Ärzte verschreiben zu viele Medikamente für Senioren

Joachim Göres und Janet König

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Tabletten (© Symbolbild:dpa)

Bielefeld/Bonn. Frei nach dem Motto „Viel hilft viel" nehmen Patienten in Seniorenheimen im Schnitt 13 Medikamente täglich ein. Das haben Studien des Pharmazeutischen Instituts der Uni Bonn ergeben. Da es an einer systematischen Überprüfung der Arzneimittel fehle, litten die älteren Patienten häufig an Nebenwirkungen. Die mangelnde Kommunikation unter Fachärzten soll Schuld sein.

„Oft können ein bis zwei Arzneien bei Patienten mit einer langen Medikamentenliste weggelassen werden", fasst Studienleiter Ulrich Jaehde zusammen und fügt hinzu: „60 Prozent der Nebenwirkungen wären vermeidbar gewesen."

In der Studie wurde die Medikation von 789 Heimbewohnern im Raum um Bonn und Wuppertal unter die Lupe genommen. In 102 Fällen (13 Prozent) wurden unerwünschte Arzneimittelwirkungen festgestellt.
Doch Medikamente einfach wegzulassen sei problematisch, sagt Wolfgang Schmidt-Barzynski, Chefarzt der Klinik für Geriatrie im Städtischen Klinikum Bielefeld.

Das Problem liege im System: „Jeder Facharzt folgt bei der Medikamentauswahl den Leitlinien seines Gebiets – und keiner hat den Hut auf." Hausärzte seien oft nicht in der Lage, die richtige Medikation unterschiedlicher Fachrichtungen zu steuern. Zudem berge es immer ein Risiko, Medikamente zu reduzieren oder wegzulassen, da jeder Organismus anders reagiere. „Es gibt keine Studien, jede Reduktion muss individuell entschieden werden – oft ist das eine Bauchentscheidung", sagt Schmidt-Barzynski.

Studienleiter Jaehde empfiehlt die jährliche Messung des Kreatininwertes, des Blutdrucks und des Medikamentenspiegels im Blut sowie die Überprüfung der Medikation durch einen Apotheker; zweimal im Jahr sollten Antidepressiva und Neuroleptika überprüft werden.

Jaehde: „Wir haben auch untersucht, ob unsere Ratschläge in den Heimen umgesetzt werden. Bei unseren Befragungen haben wir immer wieder gehört, dass die Kommunikation aller Beteiligten für den Erfolg entscheidend ist."

Seit Oktober hat jeder Patient, der mindestens drei Medikamente bekommt, einen Anspruch auf einen Medikationsplan durch einen Arzt oder Apotheker. Darin soll aufgeführt werden, welche Arzneien in welcher Dosierung wann genommen werden – zur besseren Information von Patient und Hausarzt. Laut einer Studie aus Münster sind jedoch 90 Prozent der Pläne fehlerhaft. Und kaum ein Patient wisse, dass es sie gibt.

Information

Weniger Apotheken

  • Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Apotheken deutschlandweit unter 20.000 gesunken – der niedrigste Stand seit dem Jahr 1990.
  • In Westfalen-Lippe gab es 2016 genau 1.998 Apotheken (2015: 2.020) mit 15.800 Beschäftigten.

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