Studenten entwickeln im "Gameslab" erfolgreich Videospiele

VON FELIX EISELE

Franzi Schloots, Lutz Gödde, Christian Günter, Volker Spaarmann und Thomas Voß (v. l.) von der Führungsmannschaft des Paderborner Gameslab arbeiten unter dem Namen "Rabbytes" ständig an neuen Spielen. - © FOTO: FELIX EISELE
Franzi Schloots, Lutz Gödde, Christian Günter, Volker Spaarmann und Thomas Voß (v. l.) von der Führungsmannschaft des Paderborner Gameslab arbeiten unter dem Namen "Rabbytes" ständig an neuen Spielen. (© FOTO: FELIX EISELE)

Paderborn. Als Jörg Müller-Lietzkow vor sechs Jahren das "Gameslab" an der Universität Paderborn einrichtete, sprach er noch von einem Zufall. Mittlerweile aber hat sich das studentische Projekt zu einem echten Entwicklungsstudio für hochklassige Videospiele gemausert. Längst genießt das autarke Konzept in der Branche einen exzellenten Ruf.

Hinter der Eisentür mit der Nummer N5.216 tut sie sich auf: die universitäre Welt der Joysticks und Gamepads, der Super-Marios und Pacmans. Rund 800 elektronische Titel für Wii, Playstation, X-Box und PC türmen sich in einer Bibliothek im Eingangsbereich, eine großzügige Tafelrunde offenbart eine kommunikative Kultur argloser Offenheit.

Dahinter: Monitore, Rechner, Tastaturen. Moderne Werkzeuge eines aufstrebenden Gewerbes. Viel mehr braucht es nicht bei den "Rabbytes", wie sich das 60- bis 80-köpfige Team des Paderborner Gameslab nennt. Allenfalls noch Kaffee in rauen Mengen, einen Hauch Kreativität und eine ordentliche Dosis Interaktion.

Das Spiel "Urban Life" ist eines von vielen erfolgreichen Projekten des Gameslab. - © FOTO: SCREENSHOT
Das Spiel "Urban Life" ist eines von vielen erfolgreichen Projekten des Gameslab. (© FOTO: SCREENSHOT)

Ohne diese Grundzutaten, so sagt Volker Spaarmann von der "Führungsriege", würde das Prinzip des Gameslab nicht funktionieren. "Wir sind offen für alle Studiengänge", sagt er, "unsere einzige Verbindung ist das Interesse an Videospielen. Und selbst das ist noch unterschiedlich ausgeprägt."

Tatsächlich gestaltet sich das Gameslab alles andere als homogen. Entgegen aller Klischees nämlich prägen mitnichten nur Informatiker wie Volker Spaarmann die Produktion, auch Medienwissenschaftler, Soziologen, Germanisten und Musiker arbeiten gemeinsam an neuen Spielen. Gründer Müller-Lietzkow fungiert dabei weniger als Lehrer denn als Mittelsmann.

Produktionen brechen mit traditionellen Dogmen

"Das Gameslab", so sagt er, "ist auch ein sozialer Ort. Wir wollen aus der universitären Neutralität ausbrechen, ohne Frontalunterricht in gegenseitigem Vertrauen arbeiten." Die zwangsläufigen Meinungsverschiedenheiten aber seien kein Manko, meint Geschichtsstudent Christian Günter. Im Gegenteil: "Die etwas erfahreneren Entwickler", so sagt er, "gehen oft mit einem fixierten Blickwinkel zu Werke. Da kann ein unverbrauchter Blick von außen schon mal helfen."

Dass er das tatsächlich tut zeigen die erfolgreichen Produktionen, die seit der Eröffnung des Studios im Jahr 2008 entstanden sind - und die laut Müller-Lietzkow häufig mit traditionellen Dogmen brechen. Bei "Shah Mat" etwa trifft das klassische Schachspiel auf moderne Eins-zu-eins-Duelle. Das in Kooperation mit der Bundeszentrale für politische Bildung entwickelte "Politworld" vermittelt die Komplexität politischer Systeme mittels Elementen aus Simulations- und Strategiespielen. Und im Vorzeigeprojekt "Uniwalk" stoßen Nutzer in einer virtuellen Nachbildung der Uni Paderborn sowohl auf Informationen als auch auf integrierte Mini-Spiele.

Dass die "Rabbytes" mit diesen Ergebnissen nicht eben den klassischen Markt bedienen, ist ihnen bewusst. Eine Berechtigung aber hätten sie gleichwohl, meint Thomas Voß. "Spielerische Elemente", so sagt er, "finden sich immer häufiger in der Gesellschaft." Auch deshalb seien Videospiele mittlerweile zu einem modernen Kulturgut geworden, bei dem das Profitdenken zunehmend von moralischen Überlegungen verdrängt wird.

"Mit netten Leuten ein gutes Projekt vollenden"

"Entwickler stellen sich mehr und mehr ihrer Verantwortung und generieren einen Mehrwert für den Spieler." So, wie es die "Rabbytes" längst praktizieren. Auch deshalb steht der Erfolg im Gameslab nur an zweiter Stelle. Viel wichtiger, so sagt etwa Franzi Schloots, sei der Spaß. "Die meisten wollen einfach mit netten Leuten ein gutes Projekt vollenden."

Scheine oder Noten gebe es ohnehin kaum. Dafür aber Erfahrung und zusätzliche Qualifikationen in der Vita. Und natürlich das Ansehen in Fachkreisen. Längst sind namhafte Firmen wie Goodgames, Crytek oder Bigpoint auf Paderborn aufmerksam geworden. Branchenpioniere wie Don Daglow (Stormfront) oder Simon Hellwig (Kalypso) kommen gerne zu Besuch. Und die Jobaussichten, so sagt Müller-Lietzkow, liegen bei "nahezu 100 Prozent". Absolventen jedenfalls finden sich mittlerweile in rund 30 Unternehmen. "Auch in Führungspositionen."

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