Gleis 1 Kulturbahnhof: Im Bahnhof geht die Post ab

Die Gründer des Vereins sind mit dem Ziel angetreten, die Salzufler Kulturlandschaft durch Events mit (noch) unbekannten Künstlern zu bereichern. Inzwischen stehen die Bewerber für Konzerte Schlange. Die drei jüngsten Veranstaltungen waren restlos ausverkauft

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Musikbegeistert: Das "Lokation" im Bad Salzufler Bahnhof ist für die Mitglieder von "Gleis 1" so etwas wie ihr zweites Wohnzimmer. Regelmäßig organisieren sie Veranstaltungen mit zumeist jungen und unbekannten Künstlern aus Ostwestfalen und darüber hinaus, die auf der großen Bühne ihr Talent unter Beweis stellen können. - © Foto: Pinsch
Musikbegeistert: Das "Lokation" im Bad Salzufler Bahnhof ist für die Mitglieder von "Gleis 1" so etwas wie ihr zweites Wohnzimmer. Regelmäßig organisieren sie Veranstaltungen mit zumeist jungen und unbekannten Künstlern aus Ostwestfalen und darüber hinaus, die auf der großen Bühne ihr Talent unter Beweis stellen können. (© Foto: Pinsch)

Bad Salzuflen. Schwerfällig senken sich die Schranken des Bahnüberganges am Begakamp. Eine spärlich gefüllte Regionalbahn, die im Stundentakt unbeirrt zwischen Paderborn und Herford pendelt, steuert den Salzufler Bahnhof an. Früher war hier mehr los, wie gleich drei Bahnsteige beweisen, wo heute einer reichen würde. Anders sieht es im Bahnhofsinneren aus: Hier geht es regelmäßig so richtig ab.

Besitzer des Gebäudes ist Thomas Daubel. In seinen drei Räumlichkeiten „Lokation", „Wartesaal" und „Bahnhofssaal" organisiert er selbst regelmäßige Konzertabende mit renommierten Musikern. Die Räume sind jedoch zugleich Spielort für die Veranstaltungen eines Kulturvereins, der im Februar 2009 in Bad Salzuflen gegründet wurde: dem „Gleis 1 Kulturbahnhof ".

Die zehn Gründungsmitglieder, zu denen auch der Vorsitzende Georg Kälble gehört, einte der Wunsch, das kulturelle Leben in ihrer Stadt um eine Institution zu bereichern, die insbesondere jungen, unbekannten Künstlern aus Ostwestfalen und darüber hinaus ein Podium bietet. „Bad Salzuflen verfügt etwa mit der Kabarett-Reihe in der Gelben Schule, dem ‚Statttheater‘, der Nordwestdeutschen Philharmonie und vielem mehr schon über ein großes Kulturangebot", erklärt Georg Kälble. „Allerdings profitieren davon zumeist bereits etablierte Künstler."

Gleis 1 kulturbahnhof Logo - © Gleis 1 Kulturbahnhof
Gleis 1 kulturbahnhof Logo (© Gleis 1 Kulturbahnhof)

Über private Kontakte organisierten die Vereinsmitglieder, die teilweise selbst als Amateurmusiker tätig sind, die ersten Konzertabende. Sich in Bad Salzuflen durchzusetzen, brauchte seine Zeit. Mittlerweile ist „Gleis 1" so bekannt, dass viele Künstler selbst Schlange stehen, um sich für einen Auftritt zu bewerben. „Sie schätzen die besondere Clubatmosphäre, die das ‚Lokation‘ ausmacht", meint Georg Kälble. Der Verein arbeitet daran, noch mehr feste Sponsoren zu finden und setzt nach wie vor auf das Engagement seiner Vereinsmitglieder. Auch Thomas Daubel sind sie für seine Unterstützung dankbar. Gut besuchte Konzerte sind derweil immer zwingend notwendig, um jene finanziell auszugleichen, für die sich weniger Zuschauer begeistern.

Auch wenn das „Gleis 1"-Team von der Qualität der Musiker, die sie in einem demokratischen Prozess gemeinsam auswählt – wobei derjenige, der einen Programmvorschlag macht, anschließend die organisatorische Federführung übernimmt –, immer überzeugt ist, birgt die Einladung unbekannter Künstler auch unkalkulierbare Risiken.

Georg Kälble erinnert sich an den Auftritt einer sechsköpfigen Deutschpop-Band aus Gießen, die damals sage und schreibe zwei Besucher anlockte. Diese wurden daraufhin so skeptisch, dass sie ihre Karten zurückgaben. „Also haben wir die Türen geschlossen und die Gruppe hat nur für uns gespielt", erzählt er. „Es war musikalisch eines der besten Konzerte, das wir je hatten."Dass es noch einmal so extrem läuft, ist heute allerdings kaum denkbar: Die jüngsten drei Events waren restlos ausverkauft.

