Hooligan-Prozess: Szenekundiger Polizist verteidigt Video-Aufnahmen

Täter aus der Anonymität geholt

VON NILS MIDDELHAUVE

Polizist verteidigt 

Video-Aufnahmen - © Bielefeld
Polizist verteidigt
Video-Aufnahmen (© Bielefeld)

Bielefeld. Ein Polizeibeamter hat am Montag den Hooligan-Überfall auf einen Werder Bremen-Fan beschrieben: "Wir sahen, dass es eine Auseinandersetzung gab. Ich schaltete die Kamera ein, zehn Sekunden später waren wir am Tatort. Da waren die beiden fast tödlichen Tritte schon passiert." Vor dem Bielefelder Landgericht ist am Montag der Prozess gegen elf junge Männer fortgesetzt worden, die im Mai nach einem Fußballspiel eine Gruppe von Gästeanhängern attackiert und einen der Angegriffenen beinahe tödlich verletzt hatten. Eine der dabei thematisierten Fragen: Hätten die zuerst eintreffenden Zivilpolizisten anders reagieren müssen?

Nach dem dramatischen Zwischenfall vom 5. Mai diesen Jahres, in dessen Folge ein Werder Bremen-Fan tagelang im Koma gelegen hatte, war mehrfach Kritik am Vorgehen der Polizei laut geworden. Während des Überfalls auf die Gruppe Bremer Fans war ein Zivilfahrzeug der Polizei mit zwei sogenannten Szenekundigen Beamten auf den Tatort zugefahren. Schon während der Anfahrt filmte der auf dem Beifahrersitz sitzende Beamte das Geschehen. Als das Fahrzeug wenige Sekunden später hielt, stieg er aus und filmte weiter, während Malte K. (26) lebensgefährlich verletzt und bewusstlos am Boden lag.

Vor der III. Großen Strafkammer des Landgerichts berichtete der Zivilpolizist, dass er ausgestiegen sei und weiter gefilmt habe, um die Täter aus der Anonymität zu holen. Dies habe ja auch präventive Wirkung. "Durch das Hochhalten der Kamera und weil wir natürlich in der Szene bekannt sind, sind dann ja, bis auf zwei Männer, auch die meisten der Täter geflohen. Somit war das Ziel erreicht, dass es zu keinen weiteren Gewalttaten mehr kommen konnte." Kurz darauf trafen weitere Beamte ein, der Hauptangeklagte Philip G. wurde noch an Ort und Stelle festgenommen. "Die Auseinandersetzung war sechs Sekunden nach unserem Aussteigen beendet", so der Polizist. "Wir hatten aber keine Chance, die beinahe tödlichen Tritte zu verhindern."
Letztere Aussage zog Nachfragen mehrerer Verteidiger nach sich.

So jene, ob es nicht durch ein Einschalten der Sirene ebenfalls hätte gelingen können, die Täter frühzeitig zur Flucht zu zwingen. Dies, so der Polizist, hätte jedoch eine zeitliche Verzögerung bedeutet. G.s Verteidiger Detlev Binder erklärte, dass aus seiner Sicht die Strafverfolgung, nicht die Strafvereitelung vorrangiges Ziel der Polizei gewesen sei. Für weitere Irritationen in den Reihen der Verteidiger sorgte die Aussage des Beamten, dass er seine eigene Zeugenvernehmung im Anschluss an die Tat im Beisein eines Kollegen selber geschrieben habe.

Zuvor hatte der Szenekundige Beamte einen Überblick über die Bielefelder Fan-Szene gegeben. Dabei stellte er klar: "Nicht jeder Ultra ist auch ein Problem-Fan." Leider neigten diese jedoch dazu, sich auch im Unrecht zu solidarisieren. Im vergangenen Jahr habe ihm der, nun wegen versuchten Mordes angeklagte G. in Burghausen aus einem Fan-Pulk heraus zugerufen "Na, du kleine Schweinebacke." Als er G. aus der Menge habe herausziehen wollen, um diesen anzuzeigen, habe ein anderer Fan – ebenfalls aus den Reihen der nun Angeklagten – ihn angefahren "Du nimmst hier gar keinen mit", berichtete der Beamte. Der Prozess wird übermorgen fortgesetzt.

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