Junge Alkoholikerin bekämpft schreibend ihre Sucht

Lebensmut statt Selbstzerstörung: Wie eine junge Frau die Kurve bekam

von Hans-Hermann Igges

  • 0
Schutzengel im Arm: Julia Schilling (l.) und ihre Lehrerin von der Fortbildungsakademie der Wirtschaft, Annette Klaus.  - © H.-H. Igges
Schutzengel im Arm: Julia Schilling (l.) und ihre Lehrerin von der Fortbildungsakademie der Wirtschaft, Annette Klaus.  (© H.-H. Igges)

Paderborn. Julia Schilling ist 21 Jahre alt und Alkoholikerin. Dass sie ihr Leben nach einer schwierigen Jugend und dem Abrutschen in die Sucht nun in den Griff bekommen hat, verdankt sie letztlich ihrem eigenen Lebensmut - den Kräften, die sie erst entdeckte, als sie sich ganz am Ende glaubte. Den Anstoß dazu gab ihre Lehrerin.
Kerzengerade sitzt Julia auf einem Drehstuhl vor zwei Dutzend Schülerinnen und Schülern. Hier an der Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW) in Paderborn war sie selbst vor einer Weile noch eine der Schülerinnen, versuchte sich mit einem Berufsvorbereitungsjahr irgendwie weiter durch ihr Leben zu hangeln, nachdem sie das Gymnasium in der Oberstufe geschmissen hatte. 
Doch da war sie schon viel zu erschöpft zum Lernen. Schlief in der Schule ein, wenn keiner hinsah. Arbeitete später an einer Supermarkt-Kasse, um Geld zu verdienen, das sie abends mit ihrer Clique oder allein versoff. Auf mehr als vier Stunden Nachtschlaf sei sie da nie gekommen, erzählt Julia den Schülern.
"Meine Botschaft heute an euch ist, dass ihr auf euch hört", sagt sie den Jugendlichen. Die hängen aufmerksam an ihren Lippen, zwei Stunden lang, ohne Pause. Niemand quatscht dazwischen. Der Alkohol habe ihr damals eine Botschaft geliefert, sagt Julia. Nämlich sich die Frage zu stellen, was eigentlich mit ihr los sei.
Dieser Frage ging sie dann nach der Entgiftung während einer 22 Wochen dauernden Therapie in einer Spezialklinik im Sauerland nach. Aus ihren dabei entstandenen Berichten hat sie kürzlich ein Buch gemacht: "Der Pfad meiner Entfesselung". Schreiben als Weg der Selbsterkenntnis. Für Julia ein so heilsamer Weg, dass sie ihn weiter gehen will und inzwischen an ihrem zweiten Buch sitzt. Doch das gestalte sich zäher, sagt sie.
"Ich war für meine Eltern immer nur das schlimme Kind, ich entwickelte zu ihnen ein ambivalentes Verhältnis", lautet eine der Einsichten, die Julia in der Therapie gewann. Der Vater Alkoholiker, die Mutter süchtig nach Fernsehen, hagelte es für Julia zuweilen Schläge. Aber niemand habe ihre Eltern auf die vielen Blutergüsse angesprochen, erzählt Julia heute.
Früh habe sie Störungen wie krankhaften Ordnungs- und Sauberkeitsfimmel, später dann Ess- oder Magersucht entwickelt. Nach einer Standpauke wegen einer schlechten Schulnote habe sie mit 14 Jahren erstmals zu Alkohol gegriffen und sich dann regelmäßig mit Freunden an den Wochenenden betrunken. Dann geriet sie in eine andere Clique, die auch schon nachmittags trank. Nach dem Zerwürfnis mit ihrem elf Jahre alten Bruder, der für sie zeitweilig Vater und Mutter ersetzte, trank sie auch allein. Sie brach die Schule ab, bekam Depressionen und Selbstmordgedanken. Über einen - zum Glück - missglückten Versuch mit Schlaftabletten redete sie erst später in der Therapie.
Dass mit Julia etwas nicht stimmte, fiel ihrer Lehrerin Annette Klaus auf. Julia, die längst das Saufen satthatte, aber nicht wusste, wie sie ohne Alkohol leben könnte, gestand der Lehrerin eines Tages ihre Angst, einer Ausbildung nicht gewachsen zu sein. Es folgte der gemeinsame Gang zur Suchtberatung. "Dafür bin ich dir dankbar", sagt Julia der Lehrerin vor allen anderen. Und die ahnen: Annette Klaus war für Julia das, was man einen Schutzengel nennt. Heute lebt Julia in einer anderen Stadt, hat eine eigene Wohnung, will Abitur machen.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2018
Texte und Fotos von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

0 Kommentare
0 Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem gültigen LZ-Plus-Zugang möglich. Jetzt testen!