Selbstversuch im Fechten: Schnelligkeit und Menschenkenntnis sind gefragt

Auf Anstand und Umgangsformen legen die Sportler des Detmolder TV ebenso viel Wert wie auf eine gute Beinarbeit

Till Brand

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So geht's: Fechttrainer Michael Sauer demonstriert LZ-Redakteur Till Brand erste Bewegungsabläufe. - © Bernhard Preuß
So geht's: Fechttrainer Michael Sauer demonstriert LZ-Redakteur Till Brand erste Bewegungsabläufe. (© Bernhard Preuß)

Detmold. Mit wackeligen Beinen schleiche ich auf die Plange. Kurze Begrüßung: das „Nicken" mit der Spitze meines Floretts. Richtung Trainer Michael Sauer, Richtung Obmann. Maske auf – der Druck am Kinn, ungewohnte Sicht durch das Drahtgitter. Doch wenigstens sitzt es bombenfest. Eben habe ich Sauer aufgefordert, mir zu zeigen, wie sich ein Brusttreffer anfühlt? Aufgefordert? Herausgefordert!

Beim Fechten, stolze Gründungssportart der Olympischen Spiele, schwingt immer auch ein Stück Duellkultur mit. Mit der Betonung auf Kultur. Offizielle Wettkampfsprache? Ist das feine Französisch. Disqualifikation? Folgt nicht nur bei Brutalität, sondern auch, wenn ein Sportler den Fechtergruß verweigert oder den Kampf ablehnt. Da ist sie: die Ehre.

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Die Basis ist die Freude am Sport, dazu Disziplin und Anstand – auch der Detmolder Turnverein (TV), der zwei Mal in der Woche Fechten in der Bachschule anbietet, hält diese Werte hoch, unterstreicht Trainer Michael Sauer: „Wer mit den Sportwaffen herumalbert, der ist beim dritten Mal draußen und ich rufe die Eltern an."

Immerhin sind Säbel, Florett und Degen Sportwaffen, bei denen Schutzkleidung Pflicht ist. Die Botschaft wird ernst genommen: Sauer hat in 15 Jahren zwar ermahnen, aber niemanden aus der Halle weisen müssen. Bei mir hinterlässt die Einleitung bleibenden Eindruck: Schon bei den Trockenübungen erzählt der Degenfechter vom „Zwei-Witwen-Stoß" bei dem früher ein Duell zwei einsame Frauen hinterließ.

Oder von der rustikalen und durchaus schmerzhaften Weise, einen Wettkampf mit dem Säbel vor dem elektrischen Fechten (bis 1988) zu führen. „Da wurde dann später unter der Dusche der Sieger auserkoren – der mit den wenigsten Striemen", sagt der Detmolder.

Am Ende sind sie alle Kameraden

Mit Respekt und meinem eigenen Atem im Ohr versuche ich, den Trainer mit dem Florett zu erwischen. Das Ziel: Michael Sauers Brust, hier zählt der Stich. Seine Worte im Hinterkopf („Die Beinarbeit ist das A und O.") husche ich seitlich gedreht vor: um möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Vor, zurück. Vor, zurück. Doch keine Chance: Unter dem sorgsamen Blick von Dirk Meise weicht Michael Sauer mal aus, meist jedoch wehrt er mit seinem Florett meine Waffe einfach ab, egal wie ruckartig ich sie nach vorn in die vermeintliche Lücke stoße.

Als Sauer zum Gegenangriff übergeht, hisse ich schnell die Weiße Fahne. Zwei, drei Treffer an der Brust sind deutlich zu spüren, als fester Druck. Um die Erfahrung zu machen, dass ein Stoß nicht wehtut, müssen Neulinge einige Abende Trockenübungen absolvieren. „Es gibt beim ersten Mal keine Waffe in die Hand", besteht Michael Sauer auf einer eisernen Regel: Beinarbeit zuerst.

Sauer jagt mich auf eine umgedrehte Hallenbank. Auf dem schmalen Balken soll ich mich vor und zurück bewegen: eine Standardübung, die die Fechtabteilung des TV regelrecht zelebriert. Kein Wunder: Es gehört viel Konzentration dazu, nicht das Gleichgewicht zu verlieren, zumal mit den Armen in Kampfhaltung, die immer schwerer werden. Schweißperlen laufen mir den Rücken runter, aber das geht den anderen ähnlich. 20 bis 30 Fechter versammeln sich zwei Mal in der Woche in der Bachschule, um zu trainieren.

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Es ist ein besonderer Sport, bei dem viel Respekt für das Gegenüber und gutes Benehmen mitschwingt. Immer wieder ärgert sich einer der Jugendlichen über verlorene Punkte... Kämpfe. Doch am Ende gehen sie alle als Kameraden von der Plange. Zollen sich Respekt.

Dabei kommt es nicht darauf an, ob gerade ein rustikaler Säbel-Wettkampf, einer mit dem Degen (gut für Regel-Neulinge, da der ganze Körper als Trefferfläche zählt) oder ein feingeistiges Florett-Duell stattgefunden hat. Wer sich nur auspowern möchte, der ist hier falsch. Es ist ein intelligenter Sport, bei dem Einfühlungsvermögen, Schnelligkeit und Mut zählen.

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