Dirk Müller: „Wir werden nicht von Gutmenschen regiert!“

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Dirk Müller
Dirk Müller

Dirk Müller ist gefragter Experte bei Themen rund um die Finanzwirtschaft. Im Interview mit Oliver Herold spricht er über Ratingagenturen, Griechenland und warum viele Bürger unter der Europolitik leiden.
Herr Müller, Negativzinsen auf Spareinlagen, Senkung der Umlaufrendite für die Riester-Rente auf 0,35 Prozent, geplanter Auszahlungsstopp bei Lebensversicherungen – Kleinanleger und Sparer sehen bei solchen Hiobsbotschaften ihre Altersvorsorge in Gefahr. Was raten Sie?

DIRK MÜLLER: Von Geldwerten fernbleiben, in Sachwerte investieren! Durch die aktuelle Billiggeldpolitik der EZB verliert der Euro an Kaufkraft. Ich rate zu Investitionen in Fonds oder Unternehmen mit Substanz und Stärke. Acht bis zehn Prozent Rendite sind dabei keine Seltenheit. Natürlich muss man eine solche Investition langfristig, also auf mindestens fünf bis zehn Jahre, betrachten. Auch sollte man für etwa 10 bis 20 Prozent der liquiden Mittel physische Edelmetalle kaufen.
 
Aktuell jagen die Börsen von einem Rekord zum nächsten, obwohl wir seit 2008 in einer Wirtschaftskrise stecken. Wie hängt das zusammen?

MÜLLER: Man darf nicht den Fehler machen und die Aktienkurse als Indikator für die derzeitige Wirtschaftslage sehen. Das war früher einmal der Fall. Durch das viele billige Geld aber, das die Notenbanken in die Märkte pumpen, entsteht eine extreme Verzerrung der Realität. In vielen Bereichen wird nur noch gezockt und wild spekuliert. Das hat mit dem ursprünglichen Sinn der Börsen, Geld für mittelständische Unternehmen zu sammeln, damit diese investieren können, nichts mehr zu tun.
Führende Politiker fordern daher seit Jahren eine Regulierung der Finanz- und Aktienmärkte. Ist eine solche Kontrolle in Zeiten des Hochfrequenzhandels überhaupt möglich?

MÜLLER: Das ist nicht nur möglich, sondern zwingend notwendig! Die Börsen sind völlig aus den Fugen geraten. Kein Mensch braucht einen Handel in Nanosekunden. Als würde sich der Wert eines Unternehmens innerhalb von Millisekunden ändern.
Vor einigen Jahren beeinflussten sogenannte Ratingagenturen, die quasi aus dem Nichts auftauchten, stark die Märkte. Sie waren in der Lage, nicht nur Unternehmen, sondern ganze Staaten abzuwerten. Warum hört man von denen nichts mehr?

MÜLLER: Ratingagenturen gibt es schon lange. Sie haben insbesondere in Europa zwischen 2008 und 2011 eine unrühmliche Rolle gespielt. Hintergrund war, dass der Euro den Dollar beinahe als Leitwährung abgelöst hätte, sich die USA das aber auf keinen Fall leisten konnten. Die Ratingagenturen hatten in dieser Zeit einen maßgeblichen Anteil daran, die Eurozone in Misskredit zu bringen, was ja auch funktioniert hat. Heute hört man von den Ratingagenturen kaum noch Lautes in Richtung Europa. „Mission accomplished“, sozusagen. Dafür ist jetzt Russland im Fokus der Abwertungen.
Wie steht es momentan um den Euro und die Eurozone?

MÜLLER: Katastrophal! Der Euro säuft im Vergleich zu den anderen Währungen gerade heftig ab. Das hilft zwar einerseits der Exportwirtschaft wie den Automobilkonzernen, trifft aber andererseits den Bürger. Unsere Währung wird immer wertloser, der Preis für Importe wie Öl steigt, auch der Urlaub im nichteuropäischen Ausland wird teurer.
Sie hatten es eingangs bereits angesprochen: Der Plan der EZB, bis 2016 jeden Monat für 60 Milliarden Euro Staatsanleihen zu kaufen, ist Ihrer Meinung nach also falsch?

MÜLLER: Genau! Wir brauchen nicht noch mehr billiges Geld, sondern Investitionen. Die Hoffnung, dass die Banken das Geld als Kredite weitergeben und somit das Wirtschaftswachstum angekurbelt wird, ist ein Irrglaube. Vor allem die Länder Südeuropas, die das Geld benötigen, bekommen es nicht, weil die von der EU auferlegten Sparpakete dringende Investitionen verhindern und kaum jemand in diesen Ländern in der Lage oder willens ist, einen Kredit aufzunehmen.
Das am heftigsten von den EU-Sparmaßnahmen betroffene Land, Griechenland, hat gerade eine linke Regierung gewählt. Was bedeutet das für Europa und für Deutschland?

