuchs eine Kompetenzentwicklung bieten, mit der die Jugendlichen auch über ihre sportliche Tätigkeit hinaus punkten können. Zudem fragte Braun: "Warum schenken wir der Personalarbeit im Verein so wenig Aufmerksamkeit?" Ähnlich wie in Unternehmen solle "ein Engagement-Management als zyklischer Prozess installiert werden". Braun: "Die Ressource ist dabei die Wertschätzung, nicht das Geld."

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