Software soll Schichtarbeit in Krankenhäusern verbessern

Hanna Paßlick

  • 0
Für die Entwicklung einer intelligenten Pflegepersonalplanung bilden Annette Nauerth (v. l.), Siegmund Neu, Eva Trompetter, Hermann-Josef Kruse, Ruben Schiel und Christian Grebe ein Team. - © Sarah Jonek
Für die Entwicklung einer intelligenten Pflegepersonalplanung bilden Annette Nauerth (v. l.), Siegmund Neu, Eva Trompetter, Hermann-Josef Kruse, Ruben Schiel und Christian Grebe ein Team. (© Sarah Jonek)

Bielefeld. Um die Schichtarbeit in Krankenhäusern zu verbessern und an die Bedürfnisse von Pflegekräften anzupassen, arbeiten Forscher der Fachhochschule Bielefeld jetzt mit Experten aus der Praxis zusammen. Drei Krankenhäuser aus Bielefeld, Paderborn und Gütersloh unterstützen die Wissenschaftler bei der Entwicklung einer besonderen Software. Sie soll die Auswirkungen vorhandener Arbeitszeitmodelle auf den Krankenhausalltag simulieren. Mithilfe der Ergebnisse könnten Kliniken die Arbeitsbedingungen für ihre Mitarbeiter verbessern und gleichzeitig vorausschauender planen.

Ausgangslage

Annette Nauerth, Pflegeexpertin der FH Bielefeld, nennt es ein „Megathema". Sie leitet das fachübergreifende Projekt mit dem Namen FiliP (Flexible und intelligente Pflegepersonalplanung), das einer schwierigen Entwicklung entgegentritt: Immer mehr Menschen werden immer älter, die Zahl der Patienten steigt. Aber in Krankenhäusern fehlen die Fachkräfte, um die gestiegenen Arbeitsanforderungen aufzufangen. Aus einer Befragung des Deutschen Gewerkschaftsbundes geht hervor, dass mehr als 60 Prozent der befragten Pflegekräfte in deutschen Krankenhäusern das Gefühl haben, heute mehr Arbeit in der gleichen Zeit schaffen zu müssen als früher.

Ansatz

Angesichts dieser Situation scheint der Beruf des Krankenpflegers zur echten Herausforderung zu mutieren. „Wer heute als Pflegekraft in einem Krankenhaus tätig ist, bleibt aufgrund der hohen Belastung im Schnitt nur 13 Jahre in diesem Beruf", sagt Projektmitarbeiter Christian Grebe. Vor allem für Berufsanfänger komme es heute kaum noch infrage, bis zur Rente im Pflegebereich zu arbeiten. An dieser Stelle wollen Forscher und Krankenhäuser nun ansetzen.

Zielsetzung

Die Software, die im Projekt entsteht, soll Pflegedienstleitungen dabei unterstützen, Arbeitspläne auf den Bedarfsfall anpassen zu können. „Wenn beispielsweise der Norovirus umgeht und viel Arbeit anfällt, müssen wir die personellen Möglichkeiten haben, das individuell steuern zu können", sagt Siegmund Neu, Sprecher der Pflegedienstleitung im Bielefelder Franziskus-Hospital – einem der Projektkrankenhäuser. Gleichzeitig soll die Software den Einrichtungen dabei helfen, verlässliche Freiräume für Mitarbeiter zu schaffen.

Bedürfnisse

Für Pflegekräfte mit kleinen Kindern etwa sei es oft schwierig, Frühdienste zu übernehmen, erklärt Projektmitarbeiterin Eva Trompetter. Andere müssten Angehörige pflegen und hätten deshalb Probleme mit ständigen Schichtwechseln. Auch regelmäßige Hobbys und die Pflege von Kontakten würden unter der Arbeitsbelastung leiden und verkümmern. Die Vereinbarkeit von Familie, Freizeit und Beruf sei im Hinblick auf unregelmäßige oder belastende Arbeitszeiten eine große Herausforderung. Doch Krankenhäuser hätten sich dem zu stellen, wenn sie für die Zukunft gerüstet sein wollen, betont Trompetter.

Methode

Um eine Software zu entwickeln, die es ermöglicht, verschiedene Arbeitszeitmodelle durchzuspielen, arbeiten an der FH Experten aus den Fachbereichen Pflege, Mathematik und Gesundheitswissenschaften zusammen. Auf drei Stationen der angeschlossenen Projekt-Krankenhäuser werden Arbeitszeiten und Arbeitsaufwand erfasst und Bedürfnisse der Pflegekräfte mit Hilfe von Interviews und Gruppendiskussionen ermittelt. Auch die Struktur und Organisation der jeweiligen Station wird festgehalten.

Ergebnis

Auf Basis dieser Daten soll bis 2018 ein digitales Werkzeug entwickelt werden, das den Personaleinsatz einer Krankenstation über ein Jahr hinweg simuliert. „Es ist eine Art Machbarkeitsstudie, die den Krankenhäusern zeigt, ob ihr vorhandenes System funktioniert oder nicht", erklärt Hermann-Josef Kruse vom Fachbereich Mathematik. Pflegedienstleiter wie Siegmund Neu erhoffen sich von der Software vor allem eine zuverlässige Entscheidungshilfe.

Neu möchte wissen, wo der Schuh drückt und was im Dienstplan umgestellt werden sollte, um Situationen zu entschärfen. „Das könnte am Ende auch heißen, dass zusätzliche Stellen geschaffen werden müssen", sagt Neu. Das große Ziel sei es, die Pflege dauerhaft zu garantieren und Mitarbeiter zufrieden zu sehen.

Information

Prototyp für weitere Simulationen

In etwa zwei Jahren soll der Prototyp der Software für eine intelligente Pflegepersonalplanung fertiggestellt sein. Bis dahin sind neben dem Bielefelder Franziskus Hospital auch das Klinikum Gütersloh und das Ev. Krankenhaus St. Johannisstift in Paderborn am Projekt beteiligt. Künftig sollen aber noch mehr Krankenhäuser von dem Tool profitieren können. Es soll übertragbar und frei zugängig sein. Außerdem wollen die Forscher es so konstruieren, dass es auch auf einfachen Oberflächen läuft.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2017
Texte und Fotos von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

0 Kommentare
0 Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem gültigen LZ-Plus-Zugang möglich. Jetzt testen!