Gebürtiger Detmolder spielt Hauptrolle in der Kinokomödie „Happy Burnout“

André Wesche

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Als Punk Fussel: „Die Frisur sieht ein bisschen zeckig aus", sagt Wotan Wilke Möhring über sein Film-Styling. - © Thomas Kost
Als Punk Fussel: „Die Frisur sieht ein bisschen zeckig aus", sagt Wotan Wilke Möhring über sein Film-Styling. (© Thomas Kost)

Herr Möhring, Sie gehörten selbst mal der Punk-Szene an. Wie sehr haben Sie Fussel geähnelt, den Sie in Ihrem Film „Happy Burnout" spielen?

Wotan Wilke Möhring: Ich habe mich sehr wohl gefühlt, für sechs Wochen mal wieder Springerstiefel anziehen zu dürfen. Ich habe beim Gang tatsächlich einen sehr guten Freund von mir kopiert, der diesen schlurfenden Jojo-Schritt hatte. Wie Fussel war ich politisch als Zecke einzuordnen, also eher anarcho-orientiert. Gar nicht so der bunte, schrille Punk aus England mit Schottenrock. Deshalb waren da sehr viele Überschneidungen möglich.

Fussel trägt seinen Namen wegen seines spärlichen Bartwuchses. Ist es in dieser Beziehung um Sie besser bestellt?

Möhring: Der Name „Fussel" ist ja der erste Hinweis darauf, dass da jemand ist, der nicht erwachsen werden will. Er trägt noch diesen Namen, den er schon als Jugendlicher hatte und stellt nicht einmal in Frage, warum das so ist. Mein eigener Bartwuchs ist ganz okay. Die Haare im Film sind allerdings Extensions. Die Frisur sieht ein bisschen 
zeckig aus, ist aber tatsächlich ein richtiger Irokese, den man aufstellen könnte. Aber für Fussel wäre es viel zu gestylt, da Haarspray draufzutun.

Information
Persönlich
  • Am 23. Mai wird Wotan Wilke Möhring 50.
  • Regelmäßig vor der Kamera steht der Detmolder erst seit 1997 („Die Bubi-Scholz-Story").
  • Zuvor absolvierte Möhring eine Lehre als Elektriker, er musizierte in Punk-Bands und war u.a. Clubbesitzer und Türsteher. Er studierte Visuelle Kommunikation und belegte Schauspiel-Workshops
  • Er ermittelt als „Tatort"-Kommissar in Hamburg und spielte 2016 Old Shatterhand im Winnetou-Dreiteiler von RTL.

War es mit Wehmut verbunden, in die alten Zeiten zurückzublicken?

Möhring: Ehrlich gesagt, ja. Tatsächlich wühle ich jetzt wieder vermehrt in alten Musikkassetten herum. Die Musik ist ja bei jeder Jugendkultur die Grundlage für die Entscheidung, sich selbst als Punk, Hip-Hopper oder Metaller zu sehen. Dieses Lebensgefühl geht vor allem von der Musik aus.

Ich fand es total lustig, nun wieder mit derselben „linksverbesserlichen" Lebenshaltung herumzulaufen, alles besser zu wissen und viel herumzulabern. Ich konnte auch sehr gut nachvollziehen, wie wohl sich Fussel auf seinem Planeten der Provokation fühlt. Bis er dahinterkommt, dass Provokation als Selbstzweck ziemlich armselig ist. Das ist dann sein erster Schritt zur Erwachsenwerdung.

Was hat diesen Schritt bei Ihnen bewirkt?

Möhring: Ich war schon voll auf Provokation getrimmt, das will man ja auch. Man will eine Reaktion der Menschen auf das, was man sagt oder wie man aussieht. Dieses Element des Chaos mag ich nach wie vor noch gern. Gewohnheiten aufmischen, Regeln durchbrechen, ins kalte Wasser springen, über den Tellerrand schauen – egal, wie man das nennt. In meinem Beruf kann ich das ausleben.

