Lebensversicherer rechnen sich künstlich arm

Vorwurf: Kunden zahlen Zeche für Risikopuffer allein

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Bielefeld. Den Lebensversicherungen in Deutschland geht es trotz Niedrigzinsen besser, als sie vorgeben. "Von einer Notlage der Branche ist nach wie vor nicht die geringste Spur zu sehen", resümiert das Magazin Öko-Test, das 66 Versicherer unter die Lupe nahm. Die Tester kritisieren: Während die Lebensversicherer ihre Kunden auf radikale Zinsdiät setzten, "schneiden sie sich selbst dagegen eine immer dickere Scheibe vom Gewinnkuchen ab" und rechneten sich künstlich arm.
Die Behauptung der Branche, dass sie unter den Minizinsen leide, sei in Wahrheit "reine Vernebelungstaktik", so das Magazin. Das Neugeschäft boome: Die Beitragseinnahmen der Branche stiegen 2013 noch stärker als im Vorjahr. "Und die Kapitalanlagen, in denen umgerechnet 68,8 Milliarden Euro an stillen Reserven stecken, werfen geradezu traumhafte Gewinne ab", ermittelten die Tester. Mit 4,49 Prozent sei die Nettoverzinsung der Kapitalanlagen üppig und erstaunlich stabil. Versicherer hätten damit kein Problem, ihre Garantieleistungen zu erbringen, und könnten Kunden auch ordentliche Überschüsse gewähren. "Tun sie aber nicht", so die Tester. Stattdessen schrumpfe die Beteiligung der Kunden an den Überschüssen immer weiter. Während sie früher zu 90 Prozent am Rohgewinn beteiligt worden seien, liege die Quote nun im Schnitt bei nur gut 63 Prozent. Bei manchen Versicherern seien es keine 40 Prozent.
20 Milliarden Euro im Reservetopf
Ein Grund dafür ist die 2011 gesetzlich eingeführte sogenannte Zinszusatzreserve, die Versicherer als Risikopuffer bilden müssen, um auch bei einer langanhaltenden Niedrigzinsphase die Garantieleistungen noch erfüllen zu können. Laut dem Bericht werden in diesem Reservetopf bereits rund 20 Milliarden Euro gebunkert. Doch die Zeche dafür zahlten die Kunden. Denn die Versicherer ließen sich diese Reserve von den Kunden finanzieren. "Die müssen dafür auf Überschüsse verzichten", für die sie wegen fehlender verbindlicher Regelung womöglich keine Entschädigung erhielten, wenn ihr Vertrag endet, so die Kritik. 2013 flossen demnach im Schnitt knapp 30 Prozent des Rohgewinns in diese Reserve.
Die Zinszusatzreserve wird aus Überschüssen der Versicherten gespeist. Sie dient Unternehmen als Notreserve in zinsarmen Zeiten. Erst bei steigenden Zinsen wird die Reserve in gleichem Maße wieder aufgelöst. Endet ein Altvertrag, sollten Kunden von Verbraucherschützern prüfen lassen, ob sie für ihren Zinsverzicht auch entschädigt werden.
Normalerweise werde der Rohgewinn aber zwischen Unternehmen und Kunden aufgeteilt. Stattdessen würden die Finanzierungsmittel schon vor der offiziellen Berechnung des Rohgewinns abgezogen. In Österreich habe die Finanzmarktaufsicht eine solche Praxis verboten. Auch dort werde zwar eine Zinszusatzreserve gebildet, "doch müssen Österreichs Versicherer sie allein aus Unternehmensmitteln stemmen". Mithilfe von Aufsicht und Politik dürften Versicherer hierzulande den Risikopuffer in ihren Bilanzen als Verpflichtungen verbuchen und so den Anschein von schmelzenden Reserven erwecken.
Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft weist die Kritik ab und reicht den schwarzen Peter an die Bundesfinanzaufsicht weiter. Auch gebe es keine "traumhaften Gewinne", so eine Sprecherin. Denn sie beinhalteten auch einmalige Gewinne aus dem Wertpapierverkauf. Die Tester kontern: Selbst die laufenden Erträge aus Kapitalanlagen seien mit 3,9 Prozent gut: "Die Garantiezinsverpflichtung betrug 2013 nur 3,08 Prozent."

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