Debatte um Tabuthema Sexualität und Behinderung

Nora Pfützenreuter

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Sexualbegleitung: Die Prostituierte „Karin Engel" liebkost den behinderten Roland in Limbach. - © dpa
Sexualbegleitung: Die Prostituierte „Karin Engel" liebkost den behinderten Roland in Limbach. (© dpa)

Bielefeld/Düsseldorf. Es ist offenbar ein Tabuthema: Menschen mit Behinderung und Sexualität – das passt in vielen Köpfen nicht zusammen und darüber zu reden, fällt vielen ebenfalls schwer.

Das wurde unlängst durch die Debatte deutlich, die die pflegepolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion der Grünen, Elisabeth Scharfenberg, durch ihre Äußerung angestoßen hatte. Scharfenberg hatte gefordert, Pflegebedürftigen und Schwerkranken „Sex auf Rezept" zu bezahlen. In den Niederlanden sei dies bereits Praxis, allerdings unter strengen Auflagen.

Das Prinzip der Sexualbegleitung

Im Kern geht es um die sogenannte Sexualbegleitung für Menschen mit Behinderung. Der Begriff „Sexualbegleitung" wurde 2001 von der Sexualassistentin Nina de Vries und Lothar Sandfort vom „Institut zur Selbst-Bestimmung Behinderter" (ISBB) in Niedersachsen initiiert. Dabei bezahlen beeinträchtige Menschen nicht wie bei der klassischen Prostitution für einen bestimmten Akt, sondern nach Zeit.

Zertifizierte Sexualbegleiter, die keine Prostituierten im herkömmlichen Sinne sind, können ihnen erste intime Erfahrungen ermöglichen und sie dabei anleiten, ihre eigene Sexualität auszuleben. Die Begleitung kann daher viele Formen annehmen: Massagen, bekannte Sexualpraktiken, Nähe und zwischenmenschliche Begegnungen.

Menschen in Pflegeheimen, mit oder ohne Behinderung, hätten ein Selbstbestimmungsrecht, über die eigene Sexualität zu entscheiden, sagt Horst Vöge, NRW-Landesvorsitzender des Sozialverbands VdK. Die Finanzierung sieht er jedoch kritisch: „Die Pflegeversicherung ist eine Teilkaskoversicherung, die bestimmte Bereiche der Pflege umfasst – die sexuelle Begleitung gehört unserer Ansicht nach nicht dazu." Die Fragen der Sexualtherapien seien im Vergleich zu anderen Themen wie Altersarmut und Rentenversorgung nach Meinung des VdK NRW zweitrangig.

Wer übernimmt die Kosten?

Zur Finanzierung äußert sich Michael Conty, Geschäftsführer von Bethel.regional in Bielefeld, ebenfalls kritisch. „Ich sehe im Moment nicht, dass aus Mitteln der Krankenkasse Leistungen generiert werden könnten." Jedoch sei Sexualität ein normales Bedürfnis für jeden Menschen, egal, ob mit oder ohne Behinderung. Auch Behinderte müssten genauso wie andere mit ihren Wünschen nach Partnerschaft, Liebe und Sexualität umgehen. Bethel.regional arbeite seit Jahren mit der Beratungsstelle des Verbands Pro Familia in Bielefeld zusammen.

„Hormone machen auch vor einer Behinderung nicht halt", sagt Patrizia Kubanek. Die 37-Jährige ist Sexualberaterin für Menschen mit Behinderung und macht derzeit eine Ausbildung zur allgemeinen Sexualtherapeutin. Bei ihr selbst wurde im Alter von einem Jahr eine spinale Muskelatrophie (fortschreitender Muskelschwund) festgestellt.

Dass für viele das Thema zweitrangig sei, liege ihrer Meinung daran, dass diejenigen immer noch an dem klassischen Fürsorge-Denken für Menschen mit Behinderung festhalten. Dabei gehöre Sexualität bei allen erwachsenen Menschen zur Gesundheit dazu. „Wenn jemand sexuell unzufrieden ist, ist er körperlich auch unzufrieden."

Zwar gehöre es zum Prozess der Teilhabe, dass Kosten von den Kommunen übernommen werden, sagt Kubanek. Es sei ihrer Meinung nach aber falsch, eine Sexualbegleitung „auf Krankenschein" zu verschreiben. Das erwecke den falschen Anschein, nämlich, dass die Sexualität von Menschen mit Behinderung eine Krankheit sei. „Ich fände es zudem nicht gut, wenn die gesamten Kosten von den Kommunen übernommen werden, sondern eher Teile davon, wie zum Beispiel Anfahrtskosten", sagt die Sexualberaterin. Die Dienstleistung sollte ihrer Meinung den Wert haben, dass es auch von demjenigen, der sie in Anspruch nimmt, selbst bezahlt wird.

Pädagogische Werte fördern

Sexualbegleitung habe auch einen pädagogischen Wert, sei sensibel und könne unterstützend wirken. Es gehe auch darum, die sexuelle Selbstbestimmung auszuarbeiten. Zertifizierte Sexualbegleiter werden zum Beispiel beim ISBB in Trebel in Niedersachsen in einer über 200-stündigen Fortbildung geschult. Eine staatlich anerkannte Ausbildung gibt es nicht.

„Wir finden Sexualbegleitung für Menschen mit Behinderung wichtig", sagt Reinhard Brand, Sexualpädagoge der Beratungsstelle von Pro Familia in Bielefeld. Sexualität zu erleben, sei für viele von ihnen schwierig. Sexualbegleitung habe einen hohen pädagogischen Anspruch, sagt Brand.Es gehe darum, die eigene Sexualität zu erfahren und die Persönlichkeit zu stärken. Es sollte auf die spezifischen Bedürfnisse eingegangen werden, die in Vorgesprächen geklärt werden.

Wenn Menschen mit Behinderung an allen gesellschaftlichen Belangen teilhaben sollen, könne man Sexualität nicht ausschließen. Beim Thema „Sexualität und Behinderung" gäbe es viele Vorurteile, dass man „schlafende Hunde wecken würde". Dabei sei das gar nicht der Fall, wenn Aufklärung geleistet werde. Viele Menschen mit Behinderung würden mit ihren Fragen allein gelassen.

Viele Jugendliche mit einer Behinderung hätten nicht so die Möglichkeit, sich auszuprobieren wie ihre Altersgenossen ohne Behinderung, sagt Brand. Sie erfahren aber durch das Fernsehen und Internet, dass es diese Themen gibt.

Information

Beratung und Kurse

Der Verband Pro Familia bietet in Bielefeld, Gütersloh, Paderborn, Bünde und Detmold Beratungsstellen zu den Themen Familienplanung und Sexualpädagogik an. Es gebe Kursreihen für Jugendliche und Erwachsene zu Themen der sexuellen Aufklärung. „Wir arbeiten auch mit Schulen für geistig Behinderte zusammen und informieren in sexualpädagogischen Kursreihen zu den Themen ’Liebe, Freundschaft und Sexualität’". Es sei wichtig, dass Vorurteile in diesem Bereich abgebaut werden. Brand: „Sie sind so normal wie andere Menschen auch."

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