Digitales Schulbuch über Russlanddeutsche wird Detmolder Schülern vorgestellt

Sven Koch und Martin Fröhlich

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Werbung aus Urgroßmutters Zeiten: Mit diesen Motiven wies der aus Württemberg stammende Zuckerbäcker Ferdinand Theodor Einem auf seine Produkte hin. Er gründete 1867 in Moskau eine Fabrik für Schokolade. Die Darstellungen sind Teil des MBooks im Internet. - © Repro: Institut für digitales Lernen
Werbung aus Urgroßmutters Zeiten: Mit diesen Motiven wies der aus Württemberg stammende Zuckerbäcker Ferdinand Theodor Einem auf seine Produkte hin. Er gründete 1867 in Moskau eine Fabrik für Schokolade. Die Darstellungen sind Teil des MBooks im Internet. (© Repro: Institut für digitales Lernen)

Düsseldorf/Detmold. Die Lehrpläne der Schulen sind dichtgepackt. Was nicht drinsteht, hat es schwer den Weg in den Unterricht zu finden. Es sei denn, man beschreitet neue, spannende Pfade. Das hat das Land NRW jetzt mit dem Institut für digitales Lernen in Eichstätt getan, um den Schülern die Kulturgeschichte der Russlanddeutschen näher zu bringen. Sie haben ein MBook herausgegeben, ein multimediales Schulbuch, das im Internet zu nutzen ist.

Beteiligt am Projekt war Katharina Neufeld, frühere Leiterin des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold. Sie sagt: „Gerade bei diesem Thema mangelte es an Fachmaterial, was es für die Lehrer, die es behandeln wollen, nicht einfacher macht." Das Material, was es gab, war zum Teil umstritten oder völlig überholt. 2012 wies auch die Landeszentrale für politische Bildung auf diesen Umstand hin. Es entstand die Idee zu einem ganz neuen Projekt. Ein Schulbuch im Internet, mit Videos, Animationen, Fotogalerien, Grafiken und Audiodateien.

Im Durchgangslager: Dieses Bild einer Familie aus Sibirien entstand 1988 in Friedland. - © Institut für Digitales Lernen/ Bundesarchiv
Im Durchgangslager: Dieses Bild einer Familie aus Sibirien entstand 1988 in Friedland. (© Institut für Digitales Lernen/ Bundesarchiv)

Jetzt ist das digitale Buch fertig und wurde am Detmolder August-Hermann-Francke-Gymnasium Schülern vorgestellt. „Die Schüler können bei Interesse sofort darauf zugreifen und müssen nicht erst ein Buch bestellen."

Und warum die Geschichte der Russlanddeutschen? Die Zeiten, als bis zu 200.000 von ihnen pro Jahr nach Deutschland übersiedelten, sind lange vorbei, die meisten dieser Zuwanderer längst integriert. „Genau das war ein Grund für uns, denn dieser Prozess spielt aktuell in der Gesellschaft wieder eine große Rolle", sagt Katharina Neufeld. Die Parallele zu Flüchtlingen von heute sei nicht zu übersehen, auch wenn Details anders gelagert seien.

Neufeld hofft, dass das Buch dabei einen besonderen Zweck erfüllt: „Es soll vor Pauschalisierungen schützen, denn die geschehen immer dann, wenn Menschen über etwas urteilen, was sie nicht genau wissen." Thorsten Klute aus Versmold, Integrations-Staatssekretär in NRW, beschreibt das so: „Die Integration der in NRW lebenden und arbeitenden Russlanddeutschen ist beispielhaft." Die Geschichte dieser Menschen sei geprägt von Verfolgung und Flucht. „Deshalb finde ich es umso wichtiger, sich dieser wechselvollen Ereignisse auch in unserem Alltag bewusst zu werden."

Zarin Katharina die Große sprach einst die Einladung aus

Allein nach Nordrhein-Westfalen kamen zwischen 1987 und 1996 rund 500.000 Russlanddeutsche. Doch was heißt das überhaupt – russlanddeutsch? Wer sind diese Menschen? Wieso kamen sie nach Deutschland? Was unterschied sie von den Einheimischen, was hatten sie gemeinsam? Diesen Fragen geht das MBook nach. Es schlägt den Bogen von den 1760er Jahren, als Zarin Katharina die Große deutsche Bauern und Handwerker nach Russland holte, bis in die Gegenwart. Die Autoren fragen, was typisch russisch ist und was typisch deutsch – etwa in Sachen Kleidung und Essen.

Sie wagen sich auch an historisch heiße Eisen, versuchen Klarheit in den Umgang mit den einst Wolgadeutsche genannten Bevölkerungsgruppen in der Stalin-Ära und deren Rolle im Zweiten Weltkrieg zu bringen. Der Bogen endet im Heute mit dem Blick auf das angespannte Verhältnis zwischen Deutschland und Russland.

Erkenntnisse soll das digitale MBook nicht nur den Schülern bringen, sondern auch denen, die das Projekt angestoßen haben. NRW-Schulstaatssekretär Ludwig Hecke sagt dazu: „Wir wollen exemplarisch herausfinden, welche Erfordernisse es im Bereich digitaler Medien im Unterricht an den Schulen gibt". Die digitale Wirklichkeit sei in der Schule längst angekommen.

Das digitale Schulbuch gibt es hier im Internet.

Information

Übersiedelte Russlanddeutsche

1985: 460
1986: 753
1987: 14.488
1988: 47.572
1989: 98.134
1990: 147.950
1991: 147.320
1992: 195.576
1993: 207.347
1994: 213.214
1995: 209.409
1996: 172.181

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