MÜLLER: Es ist das logische Ergebnis einer falschen europäischen Währungs- und Wirtschaftspolitik. Ich habe diese Entwicklung im Jahr 2011 exakt so vorhergesagt, das war nicht schwierig. In eine Krise hineinzusparen führt zum Zusammenbruch der Wirtschaft, zu Massenarbeitslosigkeit und am Ende einer Radikalisierung der Menschen am rechten oder linken Rand. Das hatten wir in Deutschland in den 1930er Jahren, jetzt in Griechenland. Wenn wir in Europa diese Politik nicht radikal ändern, ist das die größte Gefahr für das wichtige Jahrhundertprojekt „Europa“. Vielleicht ist Tsipras der Weckruf zur richtigen Zeit, bevor das Pendel beim nächsten Urnengang in Griechenland oder anderswo nach rechts ausschlägt.
Kann ein Wirtschaftssystem, das ausschließlich auf Wachstum beruht, dauerhaft funktionieren, oder muss es irgendwann gegen die Wand fahren?

MÜLLER: Wachstum haben wir seit Anbeginn der Menschheit, und wir werden es auch weiterhin haben. Selbst die Natur wächst ja ständig. Wenn wir aber Wachstum, so wie wir es heute tun, als Ressourcen-Verbrauch definieren und weniger als geschlossenen Kreislauf sehen, dann wird das schiefgehen. Hier brauchen wir zwingend ein Umdenken.
Geopolitisch beobachten wir derzeit starke Veränderungen. Sie und viele weitere namhafte Experten betonen, dass beispielsweise der Ukraine-Konflikt gezielt von den USA herbeigeführt wurde.

MÜLLER: Richtig! Und das ist nicht nur eine Behauptung, sondern eine nachzulesende Tatsache. Bereits Ende der 90er Jahre hat Zbigniew Brzezinski, der seit Nixon und bis heute alle US-Präsidenten geostrategisch berät, in seinem Buch „The Grand Chessboard“ (Das große Schachbrett) die aktuellen Entwicklungen minutiös niedergeschrieben. Alles, was seither geschehen ist, aktuell geschieht und künftig geschehen wird, ist dort nachzulesen. Die USA sind gerade dabei, ihre Macht und ihren Einfluss auf dem eurasischen Kontinent zu sichern. Die Ukraine ist in diesen Überlegungen ein wichtiger Schlüsselstein. Man muss wissen, dass auf eurasischem Gebiet nicht nur 75 Prozent der Menschheit leben, sondern dass hier auch 75 Prozent der Rohstoffvorkommen liegen.
Klingt nach einer gigantischen Verschwörung der Machtelite . . .

MÜLLER: Machen wir uns nichts vor: Wir werden nicht von Gutmenschen regiert, sondern von Geostrategen und Menschen mit Machtinteressen. Die Welt war nie anders. Wenn man das weiß, sieht man, dass viele Entwicklungen auf der Welt zusammenhängen. Allerdings warne ich dringend vor Verallgemeinerungen und Verschwörungstheorien. Die Welt ist zu komplex, um das alles bis ins Detail durchzuplanen.
Sie warnen seit Jahren vor dem Zusammenbruch der Weltwirtschaft. Realistisch geschätzt: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit eines Kollapses innerhalb der nächsten fünf Jahre?

MÜLLER: Keine Ahnung! Den Zeitpunkt kann Ihnen niemand voraussagen. Dem Kommunismus hat man damals auch nur fünf Jahre gegeben, daraus wurden dann 40 Jahre! Aktuell erleben wir, wie mit Unwahrheiten, Finten und Notenbankaktivitäten Jahr um Jahr gewonnen wird. Vielleicht geht das noch 10 oder 15 Jahre gut. Vielleicht geht es auch morgen schon schief.
„Mr. Dax“
Dirk Müller ist 46 Jahre alt. Der gebürtige Frankfurter ist vielen unter dem Namen „Mr. Dax“ bekannt. Diesen Spitznamen erhielt er, weil sein Arbeitsplatz an der Frankfurter Börse unter der Dax-Kurstafel lag. Das nutzten Medien und fotografierten Müller häufig als Sinnbild der aktuellen Finanzsituation. Heute ist Müller TV-Experte und Autor mehrerer Bücher.

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