Folter-Fall von Bosseborn: Angelika W. stellt sich den Fragen des Gerichts

Jutta Steinmetz

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Zum ersten Mal zeigt Angelika W. beim Prozess ihr Gesicht. Neben ihr sitzt Verteidiger Peter Wüller. - © Jürgen Mahncke
Zum ersten Mal zeigt Angelika W. beim Prozess ihr Gesicht. Neben ihr sitzt Verteidiger Peter Wüller. (© Jürgen Mahncke)

Paderborn. Es ist der dritte Tag im sogenannten Bosseborn-Prozess vor dem Paderborner Schwurgericht und Angelika W. hat nun jede Scheu verloren. Vom rosa Aktendeckel ist nichts mehr zu sehen, als sich die Kameraleute kurz vor Verhandlungsbeginn vor der Anklagebank aufbauen. Entspannt lässt sie sich ablichten.

Ebenso gelöst steht die kleine, etwas pummelige Frau, die ihren braunen Pony schnurgerade geschnitten trägt, weiterhin allen Prozessbeteiligten Rede und Antwort über die Grausamkeiten, die in ihrer Beziehung zu Wilfried W. an der Tagesordnung waren. Sie erzählt nicht minder bereitwillig von ihren eigenen Gewalttaten, mit denen sie irgendwann die fünf Frauen traktierte, die in Bosseborn bei ihnen lebten. Dass Angelika W. diese kniff, schlug, trat, an den Haaren zerrte, ankettete oder eiskalt abduschte, geschah augenscheinlich aus eigenem Antrieb – als Strafe, wenn diese „genervt" oder gegen die Grundregeln im Umgang mit Wilfried W. verstoßen hatten. Niemals, so die 46-Jährige, habe dieser sie konkret aufgefordert, die Mitbewohnerinnen zu misshandeln.

Während sie ganz genau berichten kann, was sie – aber auch Wilfried W. – den Frauen antat, ist ihr letztlich eine eigene Antwort auf die Frage nach dem Warum unmöglich. Angelika W. bezieht sich lieber auf das, was die Gutachterin Nahlah Saimeh in ihrer Expertise niederschrieb: „Sie hat den Frauen Dinge angetan, die Wilfried W. ihr antat."

In sachlichem, fast geschäftsmäßigem Ton geht sie zusammen mit dem Vorsitzenden Richter Bernd Emminghaus eine Liste durch, die sie kurz nach ihrer Festnahme im Gefängnis erstellt hat. Auf ihr sind 66 Arten von Grausamkeiten verzeichnet, mit denen das Paar die Frauen traktierte. Denn auch für diese galten die seltsamen Regeln des Hausherrn, wie ständiger Blickkontakt während der nicht selten Stunden andauernden Gespräche oder Vermeidung ungeliebter Wörter. Bei Zuwiderhandlungen folgte dann, meist nach großem Lamento, die heftige Strafe auf dem Fuße.

Als einer der Nebenklagevertreter fragt, warum sie sich so gut erinnern, die Brutalitäten so sehr genau sowohl dem jeweiligen Urheber als auch dem jeweiligen Opfer zuordnen kann, geht Angelika W. die Antwort wieder sehr leicht über die Lippen. „Ich habe ein gutes Gedächtnis. Und ich war schließlich selbst Täterin oder als Zeugin dabei. Die Liste stimmt", sagt sie mit fester Stimme und betont dann, dass das, was im Gericht bei vielen für Entsetzen sorgt, für sie etwas ganz Normales war. „Verrohung war für mich Alltag. Wenn Sie von mir aber verlangten, Kuchen zu backen, wäre das für mich was Besonderes."

Doch genau beim Gespräch über diese Liste kommt ein bisschen das Gefühl auf, dass Angelika W. durch die lange, äußerst detaillierte Aufzeichnung das Ausmaß ihres eigenen gewalttätigen Handelns bewusst wurde. „Selbst mir ist aufgefallen, dass ich mit der Zeit immer mehr beteiligt war", sagt sie. „Aber alles, was ich aufgeschrieben habe, ist die Wahrheit."

Obschon sie selbst jahrelang Grausamkeiten von Wilfried W. erdulden musste, ein kleines Frauchen war Angelika W. in der Beziehung wohl nicht. „Ich war nicht austauschbar", sagt sie selbstbewusst und spricht von „meinem Mut und meinem großen Mund. Ich habe versucht, für ihn Sachen hinzukriegen, die andere Frauen nicht hingekriegt hätten." Und so formulierte sie immer wieder Anzeigen, um Partnerinnen für Wilfried W. zu suchen. „Um sie zu quälen?", will dessen Verteidiger Detlev Binder wissen. „Nein", sagt Angelika W. Das hätten sie beide nicht zum Ziel gehabt. Vielmehr habe sie für ihren Mann die Traumfrau gesucht. Sogar bei der Redaktion einer der beliebten Kuppelshows eines Fernsehsenders habe sie deshalb angerufen.

Eifersüchtig sei sie auf die Frauen nicht gewesen, die sich meldeten und einzogen in das Gehöft in Bosseborn, sagt die 46-Jährige. Sie seien eine Entlastung gewesen. Nun hätte sie nicht mehr unentwegt um Wilfried W. herum sein, nicht mehr endlose, Stunden währende Diskussionen darüber führen müssen, ob es Nudeln oder Kartoffeln gebe zum Essen.

Warum ihr Partner so agierte, dafür hat Angelika W. keine Erklärung. „Ich war über 17 Jahre neben ihm, nicht in seinem Kopf", sagt sie und will weiter dem Gericht Rede und Antwort stehen. Am kommenden Dienstag wird ihre Befragung fortgesetzt. Dann soll es auch um das erste Todesopfer in Bosseborn, Annika W. aus Uslar in Niedersachsen, gehen. Deren Mutter, Sigrid K., ist Nebenklägerin im Bosseborn-Prozess und beobachtete den Prozess am dritten Verhandlungstag gemeinsam mit ihrem Anwalt Roland Becker aus Berlin, – wohl auch, weil sie sich nähere Erkenntnisse über das Schicksal ihrer Tochter Annika erhoffte.

In Bosseborn will die Angst der Bewohner nicht weichen

Wer im Internet nach Bosseborn sucht, stößt als erstes auf die Foltermorde, die von Angelika und Wilfried W. begangen wurden. Der mit 529 Einwohnern kleinste Stadtteil von Höxter kommt seit deren Verhaftung nicht mehr zur Ruhe. Unter den Beobachtern des Prozesses vor dem Paderborner Landgericht waren auch einige Bosseborner, die in ständiger Angst leben. Sie hatten noch vor der Festnahme des Folterpaares beobachtet, wie sich im und um das kleine Gehöft über Jahre seltsame, unerklärliche Dinge abspielten. Sie sahen Frauen mit abgeschnittenen Haaren, zu Boden geschubste, verängstigte und verletzte Frauen.

Sie griffen jedoch nicht ein, weil sie Angst hatten vor eventuellen tätlichen Übergriffen von Wilfried W. und seiner Lebensgefährtin, vor unliebsamen Fragen der Polizei, vor Unannehmlichkeiten. Sie verschlossen ihre Augen vor dem, was nicht sein konnte und durfte. Die Angst ist nicht gewichen, sondern mit Prozessbeginn eher größer geworden. „Wir machen uns Sorgen", sagt eine jüngere Zuschauerin. „Werden wir eventuell wegen unserer Gleichgültigkeit oder unseres Wegschauens zur Rechenschaft gezogen werden können?" Viele haben jetzt Angst davor, sich mitschuldig gemacht zu haben am Tod von zwei Frauen.

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