Aber auch im Privaten interessiert mich nach wie vor mehr dieses Element des lebenserhaltenden Chaos. Das finde ich spannender als die totale Sicherheit. So richtig, richtig erwachsen habe ich mich erst gefühlt, als meine erste Tochter zur Welt gekommen ist. Dann kann man sich der Verantwortung für das Morgen plötzlich nicht mehr entziehen.

Hatte es auch etwas Beängstigendes?

Möhring: Gerade als später Vater habe ich das immer anders empfunden. Das, was dir am schwersten fällt oder am meisten Bammel macht, ist das, woraus du den größten Gewinn ziehen kannst, Erfahrung und Weisheit. Bei Dingen, die dir leicht fallen, ist diese „Gewinnspanne" bei weitem nicht so groß.

In früheren Zeiten gab es häufiger die Panik: „Oh Gott, ist sie jetzt schwanger oder nicht?". Das gab es da gar nicht. Es war so sehr willkommen, obwohl du weißt, dass es dein Leben vollkommen verändern wird. Dieses Unbekannte, Ungewisse fand ich toll. Auch dass bestimmte Dinge nicht kalkulierbar sind. Das ist das 
Leben.

Sind Sie ein Helikoptervater oder brennt – wie im Film – schon mal das Zelt im Garten?

Möhring: Nee, ein Helikoptervater bin ich überhaupt nicht, um Gotteswillen! Wer Kacke baut, muss auch dazu stehen und die Konsequenzen tragen. Das habe ich selbst auch so gelernt. Bei drei Kindern, die organisiert sein wollen, bleibt auch gar nicht die Zeit für Helikopter.

Muss man denn überhaupt erwachsen werden?

Möhring: Gute Frage. Ich glaube, man muss nicht alles erfüllen, was als erwachsen gilt. Physisch ist man irgendwann erwachsen, biologisch ausgewachsen sozusagen.

Aber was ist eigentlich „erwachsen"? Mit der Vaterrolle ist es ganz ähnlich. Du gehörst der Generation der Väter an, aber du bist nicht gleich Vater. Du wirst es jeden Tag mehr. Und du wirst auch jeden Tag mehr erwachsen. Ich weiß gar nicht, ob das ein Prozess ist, der jemals abgeschlossen sein kann. Das gibt es nur auf dem Papier, zum Beispiel wenn man volljährig und strafmündig wird.

Waren Sie schon einmal an einem Punkt, an dem ein Burnout nicht fern war?

Möhring: Wirklich ausgebrannt sein kenne ich nicht, aber das Gefühl des auf sich aufpassen Müssens, das kenne ich auch, ja. Vor zwei Jahren, etwa nach der Winnetou-Zeit zum Beispiel. Man unterschätzt das leicht: die Kombination aus dem sehr physischen Beruf und dem Privatleben, was auch nicht immer ganz rund lief. Physische Signale wie Schlafmangel, Ungeduld und Zerfahrensein ignoriert man leicht zu Beginn, wenn man sie nicht kennt. Ich habe das zum Glück rechtzeitig bemerkt und für mehr Ausgleich gesorgt.

Wie?

Möhring: Es war mir schon immer wichtig, dann innezuhalten und zu fragen, was ich eigentlich mache und für wen ich das mache. Ist das noch für mich, bereitet mir das Spaß? Kann ich abends in den Spiegel gucken oder nicht? Wenn man dieses Gefühl verliert, läuft etwas nicht rund.

Außerdem musste ich lernen, dass es wichtig ist, Zeiten nur für sich selbst zu haben. Weder Familie noch Arbeit. Im letzten Jahr haben ich in Spanien Spanisch gelernt – nur für mich. Oder es zumindest versucht. Ich habe angefangen zu surfen. Ich gehe zum Fußball – nur für mich. Davon profitiert man selbst und die anderen um einen herum auch.

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