10.000 Menschen bei Kundgebung machen Bielefeld stolz

Größte Demo in Bielefeld seit 1991 / Lichter und starke Worte für eine bessere Welt

Jens Reichenbach

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10.000 Teilnehmer zückten während der Schweigeminute ihre Lichter, Handys, Kerzen und Taschenlampen. - © Foto: Christian Weische
10.000 Teilnehmer zückten während der Schweigeminute ihre Lichter, Handys, Kerzen und Taschenlampen. (© Foto: Christian Weische)

Bielefeld. Es war eine beeindruckende Atmosphäre auf dem Jahnplatz. Die letzten Glockenschläge der vier Innenstadt-Kirchen waren gerade noch zu hören, als Wiebke Esdar die 10.000 Teilnehmer der Kundgebung "Bielefeld ist bunt und weltoffen" zur Schweigeminute aufrief. Seit 1991 waren in Bielefeld nicht mehr so viele Menschen für eine gemeinsame Sache zusammengekommen und trotzdem herrschte Stille. Tausende ließen Lichter und Kerzen sprechen. Nur ein Baby plärrte irgendwo im Hintergrund.

Nach dem Gedenken an die Opfer terroristischer, religiös motivierter und rassistischer Gewalt war angesichts der Menschenmassen auf dem Jahnplatz ein enormes Euphoriegefühl zu spüren. Jubel brandete auf als Sozialpfarrer Matthias Blomeier die von der Polizei geschätzte Teilnehmerzahl bekannt gab. "Bielefeld sagt Ja zu Menschlichkeit", betonte Bürgermeisterin Karin Schrader. "Ich verwende das Wort Stolz nicht oft. Aber heute bin ich stolz, dass so viele Menschen in unserer Stadt zusammengekommen sind."

Bielefeld: Kundgebung auf dem Jahnplatz "Bielefeld ist bunt und weltoffen"

Bielefeld: Kundgebung auf dem Jahnplatz

Klaus Rees vom Bündnis gegen Rechts hatte zuvor noch betont, dass das Statement der Veranstaltung das wichtigste sei. Aber letztlich war die Menge der Menschen ein Statement für sich. "Man kann dieses Signal gar nicht überschätzen, weil es deutlich macht, dass in Bielefeld kein Platz ist für Populismus und Rechtsextremismus." Und es sei auch ein Signal für alle gewesen, die bei uns leben, dass sie hier willkommen sind, dass es hier Toleranz gibt.

Teilweise sehr persönlich

Und es sei auch ein deutliches Signal für diejenigen gewesen, die das gefährden wollen: "Pegida und ähnliche Bewegungen."

Mit teilweise sehr persönlichen Worten wandten sich Vertreter der Zivilbevölkerung an die Teilnehmer. Theaterschauspielerin Carmen Priego rief dazu auf, lieber zu zögern und zu zaudern, als sich seine Weltanschauung unverrückbar zurechtzulegen: "Wir sollten nicht alles glauben, was wir denken."

Irith Michelsohn, Vorstand der jüdischen Gemeinde, erinnerte in einer mutigen Rede an die zahlreichen Flüchtlinge, die den Schutz unserer Gesellschaft bräuchten, aber auch eine funktionierende Integration. Dafür seien alle aufgerufen, denn daran hapere es noch immer. "Wir sind alle gefordert. Aber wir fordern auch die muslimischen Verbände auf, ihre Jugendlichen auf den richtigen Weg zu verhelfen." Cemil Sahinöz vom Bündnis islamischer Gemeinden betonte: "Auch wir Muslime versuchen, Radikalisierungen entgegenzuwirken. Auch Muslime verurteilen Gewalt und solche brutalen Banden."

Frühere Großdemonstrationen

Zur Verteidigung der Bürgerrechte und für den Frieden sind die Bielefelder in den vergangenen Jahren immer wieder in großer Zahl auf die Straße gegangen.

Wenige Tage bevor die USA in den ersten Krieg gegen den irakischen Diktator Saddam Hussein marschierte, zogen am Samstag, 12. Januar 1991, rund 15.000 Menschen protestierend durch die Innenstadt. Es war die größte politische Demonstration seit den 1950er Jahren in Bielefeld.

Mehr als 8.000 Teilnehmer schätzte die Polizei am Samstag, 2. Februar 2002. Sie gingen gegen Fremdenhass auf die Straße. Auslöser waren Anfeindungen der NPD gegen eine Ausstellung im Historischen Museum, die die "Verbrechen der Wehrmacht" im Zweiten Weltkrieg zeigte.

Zusammen etwa 6.500 Menschen versammelten sich Heiligabend 2011 am Hauptbahnhof und vor dem AJZ an der Heeper Straße, um einen angekündigten Neonazi-Marsch zu vereiteln. (Arno Ley)

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