Die bereits zur Kultveranstaltung avancierte „Gleis 1 Krimi-Nacht" sorgte ebenso für ein volles Haus wie das Konzert der Nachwuchsrocker von „More Or Less". Ähnlich voll dürfte es am 17. März werden, wenn der Bluesmusiker Bernd Rinser mit seiner „RootsRockBand" zu Gast sein wird. Generell sind den gebotenen Genres kaum Grenzen gesetzt. Von Rock und Blues über Jazz und Pop bis hin zu Poetry-Slams, Lesungen und Improvisationstheater werden von „Gleis 1" verschiedenste Sparten bedient.

Seit dem vergangenen Jahr besteht eine Kooperation mit dem Umweltzentrum „Heerser Mühle", wo unter dem Motto „Gleis 1 geht ins Grüne" Angebote des Kulturvereins stattfinden. Auch für das „Picknick im Park" in Schötmar generiert „Gleis 1" Bands. Aus einem eigentlich traurigen Anlass heraus ist zudem eine ganz besondere Veranstaltung entstanden: Im Gedenken an ihr plötzlich verstorbenes Ehrenmitglied Thorsten Laumann, den seine Freunde nur liebevoll „Ferkel" nannten, organisierte der Verein im September 2015 mit sechs Bands, darunter „Dreistorm" und den „Vantasten", ein „Festival für Ferkel", das zu einer musikalischen Erfolgsgeschichte wurde.

Für die etwa acht bis zehn ehrenamtlich aktiven Musikliebhaber, die den „harten Kern" der momentan rund 40 Mitglieder bilden, ist das eine starke Motivation, ihr Engagement fortzusetzen. Gleichzeitig hoffen sie auf neue Mitglieder. Interessierte sind herzlich zu den monatlichen Sitzungen eingeladen, die an jedem ersten Dienstag eines Monats ab 19 Uhr im „Lokation" stattfinden. Wer noch bei keinem „Gleis 1"-Konzert im Salzufler Bahnhof dabei war, sollte sich schnell überzeugen: Hier geht zwar kaum ein Zug, aber dafür ganz schön die Post ab!

Wie einst Johnny Cash

Auch im achten Jahr seines Bestehens hat der Kulturverein „Gleis 1" ein abwechslungsreiches Programm auf die Beine gestellt. So werden in den nächsten Monaten unter anderem eine Bossa-Nova-Band, ein norwegischer Singer-Songwriter und „Deutschlands bester Gitarrist" im „Lokation" erwartet. Zunächst gibt jedoch ein begnadeter Bluesmusiker seine Visitenkarte ab.

Virtuos: Am 17. März wird Bluessänger Bernd Rinser mit seiner "RootsRockBand" im "Lokation" erwartet. - © Privat
Virtuos: Am 17. März wird Bluessänger Bernd Rinser mit seiner "RootsRockBand" im "Lokation" erwartet. (© Privat)

Bernd Rinser ist ein Mann, der keine Vergleiche scheuen muss. Die „Süddeutsche Zeitung" bezeichnete ihn als „Großmeister des Folk und Blues", Besucher und Kritiker ziehen nach seinen Konzerten gerne Parallelen zu Bob Dylan und Willy DeVille heran; und wie einst Johnny Cash überzeugt er nicht nur mit seiner von rauer Wärme geprägten Stimme, sondern auch mit authentischen, kunstvollen Kompositionen.

Für den Kulturverein ist Bernd Rinsers Besuch, der bei seinem Konzert am Donnerstag, 17. März, mit dem Gitarristen Christoph John und dem Bassisten Bernhard Schönke auch seine „RootsRockBand" mitbringen wird, ein Glücksfall. Besonders ehrt sie, dass der Impuls, bei „Gleis 1" aufzutreten, vom bayrischen Musiker selbst gekommen war. „Vor etwa einem Jahr rief Bernd Rinser bei uns an", erinnert sich Kassenwart Dirk Freitag. „Er plane eine Tour Richtung Hamburg und suche noch Zwischenstationen auf dem Weg." Schon am Telefon habe er völlig unkompliziert und höchst sympathisch gewirkt, fügt Dirk Freitag hinzu.

Schnell ließen sich auch seine „Gleis 1"-Kollegen von Bernd Rinser und seiner prägnanten Reibeisenstimme, mit der er Coverversionen alter Blues-Klassiker genauso zum Besten gibt wie eigene Stücke, begeistern. Mit großer Vorfreude blicken die Mitglieder dem Auftritt des virtuosen Musikers entgegen. „Es ist immer wieder schön zu sehen, dass die Künstler gerne kommen, obwohl wir keine großen Gagen bieten können", freut sich Georg Kälble. „Ihnen geht es weniger ums Geld, sondern vor allem um die Nähe zum Publikum."

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