Verbraucherschützer wollen andere Begriffe für vegetarische Produkte

Andrea Frühauf

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Vegetarische oder vegane Ernährungsweise liegt im Trend. Selbst bekannte Wursthersteller stocken ihr Produktportfolio mit Fleischersatz auf. - © dpa
Vegetarische oder vegane Ernährungsweise liegt im Trend. Selbst bekannte Wursthersteller stocken ihr Produktportfolio mit Fleischersatz auf. (© dpa)

Bielefeld. Vegetarische Steaks, vegane Wurst, Veggie-Bratwürste: In Supermärkten finden sich immer mehr alternative Produkte zu Fleisch und Wurst, die auf pflanzlicher Basis hergestellt sind. Damit reagiert die Lebensmittelindustrie auf die wachsende Nachfrage nach fleischloser Kost.

Doch die Bezeichnungen für Fleisch-Ersatzprodukte sorgen für Ärger. Die CDU in Niedersachsen spricht von „Verbrauchertäuschung" und fordert, Fleischersatzprodukte sollten nicht mehr als „Wurst", „Schnitzel", „Frikadelle" oder „Salami" verkauft werden.

Till Strecker vom Vegetarierbund Deutschland (VEBU) versteht den Wirbel nicht. Grund für den CDU-Vorstoß sei Lobbyismus. „Das kommt von zwei Seiten: den Handwerksfleischern und dem Bauernverband, die um ihren Absatz fürchten." Laut Marktforscher Nielsen erwirtschaftete der Lebensmitteleinzelhandel 2015 gut 150 Millionen Euro Umsatz mit vegetarisch-veganen Wurst- und Fleischalternativen.

Im Vergleich zum Vorjahr sei dies mehr als eine Verdoppelung. „Trotz stark wachsender Nachfrage ist dieser Markt aber noch klein", sagt Strecker. Zum Vergleich: 2015 erwirtschaftete der deutsche Lebensmitteleinzelhandel insgesamt 170,6 Milliarden Euro Umsatz.

Der Deutsche Fleischerverband und der Bauernverband beantragten bereits im März bei der Deutschen Lebensmittelbuchkommission, dass für fleischlose Produkte die Bezeichnungen von Fleischerzeugnissen nicht verwendet werden dürfen.

Fleischlose Erzeugnisse sollten lieber neutral „Bratstück" heißen, so die Anregung. Denn viele der Ersatzprodukte hätten weder in Zusammensetzung noch in Geschmack mit traditionellen Erzeugnissen wie Wurst und Schinken etwas gemeinsam.

Strecker betont dagegen: „Die Bezeichnung Bratstück wäre viel verwirrender." Wenn fleischlose Schnitzel und Frikadellen mit dem Zusatz „vegetarisch" oder „vegan" gekennzeichnet seien, „wird Verbrauchern nichts vorgegaukelt". Viele würden gerne Fleisch essen, verzichteten aber aus Tierschutzgründen darauf. Deshalb gebe es Produkte, die den „Originalen" möglichst ähnlich seien und entsprechend benannt würden. Selbst Gerichte hätten daran keinen Anstoß gefunden.

Verbraucherschützer sehen das allerdings anders. Der Konsument müsse auf der Verpackung erkennen können, um welches Produkt mit welchen Eigenschaften es sich handelt. Der Verbraucherzentrale Bundesverband fordert deshalb einen Leitsatz im Deutschen Lebensmittelbuch, wie solche Alternativprodukte benannt werden dürfen. Denn es gehe nicht nur um Ersatz für Fleisch, sondern etwa auch um „veganes Eis".

Neben Fleischkonzernen wie Wiesenhof und Rügenwalder Mühle bietet auch die Tönnies-Gruppe (Rheda-Wiedenbrück) neuerdings vegetarische Produkte an und produziert neben Soja-Knackwürstchen auch Veggie-Rostbratwürste. Im Sinne eines offenen Umgangs mit Kunden sollten Produktkennzeichnungen selbsterklärend sein und rechtlich so gestaltet, „dass keine größeren Interpretationsspielräume bleiben", teilt Tönnies-Sprecher Markus Eicher mit.

Er räumt ein: „Ob Bezeichnungen wie ,Vegetarische Fleischwurst’ wirklich selbsterklärend sind, könnte man in Zweifel ziehen." Allerdings sollten Änderungen vereinheitlicht für alle gelten. „Eine Regelung, die hierbei Klarheit schafft, könnte vielleicht hilfreich sein."

Das Präsidium der Deutschen Lebensmittelbuch-Kommission hat vor Tagen beschlossen, sich zu einem Fachausschuss für leitsatzübergreifende Fragestellungen zusammenzuschließen, um sich mit der Frage der Beschreibung vegetarischer und veganer Lebensmittel in den Leitsätzen des Deutschen Lebensmittelbuchs zu befassen.

Information

Adenauer entwickelte Soja-Wurst

Der spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer entwickelte im Ersten Weltkrieg eine Soja-Wurst, für die er ein Patent erhielt. Wurst war im Krieg Mangelware. Adenauer war damals als Ernährungsdezernent für die Nahrungsversorgung der Stadt Köln zuständig.

Er wollte tierisches Eiweiß in der bei den Deutschen „beliebten Wurst" durch billigeres Pflanzeneiweiß ersetzen. Konsumenten sollte „das Pflanzeneiweiß gewissermaßen unter der Maske der Fleischnahrung gegeben" werden.

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