Kind ertrinkt in Maurerkübel: Bewährungsstrafe für Erzieherin

Carsten Linnhoff

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Die Angeklagte geht am 17.02.2017 im Gerichtssaal in Minden zu ihrem Platz. In der privaten Kindertagespflege der Angeklagten in Porta Westfalica war im Juni 2015 ein kleiner Junge ums Leben gekommen. Das 16 Monate alte Kind war kopfüber in einen Maurerkübel gefallen und ertrunken. Die Erzieherin ist wegen Verdachts auf fahrlässige Tötung angeklagt. - © Oliver Krato/dpa
Die Angeklagte geht am 17.02.2017 im Gerichtssaal in Minden zu ihrem Platz. In der privaten Kindertagespflege der Angeklagten in Porta Westfalica war im Juni 2015 ein kleiner Junge ums Leben gekommen. Das 16 Monate alte Kind war kopfüber in einen Maurerkübel gefallen und ertrunken. Die Erzieherin ist wegen Verdachts auf fahrlässige Tötung angeklagt. (© Oliver Krato/dpa)
Minden (dpa/lnw) - Tränen auf beiden Seiten: Die Angeklagte wirkte bereits zum Prozessauftakt gebrochen. Die Eltern des toten Luca saßen der 38-Jährigen im Gerichtssaal zum ersten Mal seit Juni 2015 gegenüber. Sie hatten ihr Kind der Erzieherin vor Jahren per Betreuungsvertrag überlassen. Man kannte sich, war gemeinsam in der Grundschule. Das Vertrauens war groß - bis Luca starb.

«Ich denke jeden Tag an Luca. Er ist nicht mehr da. Es ist, als wenn mir jemand das Herz zusammenpresst», sagte der Vater des kleinen Jungen als Nebenkläger im Amtsgericht Minden. «Wir waren davon ausgegangen, dass die Tagesmütter Luca nicht aus den Augen lassen, wenn wir ihn abgeben», sagte er weiter.

Doch genau das passierte der Angeklagten, Luca war ihr für einen Augenblick entwischt, als sie sich um andere Kinder kümmerte. Der 16 Monate alte Junge ertrank in einem nur wenig mit Wasser gefüllten Kübel. Das Amtsgericht Minden verurteilte die Kita-Leiterin am Freitag zu einer Bewährungsstrafe. Mit sechs Monaten Haft blieb es im unteren Strafmaß bei fahrlässiger Tötung. «Natürlich ist dieser Fall nicht mit anderen Fällen vergleichbar, wo es höhere Strafen für fahrlässige Tötung gibt», sagte Richter Daniel Wacker.

Aber das Gericht müsse bewerten, dass die Erzieherin zwei Fehler gemacht habe: Sie ließ das jüngste Kind, das sie an diesem Tag beaufsichtigte, für wenige Augenblicke aus dem Auge. Außerdem erkannte sie die Gefahr nicht, die vom dem schon seit Jahren auf dem Grundstück stehenden Maurerkübel ausging. «Diese Gefahr hätten Sie beseitigen müssen», hielt der Richter der 38-Jährigen vor. «Auch wenn die Gefahr dieses Kübels nicht so offensichtlich wie bei einem Gartenteich ist.»

Luca war damals auf dem Gelände der Tagespflege um eine Ecke geklettert und dann kopfüber in den Kübel gefallen. Der Bottich war nur rund zehn Zentimeter mit Wasser gefüllt. Trotzdem war das Kind laut Rechtsmedizin ertrunken. Nach hektischer Suche hatte die Angeklagte den Jungen entdeckt. Ihre Versuche, Luca zu reanimieren kamen aber zu spät. Auch der Notarzt hatte keine Chance mehr.

«Meine Mandanten sind jetzt nicht zufrieden, sondern erleichtert», sagte der Anwalt der Eltern nach dem Urteil. Bei Prozessbeginn hatte die Angeklagte ihr Mitgefühl geäußert. Laut ihrer Verteidigerin ist die Frau seit dem Tod des kleinen Jungen psychisch gebrochen, die berufliche Existenz zerstört. Die Stadt hatte nach dem Vorfall ihre Einrichtung geschlossen. «Meine Mandantin ist berufsunfähig. Sie kann keine Verantwortung mehr für Kinder übernehmen», sagte die Anwältin, die vergeblich eine Einstellung des Verfahrens angeregt hatte.

Fragen und Antworten zur Aufsichtspflicht

Ob in der Kita oder dem Ferienlager: Wer sein Kind, in die Obhut anderer gibt, will es gut aufgehoben wissen. Erzieher übernehmen dann die elterliche Aufsichtspflicht. Der Prozess um den Tod eines Kleinkindes in einer Tagespflege in Porta Westfalica, für den sich eine Betreuerin verantworten muss, wirft Fragen rund um das Thema Aufsichtspflicht auf.

Wer trägt eigentlich welche Pflicht?

Zunächst sind es in der Regel die Eltern, die dafür Sorge tragen müssen, dass ihr Kind nicht zu Schaden kommt, anderen schadet oder etwas kaputt macht. Die Aufsichtspflicht kann aber auch auf andere übertragen werden. Das geschieht meist stillschweigend. Wer sein Kind in die Kita gibt, kann davon ausgehen, dass dort jemand Verantwortung trägt.

Was umfasst die Aufsichtspflicht?

Aufsichtspflichtige dürfen die Gesundheit des Kindes und anderer nicht aus den Augen verlieren. Es gilt Kinder über Gefahren zu belehren, bei Fehlern zu ermahnen und notfalls einzugreifen. «Im Prinzip wird von Aufsichtspersonen nicht mehr und nicht weniger erwartet, als von Eltern», sagt Prof. Simon Hundmeyer, Jurist und Experte in Sachen Aufsichtspflicht. «Wie Aufsicht zu führen ist, hängt ab von dem aufsichtbedürftigen Kind und von den Umständen, etwa örtlichen Gegebenheiten», erläutert er. Je gefährlicher die Situation, desto enger die Aufsicht, lautet die Faustformel.

Wie weit geht die Aufsichtspflicht?

Kinder müssen aber nicht auf Schritt und Tritt überwacht werden. Grenzen erfahre die Aufsichtspflicht etwa da, wo sie einer gesunden Entwicklung von Selbstständigkeit und Verantwortungsbewusstsein zuwiderlaufe. «Ein Kind, dem man nichts zutraut, das traut sich auch selbst nichts zu - das sehen inzwischen auch die Unfallversicherungen so», sagt Hundmeyer. Kurzum: Auch Kinder haben ein Recht auf freie Entfaltung, das verbietet unnötige Bevormundung, Gängelung und fortwährende Kontrolle, mahnen auch Aufsichtspflicht-Ratgeber.

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